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6.10.2003 | Von:
Siegfried Behrendt
Lorenz M. Hilty
Lorenz Erdmann

Nachhaltigkeit und Vorsorge - Anforderungen der Digitalisierung an das politische System

Ethische Aspekte der Digitalisierung

Auch wenn nicht klar gesagt werden kann, wie der Digitalisierungsgrad in Zukunft verlaufen wird, werfen alle Szenarien doch ethische Fragen auf. Sie stehen im Zusammenhang mit einer Reihe von Problemfeldern der Informationsgesellschaft, die seit längerem diskutiert werden. Dabei geht es vor allem um die Prinzipien der traditionellen Ethik, die durch bestimmte Anwendungen von ICT tangiert sind: Achtung der Menschenwürde, Fürsorge, soziale Gerechtigkeit.

Es sind fünf Themen, die aufgrund ihrer ethischen Implikationen und ihres Konfliktpotenzials in diesen Diskussionen immer wiederkehren: 1. Datenschutz ("privacy"): Wo endet die Freiheit des Einzelnen, Daten zu sammeln, im Konflikt mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung (das sich aus dem Autonomieprinzip ableitet)? 2.Sicherheit ("security"): Welches Niveau an Sicherheit eines Informatiksystems muss garantiert werden können, damit es verantwortbar ist, das System einzusetzen? Wer ist für Sicherheitsmängel verantwortlich? Ist es ein krimineller Akt oder ein Dienst an der Gesellschaft, Sicherheitsmängel aufzuspüren und publik zu machen? 3. Unbeherrschte Komplexität ("unmastered complexity")[7]: Bei komplexen, insbesondere bei verteilten Informatiksystemen ist es in der Regel nicht möglich, bestimmte Eigenschaften dieser Systeme formal zu garantieren. Resultiert aus der zunehmenden Abhängigkeit von solchen Systemen ein Verlust der Verantwortbarkeit von Entscheidungen ("Inkontinenzproblem")? 4. Freie Meinungsäußerung ("free speech"): Wo stößt das Recht auf freie Meinungsäußerung bei der Nutzung elektronischer Medien an Grenzen, weil es mit anderen Grundrechten in Konflikt kommt? Darf oder soll es eine Zensur von Inhalten des Internet geben? 5. Geistiges Eigentum ("intellectual property"): Wo verläuft die Grenze zwischen Information als öffentlichem Gut, das aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit jedem zugänglich sein muss, und geistigem Eigentum, über das ein Eigentümer autonom verfügen kann?

Weitere Probleme der Informationsgesellschaft mit ethischen Implikationen werden erst seit wenigen Jahren oder noch nicht in vergleichbarer Breite diskutiert.[8] 1. Digitale Spaltung ("digital divide"): Es besteht eine Gefährdung der sozialen Gerechtigkeit in der Spaltung der Gesellschaft in Personen, die Zugang zur Informationsgesellschaft haben, und Ausgeschlossene, z.B. Haushalte mit niedrigem Einkommen, ältere Menschen, Behinderte (auch als "global digital divide", als Gefälle zwischen Nord und Süd). 2. Ausbildung ("education"): Der Ausbildungsprozess wird durch ICT-Einsatz und dessen Folgen für die soziale Gerechtigkeit grundlegend verändert. 3. Gleichstellung der Geschlechter ("gender issues"): Wie verändert die Anwendung von ICT am Arbeitsplatz und im Privatleben die soziale Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern? 4. Kulturelle Diversität ("cultural diversity"): Wie wirkt sich ICT auf die soziale Gerechtigkeit zwischen verschiedenen Kulturen aus (z.B. Dominanz der englischen Sprache)? Wird die kulturelle Diversität für zukünftige Generationen erhalten bleiben? 5. Kulturelles Erbe ("cultural heritage"): Können zukünftige Generationen noch an unserem Wissen teilhaben, wenn heutige digitale Speichermedien in Zukunft nicht mehr lesbar sein werden? 6. Abhängigkeit und Vertrauen ("dependability and trust"): Bedroht die zunehmende Abhängigkeit von ICT-Infrastrukturen die Autonomie des Individuums? Werden wir aufgrund der Komplexität der Strukturen gezwungen, zu vertrauen, ohne ausreichende Möglichkeiten der Nachprüfung zu haben? 7. Nachhaltigkeit in der Informationsgesellschaft ("sustainability in the information society")[9]: Eine Dematerialisierung kann durch ICT wesentlich unterstützt oder ermöglicht werden. Das Dematerialisierungspotenzial der ICT realisiert sich bisher allerdings nicht; der Weg der Industrieländer in die Informationsgesellschaft ist immer noch ein Weg steigenden Material- und Energieumsatzes pro Kopf der Bevölkerung.

