APUZ Dossier Bild

6.10.2003 | Von:
Natascha Adamowsky

Totale Vernetzung - totale Verstrickung?

Die Vision: Allgegenwart und Unsichtbarkeit

Das Konzept des ubiquitous computing sieht vor, kleinste Computerprozessoren und mikroelektronische Sensoren in jeden Alltagsgegenstand zu integrieren. Bemerkenswert ist, dass für diesen Vorgang die Begriffe "Allgegenwart" und "Unsichtbarkeit" verwendet werden: Den Wunsch nach Allgegenwart haben westliche Kulturen bislang vorzugsweise in der Gestalt Gottes formuliert; der Wunsch nach Unsichtbarkeit technischer Funktionsweisen hingegen ist ein alter Trick magisch-artistischer Praktiken. Was aber haben metaphysisches Denken und magische Vorstellungen in computerwissenschaftlichen Technikvisionen verloren?

Totalität und technische Ganzheit

Die Vision eines Lebens in einer Welt smarter Alltagsdinge besteht aus zwei Seiten. Die Vorderseite sieht eine ganz neue Verbindung zwischen Mensch und Umwelt, realer und virtueller Welt vor: Die Umwelt wird smart, unterstützt uns auf ganz neue Art und Weise, indem sie uns überall und jederzeit mit relevanten Informationen versorgt. Weder ist jedoch klar, was mit smart tatsächlich gemeint ist, noch, worin die Relevanz der vielen Informationen bestehen könnte. Deutlich jedoch ist, dass diese Smartness überall herrschen und dafür sorgen soll, dass ein irgendwie intuitives Einverständnis und Verstehen zwischen dem Einzelnen und den Dingen der Umwelt herrscht. Die Frage ist jedoch, ob man mit der Implementierung einer vollautomatisch funktionierenden Umwelt tatsächlich beziehungsreiche Formen schaffen kann, die es einem ermöglichen, ein Leben in lebendigen Zusammenhängen zu führen. Bislang klingt die Lösung, dazu alle Dinge irgendwie smart zu machen und mit einer globalen intuitiv reagierenden Datenhülle zu vernetzen, nicht überzeugend. Auch ist nicht zu sehen, inwiefern der Wunsch, "überall" und "jederzeit" "mit allen Dingen" kommunizieren zu können, auf eine so häufig angekündigte Verbesserung der Lebensqualität hinauslaufen sollte.

Die Komponente Qualität ist in dieser Gleichung noch gar nicht enthalten. Überspitzt gesagt: Man liest von Goldhamstern, die nicht mehr verloren gehen, Tiefkühlpizzen, die ihre Garzeit der Mikrowelle mitteilen, und Teddybären, die für die abwesenden Eltern das Leben der Kleinen filmen. Warum das die komplette Verschmelzung der Welt mit einem digitalen Code erfordert, erscheint ebensowenig plausibel wie der Vorschlag, dass vernachlässigte Haustiere, Tiefkühlkost oder abwesende Eltern nachhaltig etwas mit verbesserter Lebensqualität zu tun haben könnten. Nichtsdestoweniger scheint man bereits in den Startlöchern zu stehen, um eine Welle der Anpassung um den Globus rollen zu lassen. Es ist damit zu rechnen, dass im Zuge eines solchen Technisierungsschubs "ganzheitlich" mit "einheitlich" verwechselt wird. Denn damit die kleinen Chips auch alle und überall ihre Daten untereinander austauschen können, muss eine flächendeckende Topographie des Digitalen entwickelt werden. Ein ganzheitlicher, "intuitiver" Zusammenhang mit der Umwelt jedoch oder gar eine Verbesserung der Lebensqualität geht damit weder einher noch läuft es darauf hinaus. Die Welt ist hinterher lediglich umfassend genormt und elektronisch standardisiert.

Mit dieser Normung und Standardisierung aller Lebensbereiche ist die Kehrseite der Vorstellung einer Allgegenwart von Computern verbunden: Die Welt wird zu einem gigantischen transhumanen, selbstreproduktiven System, das von Einzelwillen wie -körpern unabhängig funktioniert. Im Prinzip tut das jedes technische System,[2] der vorliegende Entwurf ist jedoch in seiner Selbstbezüglichkeit von außergewöhnlicher Radikalität. Konflikte und Spannungen sind vor allem dadurch zu erwarten, dass die Organisation menschlicher Gesellschaften konstitutiv auf Intersubjektivität angelegt ist. Ubiquitous computing entwirft demgegenüber eine Welt, in deren Logik jeder Datentransfer "Kommunikation" heißt und nur in Gestalt einer Kommunikation zwischen Dingen stattfinden kann. In einem solchen Weltmodell kommt der Mensch nur als Datenträger vor, nicht als komplexes menschliches Wesen.

Verschwinden und unsichtbarer Zusammenhang als Effekt der Magie

In vielen Passagen über ubiquitous computing-Anwendungen wird versprochen, dass die neue Technik uns nachhaltig verzaubern werde. Die neuen Möglichkeiten werden beschrieben in einer Rhetorik des Magischen. So heißt es, dass der Nutzer den Eindruck haben werde, die Gegenstände selbst könnten ihm Informationen zufunken. Man liest, dass die Dinge "neugierig" seien, sich "Sorgen" machten, vor allem aber, dass sie nichts anderes anstrebten, als immerzu zu Diensten zu sein.[3] Dieses animistische Bekenntnis zur absoluten Weltkontrolle per Zauberhand aber ist der Kern dessen, was seit der Antike als hermetische Tradition, als Magie bezeichnet wird.

