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6.10.2003 | Von:
Gerd Pasch

Digitalisierung der Medien

Digitale Medienrevolution

Ob "layer2" oder "mp3" - eine solche Audiodatei lässt sich blitzschnell in Computernetzen verschicken und redaktionell bearbeiten. Sie verbraucht wenig Speicherplatz auf Datenträgern, weshalb sieauf feuerzeuggroßen Abspielgeräten überall genutzt und gehört werden kann. Freaks können jetzt ihre komplette Schallplattensammlung unterwegs genießen. Und Reportagen und Berichte, die früher in zentralen Tonstudios aufwändig hergestellt und zwischen den Sendeanstalten über ein Tonleitungsnetz ausgetauscht wurden, streamen nun von Server zu Server in einem "Corporate Network".

Liegt ein Beitrag in der Datenbank, können ihn sich Redakteure in Flensburg und Bielefeld gleichzeitig anhören; in Stuttgart kann er zeitgleich gekürzt und im Kölner Morgenmagazin schon als "flash" über die Antenne gehen. Schnelle Vermittlungsrechner, breitbandige Leitungen, gigantische Speicher und wieselflinke "content manager" sind die Akteure im digitalen Audionetzwerk - zum Beispiel des ARD-Hörfunks.

Techniker der alten Schule müssen umdenken. Sie heißen jetzt Systemadministratoren. Zu ihren Aufgaben gehört es, dafür zu sorgen, dass der Datenstrom nicht abreißt, dass im Netzwerk verschwundene Dateien und Ordner ("audiofiles") wieder auftauchen. Sie schulen Redakteure, die neben dem Formulieren jetzt auch den Windows-Dateimanager beherrschen, mit der PC-Maus die "Ähs" und "Plopps" wegputzen und die Bits und Bytes so beschriften müssen, dass sie andere im Netzwerk auch wiederfinden. Das Löschdatum wird zum Stressfaktor: Braucht man zu lange für die Bearbeitung und hat vergessen, den Datensatz zu sichern, ist die Arbeit unwiederbringlich futsch - digital ist eben "Null oder "Eins", alles oder nichts.

Auch für die Hörerin und den Hörer hat die Digitalisierung revolutionäre Veränderungen bewirkt. Das begann mit dem Radio Data System (RDS), dem digitalen Huckepack-Dienst auf der UKW-Frequenz. Im Display des Empfängers werden die eingestellte Station, der gerade laufende Titel, die Telefonnummer der Hotline und die E-Mail-Adresse der Redaktion angezeigt. Auch hinterlegte Staukarten werden mit RDS-Daten visualisiert.

Die Wissenschaftsredaktion des Deutschlandfunks (DLF) versorgt schon seit zehn Jahren die Hörer von "Forschung aktuell" mit einem Newsletter: Radio zum Nachlesen. Und seit fünf Jahren abonnieren bald 3000 Hörer die Monats-CD: Radio zum Nachhören. Die Sendungen eines Monats sind in "mp3-files" abgelegt, jeder neuere CD- und DVD-Player spielt sie ab. Im Display oder auf dem Fernsehschirm sind die Themen und Sendetage zu lesen. Zunehmend suchen die Radiomacher aus Köln auch die Kooperation mit Fernsehsendern. Als der Westdeutsche Rundfunk vor zwei Jahren eine "Lange Computernacht" realisierte, sendete der DLF parallel eine siebenstündige Talkshow bundesweit über UKW und als Video weltweit im Internet: Radio zum Sehen. Auch der "Ereigniskanal" Phönix ist häufig Partner des DLF, wenn zusammen mit der Wochenzeitung "Die Zeit" aktuelle Themen aus Kultur und Wissenschaft von führenden Köpfen debattiert werden.

Das Radio ist bereits in der Zukunft angekommen. Die Tage des analogen Radios sind nach Plänen der Bund-Länder-Initiative Digitaler Rundfunk gezählt. Das UKW-Netz soll etwa im Jahre 2015 stillgelegt werden. 200 Millionen Wecker- und Autoradios, Transistorradios und Tuner in der Stereoanlage allein in Deutschland werden zu Elektronikschrott. Die mehr als 300 Radioprogramme sind dann nur noch digital im DAB-System zu hören, und zwar mit neuen Empfängern. Noch hält sich die Industrie mit Geräten zurück. Zumindest in Großbritannien, in Skandinavien und in Südostasien brummt aber bereits der DAB-Markt. Dort bieten die Radiostationen auch spezielle Sendungen an, mit Texten und Bildern angereichert und mit nicht rundfunküblichen Dienstleistungen gekoppelt.