Diese zwölf Problemfelder sind in der Entwicklung der Informatik zwischen der Zeit der Mainframe-Computer und der heutigen, von PC und Internet dominierten ICT ins Bewusstsein der (Fach-)Öffentlichkeit getreten. Es stellt sich die Frage, was sich durch Pervasive Computing spezifisch verändern wird. Tabelle 2 (s. PDF-Version) zeigt unsere Einschätzungen in Bezug auf diese Frage. Ohne die Relevanz der zwölf Probleme insgesamt in Frage zu stellen, werden im Folgenden exemplarisch die Auswirkungen von Pervasive Computing auf die Sektoren Gesundheit und Umwelt behandelt.

Auswirkungen auf die Gesundheit

Unter Gesundheitsaspekten bietet Pervasive Computing für die medizinische Behandlung und Pflege große Chancen. Besonders die Lebensqualität von chronisch Kranken, Rehabilitations- und Risikopatienten lässt sich verbessern. Ihre Abhängigkeit von stationären Einrichtungen wird durch neue Möglichkeiten der Fernüberwachung des Gesundheitszustandes (Personal Health Monitoring) und der aktiven Implantate abnehmen.

Den medizinischen Chancen stehen Risiken gegenüber, darunter unvorhergesehene Nebenwirkungen von aktiven Implantaten und mögliche psychische Folgen einer neuen "Apparatemedizin", welche die Patienten stärker überwacht. Unter Gesundheitsaspekten ist besonders die heutige Kontroverse um nicht ionisierende Strahlung (NIS) der Mobilfunknetze zu beachten. Pervasive Computing wird nur unter sehr weit reichenden Annahmen zu einer Stabilisierung oder Abnahme der alltäglichen NIS-Exposition führen. Wahrscheinlicher ist eine Zunahme, weil sich zusätzlich zu den Mobilfunknetzen drahtlose lokale Datennetze (W-LANs) ausbreiten werden. Diese werden zwar mit schwächeren Sendeleistungen betrieben, haben aber doch zur Folge, dass eine zusätzliche Infrastruktur mit NIS-Quellen aufgebaut wird. Mögliche Gesundheitsrisiken, die von NIS mit einer Intensität unterhalb der thermischen Wirkungsschwelle ausgehen, sind nach wie vor ungeklärt. Bestimmte biologische Effekte sind nachgewiesen und geben Anlass zur Vorsicht. Angesichts ernstzunehmender Hinweise auf eine besondere biologische Relevanz niederfrequenter Strahlungsanteile ist der gepulsten Strahlung und Always-on-Anwendungen besondere Beachtung zu schenken. Gerade beim Problem eines permanenten Hintergrunds niederfrequenter Stand-by-Strahlung wirkt Pervasive Computing mit seinem Trend zur zeitlich und räumlich unbegrenzten Verfügbarkeit von Kommunikation verstärkend. Vor dem Hintergrund, dass Pervasive Computing das Tragen von Strahlungsquellen am (tragbare Computertechnik, "wearables") oder sogar im Körper (aktive Implantate) vorsieht, besteht dringender Forschungsbedarf. Die Strahlungsexposition kann auch bei Quellen mit niedriger Sendeleistung sehr hoch werden, wenn der Abstand zum Körpergewebe sehr klein ist.

Auswirkungen auf die Umwelt

Pervasive Computing wird sowohl zusätzliche Umweltbelastungen als auch Entlastungen für die Umwelt mit sich bringen. Ob in der Summe die positiven oder die negativen Auswirkungen überwiegen, hängt hauptsächlich von den energie- und abfallpolitischen Rahmenbedingungen ab, unter denen sich Infrastrukturen und Anwendungen in den kommenden Jahren entwickeln.

Direkte (primäre) Wirkungen von ICT auf die Umwelt sind der Material- und Energieverbrauch in der Produktions- und Nutzungsphase sowie die Schadstoffbelastung bei der Entsorgung dieser Produkte. Pervasive Computing wird die Ökobilanz nicht grundlegend verändern. Die fortschreitende Miniaturisierung - siehe etwa die Fortschritte in der Nanotechnologie - wird mit hoher Wahrscheinlichkeit durch eine größere Anzahl und eine kürzere Nutzungsdauer der Komponenten mengenmäßig kompensiert oder überkompensiert werden. Mit einer zunehmenden Belastung von mikroelektronischen Wegwerfprodukten einschließlich Batterien für andere Abfallströme (Verpackungen, Textilien) ist jedoch zu rechnen.

