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6.10.2003 | Von:
Siegfried Behrendt
Lorenz M. Hilty
Lorenz Erdmann

Nachhaltigkeit und Vorsorge - Anforderungen der Digitalisierung an das politische System

Neue Anforderungen zurUmsetzung des Vorsorgeprinzips

Die zunehmende Digitalisierung von Alltagsgegenständen und ihre Vernetzung stellen neue Anforderungen an das Vorsorgeprinzip. Ein wesentlicher Gedanke des Vorsorgeprinzips, wie es in die Umweltschutzgesetzgebung Eingang gefunden hat, ist es, schädliche Einwirkungen an der Quelle zu begrenzen, also die Emissionen zu minimieren und somit in der Wirkungskette möglichst weit vorne anzusetzen.

Es gibt drei Gründe, weshalb das Vorsorgeprinzip im Kontext der Informationsgesellschaft nicht nur in diesem Sinne verstanden werden kann. Erstens: Die Verbreitung von sehr breit eingesetzten Technologien (Massenprodukten) wie - schon der heutigen - ICT ist sozioökonomisch irreversibel. Zweitens: Eine hohe Anzahl von Emissionsquellen kann auch bei geringen Emissionen pro Einzelquelle zu unerwünschten Immissionsbelastungen führen. Hinzu kommt, dass die Betroffenen kaum Möglichkeiten haben, sich solchen ubiquitären Risiken zu entziehen. Drittens: Vorsorge gegen soziale Auswirkungen einer Technologie ist nicht mit dem Konzept der "Vermeidung schädlicher Einwirkungen" zu fassen.

Diese Gründe gelten zum Teil auch bei anderen breit genutzten Technologien und sind daher nicht nur im Kontext der Informationsgesellschaft relevant. Sie gelten im Falle von Pervasive Computing aber in besonderem Maße, weil die massenhafte Nutzung dieser Technologie, ihre Allgegenwart und die Durchdringung aller Lebensbereiche erklärter Bestandteil der Vision sind.

Mit Blick auf die verbundenen Risiken sind nach Anwendung der Kriterien Irreversibilität, Verzögerungswirkung, Konfliktpotenzial und Belastung für die Nachwelt folgende Problemfelder als die wichtigsten (jedoch nicht die einzigen) für das politische System zu identifizieren:

- nichtionisierende Strahlung: Die durchschnittliche Exposition wird voraussichtlich zunehmen. Hier besteht Konfliktpotenzial, weil Nichtbenutzer von Pervasive Computing sich ähnlich wie Passivraucher einer von anderen verursachten Belastung ausgesetzt sehen werden. Es besteht dringender Bedarf, mögliche Gesundheitsrisiken weiter zu erforschen.

- Stress: Pervasive Computing kann aus mehreren Gründen Stress auslösen, darunter schlechte Benutzbarkeit, Störung und Ablenkung der Aufmerksamkeit, das Gefühl des Überwachtwerdens (Datenschutz), möglicher krimineller Missbrauch sowie steigende Anforderungen an die Produktivität des Einzelnen. Stress ist ein wichtiger Einflussfaktor auf die Gesundheit.

- Unfreiwilligkeit: Ein Teil der Konsumenten und Patienten könnte durch die Entwicklung in Richtung Pervasive Computing in eine Lage gebracht werden, in der sie diese Technologie unfreiwillig anwenden müssen (z.B. weil Alternativen nicht mehr angeboten werden) oder unfreiwillig mitfinanzieren (z.B. über steigende Krankenkassenbeiträge).

- ökologische Nachhaltigkeit: Der Verbrauch seltener Rohstoffe durch die Produktion von Elektronik und der Stromverbrauch durch die stationäre Infrastruktur könnten stark zunehmen. Wenn die Entsorgung von Millionen sehr kleiner Komponenten als Elektronikabfall nicht adäquat geregelt wird, gehen wertvolle Rohstoffe verloren und gelangen Schadstoffe in die Umwelt. Ein Monitoring ist hier die Voraussetzung für proaktive und angemessene Reaktionen auf die abfallpolitischen Aufgaben, z.B. zur Identifizierung von Stoffströmen, für die eine separate Erfassung der Mikroelektronik ökonomisch und ökologisch sinnvoll ist. Handlungsspielräume liegen in der Diffusion energieeffizienter Geräte, der Beeinflussung des Nutzungsverhaltens und der Ausschöpfung der Potenziale zur Energieeinsparung beim Aufbau neuer Infrastrukturen.