In der letzten Juli-Woche diesen Jahres hat die Internationale Telekommunikations-Union (ITU), eine Unterorganisation der UNO mit Sitz in Genf, einen weltweiten Digitalstandard für die Mittel- und Kurzwellen beschlossen. "Digital Radio Mondial" (DRM) haucht den energiezehrenden Sendern neues Leben ein. Ein von Fraunhofer-Forschern mitentwickeltes Verfahren bringt einen Sound auf der Kurzwelle, der dem eines UKW-Senders entspricht. Dabei reduzieren sich die Betriebskosten für den Senderbetreiber auf 20 Prozent der analogen Nutzung - bei gleicher Ausbreitung.

Seit Anfang August strahlen zum Beispiel die BBC und die Deutsche Welle ihren weltweiten Service teilweise im DRM-Modus aus. Zwar sind noch keine Endgeräte auf dem Markt, doch die werden ganz schnell kommen, sagen die Experten. Radios für die digitale Kurzwelle können herkömmliche analoge Sendungen ebenso empfangen wie die digitalen. Im Empfänger steckt zusätzlich ein daumennagelgroßer Chip zum Erkennen und Decodieren der Signale, Kostenpunkt: wenige Euro.

Das digitale Fernsehen ist bereits auf Sendung. Seit einigen Jahren sendet es vom Satelliten an Set-Top-Boxen, die ihren Namen vom Aufstellort ableiten, nämlich oben auf dem TV-Gerät. Diese Zusatzgeräte wandeln die Datenströme von der Schüssel in analoge Signale, die ein herkömmlicher Fernseher versteht. Der mittlerweile bankrotte Filmhändler Leo Kirch wollte mit seinen D-Boxen exklusives Bezahlfernsehen in Deutschland zum Renner machen. Es ist ein Flop geworden.

Mit der Deregulierung des Fernseh-Kabelnetzes sollte digitales Fernsehen ein breites Publikum finden. Zwar hat sich die lange Zeit den Markt monopolartig beherrschende Deutsche Telekom als Netzbetreiber zurückgezogen. Indes sehen die meist aus der Finanzwelt stammenden Nachfolger keine Perspektive im Um- und Aufrüsten der Kabel-Kopf-Stationen.

Die Innovation schlechthin stellt für die Medienbranche das über Antenne frei empfangbare Digitalfernsehen (DVB-T) dar - das T steht für terrestrisch, also über Antennen am Boden ausgestrahlt. Nach dem gleichen Verfahren wie beim Satellit oder Kabel werden die Videodatenströme über einen hochfrequenten Träger geschickt. So riesig ist der Unterschied zum DAB-System nicht. Die Bandbreite ist bei DVB-T höher, dafür die Fehlertoleranz vor allem beim mobilen Empfang geringer. Schon denken einige Strategen daran, DAB in DVB-T aufgehen zu lassen, aus zwei Systemen eines zu machen, indem je nach Bedarf und Inhalt ("Content") der eine oder andere Kanal genutzt wird. Da heute auch Mobiltelefone der dritten Generation (z.B. UMTS) neben Sprache auch Video, Foto und Text versenden und empfangen können, hat die Idee eines integrierten Netzverbundes ihren Reiz.

Solcherart Ansinnen weisen die Betreiber des ersten, ausschließlich digitalen Fernsehnetzes über die Antenne von sich, hat es doch schon viel Kraft gekostet, die Lizenznehmer von der Aufgabe ihres Kanals zu überzeugen. In Berlin ist es gelungen; öffentlich-rechtliche und private Sender funken nur noch digital. Rund 20 000 Antennen-Seher haben sich in den letzten Monaten mit den DVB-T-fähigen Set-Top-Boxen versorgt; einige Kabelkunden ebenfalls, denn für sie rechnet sich der Umstieg auf DVB-T. Die Box kostet rund 200 Euro, und dieses Geld ist durch die eingesparte Kabelgebühr in einem Jahr bezahlt. Die Auswahl an digital verbreiteten Programmen kommt dem Kabelangebot recht nah. In Berlin sind nun 25 DVB-T-Programme zu empfangen.

Mit Laptop oder PDA, mit portablen und mobilen TV-Geräten mit Flachbildschirm wird DVB-T zum "Überall-Fernsehen": kein Zittern, kein Schnee oder Geisterbild, wenn der Fernseher sich bewegt. In Zügen, Straßenbahnen, Bussen zeigt das digitale Fernsehen seine Stärken. Programme können für kleine Zuschauergruppen kostengünstig verteilt werden. Schon schielen Dienstleister und Spielehändler auf das digitale Fernsehen. Software beispielsweise ließe sich effizient rundsenden.