Der Energiebedarf der Vernetzung, die für Pervasive Computing benötigt wird, kann einige Prozent des gesamten nationalen Stromverbrauchs erreichen, wenn keine Anreize zur Nutzung technischer Energiesparpotenziale gegeben werden. Ein wesentlicher Einflussfaktor liegt darin, ob die Komponenten des Pervasive Computing ständig "online" sind oder ob sie nur unter bestimmten Nutzungsanforderungen und zeitlich begrenzt aktiv werden. Während bei mobilen Komponenten ein Anreiz zu höchster Energieeffizienz gegeben ist und sich möglicherweise auch alternative Versorgungskonzepte etablieren werden (z.B. Solar- oder Körperenergie), besteht bei der stationären Infrastruktur und vernetzen Haushaltsgeräten das Risiko, dass sich ineffiziente Konzepte der Energienutzung weiterhin ausbreiten. Es ist nicht abzusehen, ob der Stromverbrauch der Aggregate und Netze allein durch Marktkräfte optimiert wird, und es ist unrealistisch, davon auszugehen, dass sich das Nutzungsverhalten ohne entsprechende Anreize in Richtung Energiesparen verändern wird. Der steigende Datenverkehr in den Nahnetzen des Pervasive Computing erfordert entsprechende Kapazitäten in den großräumigeren Netzen. Zum einen ist mit einem weiteren Ausbau und Nutzung des Leitmediums Internet zu rechnen, zum anderen werden neue Mobilfunkinfrastrukturen aufgebaut. Insgesamt ist zu vermuten, dass Pervasive Computing zu einem wachsenden Strombedarf der großräumigen Infrastruktur beitragen wird.

Diesen primären Umweltwirkungen stehen die Chancen gegenüber, durch die Anwendung von Pervasive Computing material- und energieintensive Prozesse zu optimieren oder durch reine Signalverarbeitung zu substituieren (Dematerialisierung). Die Entlastungspotenziale solcher Sekundäreffekte sind hoch und können die Primäreffekte bei weitem übertreffen, etwa, wenn durch die zunehmende Ortsunabhängigkeit von Tätigkeiten Verkehr vermieden wird. Diese Entlastungspotenziale werden jedoch nur dann realisiert, wenn ausreichende Anreize zu einem ökonomischen Umgang mit natürlichen Ressourcen bestehen. Andernfalls wird ein Wachstum der Nachfrage (Tertiäreffekte) die Einsparungen kompensieren. Bisherige Erfahrungen mit den Auswirkungen von ICT haben gezeigt, dass dieser Reboundeffekt in den meisten Fällen eintritt.

Effizienzsteigerungen und Reboundeffekte

Informations- und Kommunikationstechnologien werden häufig in der Absicht eingesetzt, Vorgänge zu beschleunigen und Zeit einzusparen. Diese Effizienzsteigerung ist zwar nicht das einzige Motiv für den Einsatz von ICT, aber historisch betrachtet das wichtigste und zugleich ein gemeinsamer Nenner der vielfältigen Anwendungen. Alle bisherigen Erfahrungen mit zeitsparenden Technologien (darunter ICT und Verkehrstechnik) haben jedoch gezeigt, dass durch die Beschleunigung kein absoluter Rückgang der Belastung des Menschen durch die jeweiligen Tätigkeiten eintreten muss. Die Belastung kann absolut betrachtet sogar zunehmen. Beispielsweise haben schnellere Verkehrsmittel nicht dazu geführt, dass wir durchschnittlich weniger Zeit im Verkehr verbringen. Vielmehr haben die zurückgelegten Entfernungen zugenommen. Obwohl E-Mails schneller geschrieben sind als Briefe, verbringen wir heute mehr Zeit mit E-Mails als früher mit der konventionellen Korrespondenz. Dieser so genannte Reboundeffekt kann mit ökonomischen Modellen erklärt werden. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass der Reboundeffekt beim Pervasive Computing ausbleiben wird. Ein Leben mit mehr Zeit für angenehme Tätigkeiten und weniger Stress gehört deshalb nicht zu den Vorteilen, die man von Pervasive Computing erwarten kann. Vielmehr werden mit der technisch ermöglichten Effizienz auch die generellen Erwartungen an die Leistungsfähigkeit des Einzelnen steigen, und zwar sowohl im Arbeitsmarkt als auch im Privatleben.


Fußnoten

7.
Der Ausdruck "unmastered complexity" wurde von Edsger W. Dijkstra geprägt: Selected Writings on Computing: A Personal Perspective, New York 1982, verfügbar unter: http://cis519.bus.umich.edu/cgi-bin/cis551 - 01.board.pl?read=1048 (Stand 31.7. 2003).
8.
Vgl. auch Albert Kündig, A Basis for IT Assessment, Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung beim Schweizerischen Wissenschaftsrat, Bern 2002.
9.
Vgl. u.a. Lorenz M. Hilty/Thomas F. Ruddy, Productivity in the Information Age, in: Futura, (2002) 2, S. 77 - 85; Siegfried Behrendt/Felix Würtenberger/Klaus Fichter, Falluntersuchungen zur Ressourcenproduktivität von E-Commerce, IZT Werkstattbericht Nr. 52, Berlin 2003, verfügbar unter: www.izt.de (Stand: 31. 7. 2003).