Der entscheidende Punkt dieser historischen Parallele für die Debatte liegt darin, die Hintergründe solcher Selbstverortungen zu erkunden und dabei nicht voreilig Konventionen zu erliegen, beispielsweise dem modernen gesellschaftlichen Verständnis einer Unvereinbarkeit von Technik und Magie. Diese Unvereinbarkeit ist jedoch keinem unveränderlichen Merkmal der Technik geschuldet, sondern Ergebnis historischer Entwicklungen.

Jahrtausendelang galt technisches Erzeugen wesentlich als magische Operation. Der Techniker wurde als jemand gedacht, der um die Geheimnisse der Natur weiß und sie zu manipulieren versteht. Technische und magische Praktiken galten als zwei gleichberechtigte Seiten der Naturbeeinflussung.[4] Noch für die Naturmagier im 16. Jahrhundert bildeten sie ein gemeinsames Projekt, nämlich die Kräfte der Natur gemäß ihren im Kosmos verankerten Gesetzmäßigkeiten und Eigenschaften dem eigenen Einfluss zu unterwerfen. Erst mit dem Ende der Renaissance beginnt sich ein neuzeitlich-naturwissenschaftliches Technikverständnis durchzusetzen, das diese Allianz beenden wird.[5]

Im Zuge der Industrialisierung und einer sich formierenden säkularen, wissenschaftlichen Zivilisation wurde der Zusammenhang von technischen und magischen Praktiken als zwei Seiten der Naturbeeinflussung endgültig aufgelöst. Verbindungen von Magie und Technik nahmen zum einen den Weg in die industriell geprägte Unterhaltungs- und Zerstreuungskultur, zum anderen begann man sich fortschrittlich an "Wundern der Technik" zu berauschen. Diese neuen Technikwunder aber sind in das wissenschaftlich-ökonomische Weltbild der Moderne eingeschlossen. In ihnen ist kein Platz mehr für den Techniker als bewundertem Magus. Der Techniker wird nurmehr eingestellt als Personal, um das technisch Machbare zu bearbeiten.

Die Beziehungen zwischen Technik und Gesellschaft unterliegen einem historischen Wandel. Unser Technikverständnis ist veränderbar. Dies ist deshalb wichtig zu betonen, weil man so die Referenz der ubiquitous computing-Autoren auf magische Praktiken nicht als technikfremde Verfehlung lesen muss. Wenn etwas auch anders sein könnte, kann man das, was von der derzeitigen Norm abweicht, anders bewerten. Es ist dann nicht notwendig falsch, sondern vielleicht nur falsch ausgedrückt. Man kann es auf Alternativen befragen und das Neue in ihm suchen.

Vor diesem Hintergrund könnte man das Experiment wagen, den Rekurs auf Wunder und Magie in ubiquitous computing-Papieren als Signal eines Dissenses aufzufassen, als eine Absage an etablierte Zweck-Mittel-Rahmungen, die derzeit für Technikentwicklungen vorgesehen sind. Für ein solches Experiment spräche die nicht einmal bahnbrechende Erkenntnis, dass Zweck-Mittel-Dispositive die Phantasie nicht unbedingt beflügeln. So könnte es sich als durchaus produktiv erweisen, die magischen Versatzstücke in ubiquitous computing-Visionen beim Wort zu nehmen und sich auf das intellektuelle Abenteuer einer modernen Verbindung von Technik und Magie einzulassen. Ein Gedankenexperiment zu modernen Allianzen von Technik und Magie könnte auf ganz neue Zugänge zum ubiquitous computing-Projekt stoßen. Neue Ideen zum Performativ-Wirkkräftigen der neuen Computermedien könnten dabei entstehen, vielleicht wären dem Netz der Netze auch epistemologische Qualitäten abzugewinnen oder neue Formen von Teilnahme und Kooperation.

Selbst wenn sich am Schluss herausstellen sollte, dass die Ideenwelt der Magie ein Holzweg war, wird die Dynamik des einmal freigesetzten Denkens sich kaum wieder einfangen lassen. Zumindest wäre dies ein Weg, es furchtlos mit jener monströsen Welt aufzunehmen, die in ubiquitous computing lediglich eine weitere universale Sprache des Geldes sieht. Jeder von der neuen Technik inspirierte Gestalter oder Konstrukteur sollte daher Gelegenheit haben, alle Register seiner Vorstellungskraft zu ziehen. Es ist in keiner Weise einsichtig, warum es gerade für die Entwicklung der avanciertesten Techniken ungewöhnlich sein sollte, in Zusammenhängen zu denken oder den Wunsch zu haben, etwas wirklich Atemberaubendes hervorzubringen.


Fußnoten

2.
Zu einer kulturwissenschaftlichen Reflexion technischer Systeme vgl. Hartmut Böhme/ Peter Matussek/ Lothar Müller, Orientierung Kulturwissenschaft. Was sie kann, was sie will, Reinbek 2000, S. 173 - 175.
3.
Für eine Reihe von Beispielen siehe z.B. Jürgen Bohn/ Vlad Coroama/ Marc Langheinrich/ Friedemann Mattern/ Michael Rohs (2002), Allgegenwart und Verschwinden des Computers. Leben in einer Welt smarter Alltagsdinge, http://www.inf.ethz.ch/vs/publ/papers/allvercom.pdf.
4.
Vgl. H. Böhme u. a. (Anm. 2), S. 170.
5.
Eine umfassende Darstellung dieses Zusammenhangs gibt Morris Berman, Wiederverzauberung der Welt, Reinbek 1985; insbes. Kapitel 3 und 4.