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10.11.2003 | Von:
Ute Klammer
Reiner Hoffmann

Unvermindert wichtig: Gewerkschaften vor alten und neuen Aufgaben

Die Krise der Gewerkschaften: Fiktion und Fakten

Wenn von der Krise der Gewerkschaften die Rede ist, so steht zumeist die Mitgliederentwicklung im Zentrum. In der Tat haben die Gewerkschaften, wie z.B. politische Parteien auch, seit Jahren mit sinkenden Mitgliederzahlen zu kämpfen. Der vereinigungsbedingte Mitgliederzustrom Anfang der neunziger Jahre hat sich für die Gewerkschaften als Pyrrhussieg erwiesen. Nachdem die Mitgliederzahlen deutlich von 8 auf 12 Millionen (1991) anstiegen, sind sie in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre insbesondere im Osten dramatisch gesunken. Ursache für die Verluste sind die hohe Arbeitslosigkeit in den ostdeutschen Bundesländern und die enttäuschten Erwartungen der neuen Mitglieder. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist von 30 auf unter 20 Prozent gefallen. Erst in jüngster Zeit konnte der Abwärtstrend gestoppt werden, und in einigen wenigen Branchen sind leichte Mitgliederzuwächse zu verzeichnen. Zu-dem ist ein steigender Anteil der Gewerkschaftsmitglieder im Rentenalter - in der IG-Metall sind es schon mehr als 20 Prozent, bei Ver.di immerhin rund 17 Prozent. Von den jungen Beschäftigten unter 25 Jahren sind nur knapp 10 Prozent gewerkschaftlich organisiert.[1] Dennoch organisieren die Gewerkschaften in Deutschland mehr Jugendliche als alle politischen Parteien zusammen.

Die Zahlen weisen auf ein weit reichendes Strukturproblem hin, das keineswegs neu ist.[2] Die heutige Mitgliederstruktur entspricht der Beschäftigungsstruktur der bundesrepublikanischen Industriegesellschaft der sechziger und siebziger Jahre. Die Gewerkschaften haben es bisher kaum geschafft, die "neuen" Gruppen des Arbeitsmarktes für sich zu gewinnen: Neben jungen Menschen zählen vor allem Frauen, Angestellte und Hochqualifizierte aus neuen Branchen zu den deutlich unterrepräsentierten Gruppen. Ulrich Mückenberger hält in diesem Zusammenhang die "Rekrutierungsfalle" für eines der Hauptprobleme der Gewerkschaften.[3] Gründe hierfür sind ohne Zweifel darin zu sehen, dass diese Gruppen bisher von den Gewerkschaften im Vergleich zur Stammmitgliedschaft nicht adäquat repräsentiert und vertreten werden und dass diese bisher ihre Ressourcen zu wenig für die Gewinnung neuer Mitglieder eingesetzt haben.[4]

Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist allerdings nur ein Indikator für die Repräsentativität und Gestaltungskraft der Gewerkschaften. So ist z.B. die Zustimmung zu den Gewerkschaften bei den Betriebs- und Personalrätewahlen nach wie vor hoch. Zwischen 70 und 75 Prozent der betrieblichen Interessenvertreter sind Mitglieder einer DGB-Gewerkschaft. Auch bei den Sozialversicherungswahlen konnten sich die Gewerkschaften bislang behaupten. Jürgen Hoffmann spricht trotz der Mitgliederverluste von einer relativen Stabilität der deutschen Gewerkschaften, die vor allem mit der Stärke der verrechtlichten und kooperativen Strukturen im bundesrepublikanischen Wohlfahrtsstaat zusammenhängt.[5]

Gleichwohl sind die Probleme gewachsen. Im Zeichen der Globalisierung und des von ihr ausgehenden Drucks hat die Bindungskraft der Tarifverträge nachgelassen. Zwar waren 2001 in Westdeutschland noch 71 Prozent, in Ostdeutschland 56 Prozent der Beschäftigten in tarifvertraglich gebundenen Betrieben beschäftigt; deren Anteil sank jedoch allein zwischen 1998 und 2001 im Westen von 53 auf 48 Prozent, in Ostdeutschland sogar von 33 auf 28 Prozent.[6] Im Rahmen der teils kontrollierten, teils "wilden" Dezentralisierung häufen sich die Abweichungen von den Tarifverträgen; vielfach werden sie von den betrieblichen Interessenvertretungen im Austausch gegen Arbeitsplatzzusagen mitgetragen. Diesem Trend zur "Verbetrieblichung" der Tarifpolitik stehen die Gewerkschaften ambivalent insofern gegenüber, als er den betrieblichen Akteuren zwar neue Mitwirkungsmöglichkeiten eröffnet hat, die Durchsetzung allgemeiner Standards jedoch erschwert. Angesichts der Schwächung der Arbeitgeberverbände fehlt den Gewerkschaften zunehmend auch das adäquate Gegenüber für die eingespielte "Konfliktpartnerschaft"[7].

