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10.11.2003 | Von:
Ute Klammer
Reiner Hoffmann

Unvermindert wichtig: Gewerkschaften vor alten und neuen Aufgaben

Gewerkschaftliche Strategien - Erfolg versprechende Konzepte?

Die Gewerkschaften sind - trotz mancher Schwächen - nicht die Reformbremser und Besitzstandsverteidiger. Sie haben durchaus zukunftsweisende Konzepte zur Weiterentwicklung der Arbeitsmarkt-, Sozial- und Tarifpolitik entwickelt; sie werden in der öffentlichen Debatte allerdings häufig ignoriert. Auch ist nicht zu verkennen, dass sie sich de facto wie kaum eine gesellschaftliche Organisation in den letzten Jahrzehnten gewandelt haben. So sind die Tarifverträge inzwischen wesentlich flexibler und anpassungsfähiger als ihr Ruf bzw. als die Wahrnehmung derjenigen Kritiker, die notorisch die Starrheit des Flächentarifvertrags beklagen.[9] Die Gewerkschaften und dieArbeitnehmervertretungen in den Betrieben haben in den letzten Jahren viele innovative Ansätze in ihren "klassischen" Betätigungsfeldern, etwa der Arbeitszeitpolitik, (weiter)entwickelt und neue Themen, wie Qualifizierung, Altersteilzeit, tarifliche Alterssicherung oder die Beteiligung von Arbeitnehmern am Produktivvermögen, aufgegriffen. Gerade die von den Gewerkschaften und den betrieblichen Arbeitnehmervertretungen unterstützte zügige tarifliche und betriebliche Ausgestaltung der 1996 eingeführten Altersteilzeit sowie der durch die Rentenreform 2001 vorgegebenen Möglichkeiten der tariflichen und betrieblichen Altersversorgung zeigen, dass sich die Gewerkschaften für die Umsetzung sozialpolitischer Gesetzesmaßnahmen aktiv engagiert haben - auch dann, wenn sie bestimmte Elemente der jeweiligen Reform kritisiert hatten.[10]

In vielen Ländern wurden in den letzten Jahren von den Gewerkschaften Initiativen zur Neubelebung und Modernisierung der Arbeiterbewegung gestartet. Die niederländischen Gewerkschaften etwa konnten ihre Mitgliederzahlen - nach einem drastischen Rückgang - wieder erkennbar steigern, indem sie sich frühzeitig für neue Arbeitnehmergruppen öffneten. So entspricht z.B. der Organisationsgrad der Teilzeitbeschäftigten dem der Vollzeitbeschäftigten. Auch in Großbritannien ist in den letzten Jahren eine Revitalisierung zu registrieren, der ein deutlicher Strategiewechsel vorausging. Nach wie vor hoch ist die Zustimmung zu den Gewerkschaften in Skandinavien, wo sie weiterhin - wie zuletzt auch in Italien - eine gesellschaftliche Kraft bei den Reformen der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik darstellen.[11]

Martin Behrens u.a. haben sechs international relevante Strategiefelder einer "Revitalisierung" der Gewerkschaften identifiziert und für Deutschland analysiert:[12] Initiativen zur Mitgliedergewinnung, Gewerkschaftszusammenschlüsse und interne Umstrukturierungsprozesse, Weiterentwicklungen der Sozialpartnerschaft (z.B. durch die Aufnahme neuer Themen in den Tarifverhandlungen), politische Beteiligung (z.B. im Rahmen des Bündnisses für Arbeit), Bündnisse und gemeinsame Aktionen mit sozialen Bewegungen (wie der Ökologiebewegung oder den Globalisierungskritikern) und schließlich den Ausbau der inter- und supranationalen Kooperation der Gewerkschaften, vor allem im Rahmen der EU. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass die deutschen Gewerkschaften in allen genannten Feldern tätig sind und zahlreiche Initiativen verfolgen. Allerdings sei hierbei bislang keine kohärente Gesamtstrategie, welche die Potenziale der einzelnen Strategiefelder bündele, zu erkennen. Ein Grund hierfür wird in den Beschränkungen der Handlungsfähigkeit der Gewerkschaften durch die Einbettung in vielfältige institutionelle Arrangements gesehen.[13]


Fußnoten

9.
Vgl. hierzu zahlreiche Arbeiten des WSI-Tarifarchivs, zuletzt das Schwerpunktheft 7/2003 der WSI-Mitteilungen zum Thema "Flächentarifvertrag - Mindeststandards - Niedrigeinkommen" sowie das Sonderheft der WSI-Mitteilungen "Industrial Relations in Germany - an Empirical Survey", August 2003.
10.
Inzwischen gibt es über 790 Branchen- und Firmentarifverträge zu Altersteilzeit, von denen rund 16,3 Millionen Beschäftigte erfasst sind; zur Altersvorsorge sind seit der Riester-Reform (bis Ende 2002) in rund 300 Tarifbereichen Tarifverträge abgeschlossen worden. Vgl. R. Bispinck (Anm. 6), S. 401.
11.
16 Länderstudien zur Situation der Gewerkschaften finden sich in: J. Waddington/R. Hoffmann (Anm. 5).
12.
Vgl. Martin Behrens/Michael/Fichter/Carola M. Frege, Unions in Germany: Regaining the Initiative, in: European Journal of Industrial Relations, 9 (2003) 1. International vergleichende Analysen zu der aus dem angelsächsischen Raum stammenden Debatte um "Labour Movement Revitalization" finden sich im Heft 9/2003 der WSI-Mitteilungen.
13.
Vgl. ebd., S. 25.