- Verursacherprinzip: Die Ursachen von Schäden, die durch das Zusammenwirken mehrerer Komponenten aus Computerhardware, Programmen und Daten in Netzwerken entstehen, sind in der Regel nicht aufzuklären, weil sich die Komplexität dieser verteilten Systeme weder mathematisch noch juristisch beherrschen lässt. Da mit Pervasive Computing die Abhängigkeit von solchen Systemen zunehmen wird, ist insgesamt ein Anstieg des durch unbeherrschte technische Komplexität entstehenden Schadens zu erwarten. Die Folge ist, dass ein wachsender Teil des Alltagslebens sich faktisch dem Verursacherprinzip entzieht.

Diese Problemfelder verweisen auf ein Dilemma, das für die Politik aus einer Abschätzung von Technikfolgen resultieren kann. Möchte man in einem erweiterten Sinn "an der Quelle" ansetzen, also bereits die Entwicklung und Ausbreitung von Technologien regulieren, besteht die Gefahr von Ineffizienz und von Konflikten, weil die Maßnahmen z.B. als technische Handelshemmnisse gegen internationale Abkommen der Welthandelsorganisation (WTO) verstoßen könnten. Unterlässt man dagegen Maßnahmen, die weit vorne in der Kausalkette ansetzen, ist im Falle von Massentechnologien keine Vorsorge mehr möglich, sondern nur die nachsorgende Behandlung faktisch irreversibler Zustände. Notwendig ist deshalb eine innovative Technikbewertung und -gestaltung, welche dort ansetzt, wo eine Technologie mit einer Nutzungsidee verbunden wird. Dies hätte den Vorteil, dass sie schon in frühen Stadien der Technologieentwicklung wirksam werden können und zudem am Ort des umfangreichsten technologischen Wissens erfolgen.[10]

Die Sensibilisierung für Problemlagen und Chancen, die Erzeugung von Problemsichten und Perspektiven stehen dabei im Mittelpunkt. Angesichts der hohen Komplexität und Dynamik von Innovationsprozessen im Bereich des Pervasive Computing und angesichts des Anspruchs, Freiräume der Entwicklung der Informationsgesellschaft möglichst offen zu halten, kommt der Politik neben der klassischen Rahmengestaltung zunehmend die Aufgabe zu, relevante Innovationsakteure zu mobilisieren und miteinander zu vernetzen. Als Beispiel für die "Aktivierung endogener Nachhaltigkeitspotenziale"[11] kann der vom Deutschen Bundestag angestoßene Roadmapping-Prozess zur Nachhaltigkeit in der Informations- und Kommunikationstechnik (NIK) angesehen werden.[12] Die bisherigen Ergebnisse des NIK-Projekts lassen keinen Zweifel daran, dass das Innovationsinstrument Roadmap zu positiven Ergebnissen führen kann.[13] Neben der Ingangsetzung eines intensiven Dialogprozesses über die Chancen und Risiken einer nachhaltigen Unternehmensstrategie ist vor allem die wachsende Motivation der beteiligten Unternehmen zu nennen, die mittel- und langfristigen Möglichkeiten zu nutzen, um frühzeitig in Kooperation mit der Wissenschaft einen Orientierungsrahmen für Innovationen in Richtung Nachhaltigkeit zu schaffen.

Internet-Empfehlungen der Autoren:

http://www.sustainable-ict.info

http://www.roadmap-it.de

http://www.ta-swiss.ch/


Fußnoten

10.
Vgl. Florian Mehl, Komplexe Bewertung. Zur ethischen Grundlegung der Technikbewertungen, in: Technikphilosophie, 4 (2001), S. 112f.
11.
Vgl. dazu Klaus Fichter, Interaktive Innovationsmodelle, in: UmweltWirtschaftsForum (uwf), 10 (2002) 3, S. 18 - 23.
12.
Siehe unter: www.roadmap-it.de (Stand: 31. 7. 2003).
13.
Vgl. Siegfried Behrendt, Roadmap für nachhaltige Informations- und Kommunikationstechnik, in: uwf, 10 (2002) 3, S. 36 - 39.