Auch die Ausdifferenzierung der Formen abhängiger Beschäftigung stellt die Gewerkschaften vor neue Herausforderungen. Schließlich lässt sich eine zunehmend differenzierte Arbeitnehmerschaft mit unterschiedlichen Arbeitsverhältnissen und Interessen sehr viel schwerer organisieren und vertreten, als dies bei der klassischen Klientel der Gewerkschaften: männlichen Industriearbeitern, der Fall war - und zwar vor allem dort, wo es zu Interessensunterschieden zwischen Stammmitgliedern und neuen Arbeitnehmergruppen, aber auch Arbeitslosen kommt.

Die skizzierten Entwicklungen und strukturellen Probleme sind den Gewerkschaften bestens bekannt und werden von ihnen durchaus selbstkritisch diskutiert. Bereits 1996 hat der DGB ein neues Grundsatzprogramm verabschiedet, dem eine breite Debatte vorausging und in dem diesozioökonomischen Veränderungen durchaus erkannt und die daraus notwendigerweise resultierende programmatische Erneuerung vorgenommen wurde. In der Folge gab es zahlreiche gewerkschaftliche Zukunftsdiskurse, u.a. in der Industriegewerkschaft Metall (IGM) und in der IG Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE). Auch die gewerkschaftlichen Fusionen der letzten Jahre sind eine Reaktion auf die neuen Herausforderungen. Gleichwohl bleibt die organisatorische und programmatische Erneuerung der deutschen Gewerkschaften z. T. hilflos, weil sie sich zu stark an den internen Organisations- und Machtinteressen orientiert.[8] So haben die Fusionen bisher nicht zu Mitgliederzuwächsen geführt, was darauf hindeutet, dass die Attraktivität der neuen Organisationen für bestimmte Arbeitnehmergruppen nicht verbessert werden konnte. Die Frage ist, ob die bisher gewählten Strategien zur Bewältigung der Herausforderungen ausreichen werden.


Fußnoten

1.
Vgl. Bernhard Ebbinghaus, Dinosaurier der Dienstleistungsgesellschaft? Der Mitgliederschwund deutscher Gewerkschaften im historischen und internationalen Vergleich, MPIfG Working Paper, (März 2002) 2/3. (MPIfG = Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung).
2.
Vgl. u.a. Jürgen Hoffmann u.a. (Hrsg.), Jenseits der Beschlusslage, Köln 1990.
3.
Vgl. Ulrich Mückenberger, Gesellschaftliche Strukturveränderungen erfordern veränderte Konzepte der Gewerkschaften, Vortrag auf der Jahrestagung der Kooperationsstelle Hochschule - Gewerkschaften Oldenburg am 25.1. 2002.
4.
Vgl. Heiner Dribbusch, Gewerkschaftliche Mitgliedergewinnung im Dienstleistungssektor - Ein Drei-Länder-Vergleich im Einzelhandel, Forschung aus der Hans Böckler Stiftung 46, Berlin 2003.
5.
Vgl. Jürgen Hoffmann, Die Arbeitsbeziehungen und die Gewerkschaften in Deutschland unter Modernisierungs- und Globalisierungsdruck, in: Jeremy Waddington/Reiner Hoffmann (Hrsg.), Zwischen Kontinuität und Modernisierung - Gewerkschaftliche Herausforderungen in Europa, Münster 2001, S. 187.
6.
Vgl. Reinhard Bispinck, Das deutsche Tarifsystem in Zeiten der Krise - Streit um Flächentarif. Differenzierung und Mindeststandards, in: WSI-Mitteilungen, (2003) 7, S. 395.
7.
Walter Müller-Jentsch (Hrsg.)., Konfliktpartnerschaft. Akteure und Institutionen der industriellen Beziehungen, München-Mering 1999 3 .
8.
Vgl. J. Hoffmann (Anm. 5), S. 188.