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27.11.2003 | Von:
Christiane Schulzki-Haddouti

Sicherheit im Netz und digitale Bürgerrechte

Identitätskontrollen

Nachhaltiges Interesse erfahren seit dem 11. September auch biometrische Verfahren, die früher ein Mauerblümchendasein fristeten. Neue Passgesetze ermöglichen in den USA und in Europa die Einführung biometrischer Merkmale in Visa und Pässen, um Personen anhand von Fingerabdrücken oder Gesichtskoordinaten zu identifizieren. Die EU strebt die Verwendung von Fingerabdrücken zunächst in Visa und Aufenthaltsgenehmigungen an. Die USA wollen ab Januar 2004 an Flughäfen Fotos und Fingerabdrücke von Einreisenden zur Identitätskontrolle speichern.

Derzeit lassen Bundesregierung und Bundestag Wissenschaftler in Machbarkeitsstudien Optionen für den digitalen Personalausweis prüfen. Die Leistungsfähigkeit biometrischer Identifikationssysteme ist noch umstritten. Computerjournalisten der Zeitschrift "c't" umgingen mit einfachen Basteleien nicht nur Fingerabdrucksysteme, sondern auch Gesichtserkennungs- und die als sehr sicher geltenden Iris-Scanning-Systeme.[12] Ein japanischer Mathematiker konnte Anfang 2002 elf biometrische Fingerabdruck-Systeme mit Hilfe von künstlichen Fingern aus Gummibärchen-Gelatine täuschen. Die Gummifinger wiesen mit 23 Prozent Feuchtigkeit ähnliche physikalische Eigenschaften wie echte Finger auf.[13]

Das BSI verglich in seiner Studie BioFace[14] die Erkennungsleistung von vier Gesichtserkennungssystemen und kam zu vernichtenden Ergebnissen. Die Tester stellten fest, "dass den Systemen keine eindeutige Trennung der Matches von den Non-Matches gelang". Die aufgezeichneten biometrischen Merkmale einiger Testpersonen glichen sich so stark, dass die Tester von "beinahe biometrischen Zwillingen" sprachen. Im Praxistest, der eine Zugangskontrollsituation nachstellte, erkannten zwei der vier getesteten Systeme "fast keine der Testpersonen, wobei das schlechtere dieser beiden Systeme so unzuverlässig war, dass es nur an wenigen Tagen überhaupt in Bereitschaft war". Die Erkennungsleistung der anderen Systeme lag unter 50 Prozent.

Letztlich wird die flächendeckende Einführung von biometrischen Merkmalen in den Personalausweis aber auch eine Frage des Geldes sein: Experten schätzen die Investitionskosten auf mehrere Milliarden Euro. Eine effektive Ausweiskontrolle ist zudem nur möglich durch eine aufwendige Infrastruktur: Nicht nur die Einwohnermeldeämter, sondern auch alle Polizei- sowie Bundesgrenzschutzbeamten müssten künftig mit entsprechenden Lesegeräten ausgestattet werden.

Unterdessen treiben vor allem die USA die internationale Standardisierung voran. Für die Verwendung von Gesichtsmerkmalen im Personalausweis spricht vor allem das Votum der zivilen Luftfahrtbehörde der Vereinten Nationen ICAO (International Civil Airline Organization).[15] Sie ist zuständig für die Harmonisierung des Ausweis- und Passwesens. Ergänzt werden kann die Gesichtserkennung durch bis zu zwei zusätzliche biometrische Verfahren wie Fingerabdruck und Irismuster. Derzeit arbeiten bei der internationalen Standardisierungsorganisation ISO/IEC (International Standards Organization/International Electrotechnical Commission) fünf verschiedene Arbeitsgruppen parallel an Standards für biometrische Daten.

Sie prüfen auch den Einsatz von RFID-Funkchips[16] in Pässen, welche die biometrischen Daten speichern könnten. Diese Chips sollen im kommerziellen Bereich den Scanner-Strichcode ablösen. Es handelt sich um winzige Chips mit Antenne, die eine Identifikationsnummer aussenden, wenn sie in die Nähe eines Lesegerätes gehalten werden. Mit ihrer Hilfe können Hersteller über das Internet den Weg ihrer Waren vom Lager über den Supermarkt bis zur Müllhalde nachvollziehen.[17] Allerdings können mit ihrer Hilfe auch die Bewegungsdaten der Konsumenten gesammelt werden. Zwar senden zur Zeit die Chips Daten nur über eine Entfernung von 30 Metern, doch für Access-Systeme oder firmeninterne Anwesenheitskontrollsysteme genügt dies bereits. Nicht nur Reisepässe sollen mit den Funkchips ausgestattet werden: Die Europäische Zentralbank will 500-Euro-Geldscheine ab 2005 mit den Chips ausrüsten.

Künftige Identifikationssysteme können Personen mittels implantierter Chips lokalisieren.[18] Wie RFID-Chips geben sie Daten kontaktlos weiter und sind nahezu unsichtbar. Mehr als jede andere biometrische Technologie dürften jedoch DNA-Analysesysteme auf Bedenken stoßen. So genannte DNA-Sniffer werden als aussichtsreichste Kandidaten für künftige Identifikationssysteme gehandelt. Nach Ansicht des Genetikers Sir Alec Jeffries könnte es sich hierbei um einen Kleincomputer, einen so genannten Handheld, handeln, den die Polizei an den Tatort mitnehmen kann. Er könnte verschieden Proben untersuchen und binnen Minuten mit dem genetischen Profil einer Person aufwarten. Sollte eine globale Datenbank zur Verfügung stehen, könnte diese binnen Sekunden den Täter identifizieren.[19]


Fußnoten

12.
Vgl. Lisa Thalheim/Jan Krissler/Peter-Michael Ziegler, Körperkontrolle. Biometrische Zugangssicherungen auf die Probe gestellt, in: c't, (2002) 11, S. 114ff.
13.
Vgl. Tsutomu Matsumoto, Importance of Open Discussion on Adversarial Analyses for Mobile Security Technologies. A Case Study for User Identification, 14.5. 2002, Graduate School of Environment and Information Sciences, Yokohama National University, www.itu.int/itudoc/itu-t/workshop/security/present/s5p4.html.
14.
Vgl. Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, Bio-Face-Studie, Bonn 2003, www.bsi.bund.de/fachthem/BioFace/BioFaceIIBericht.pdf.
15.
Vgl. www.icao.int.
16.
RFID: Radio Frequency Identification, Identifizierung per Funk.
17.
1999 vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) gegründet, entwickeln das Audio-ID Center in Partnerschaft mit den Universitäten Cambridge, Adelaide, Keio und St. Gallen die RFID-Technologie. Unterstützt wird es von über 100 Konzernen und Behörden, unter anderem von Coca-Cola, Unilever, Procter & Gamble und Wal-Mart bis zu UPS, Metro, Intel, SAP und dem US-Verteidigungsministerium; vgl. www.autoidcenter.org.
18.
Die US-Firma Applied Digital Solutions entwickelt unter dem Namen "Digital Angel" Bio-Implantate, Zielgruppe sind Patienten, vgl. www.adsx.com/prodservpart/digitalangel.html.
19.
Vgl. Institute for Prospective Technological Studies, Security and Privacy for the Citizen in the Post-September 11 Digital Age: A Prospective Overview, Europäische Kommission, Juli 2003.