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1.10.2003 | Von:
Helga Hirsch

Kollektive Erinnerung im Wandel

Der Verlust der Heimat

Stalingrad bedeutete die Wende: Der Aggressor wurde zum Getriebenen, und die Kriegsschauplätze, bisher vor allem auf den Territorien fremder Staaten, verlagerten sich ins Reichsgebiet. Im Juli 1944 wurden die Bewohner des Memellandes hinter die Memel evakuiert, im Oktober zogen die ersten sowjetischen Truppen in Ostpreußen ein. Entgegen dem ausdrücklichen Verbot von Gauleiter Erich Koch begaben sich die meisten Zivilisten auf eigene Faust auf die Flucht - vor allem nach den Schreckensmeldungen über die Vergewaltigungen und Ermordungen der Frauen von Nemmersdorf, das am 21. Oktober 1944 eingenommen worden war.

Die Fluchtwelle aus Ostpreußen bildete erst den Anfang. Noch weit mehr Menschen setzten sich in Bewegung, als die Rote Armee Mitte Januar 1945 ihre Großoffensive begann und über die Weichsel nach Westen stieß: Vier bis fünf Millionen flüchteten aus Danzig, Masuren, Ober- und Niederschlesien, Ostpommern und Ostbrandenburg. Hunderttausende starben an Entkräftung oder Kälte, ertranken in den Fluten der Ostsee, verbluteten nach sowjetischen und amerikanischen Bombenangriffen oder wurden von der Front überrollt und von Rotarmisten vergewaltigt.[14]

Auch in den deutschen Siedlungsgebieten im südlichen Mitteleuropa kam es von Herbst 1944 an zu massiven Evakuierungen und Fluchtbewegungen. So wurden bis März 1945 100 000 von insgesamt 140 000 Deutschen aus der Slowakei und fast alle 95 000 Deutschen aus Kroatien ins "Protektorat Böhmen und Mähren", ins Sudentenland oder nach Österreich umgesiedelt.[15] Ebenfalls im Herbst 1944 flüchtete ein großer Teil der Deutschen aus Jugoslawien, ein anderer Teil wurde evakuiert. Von insgesamt 540 000 Menschen deutscher Muttersprache in Jugoslawien befanden sich Ende 1944 rund 340 000 bereits außerhalb ihrer Heimat.[16] Von den verbliebenen Volksdeutschen wurden nach der Machtübernahme durch die jugoslawische Volksbefreiungsarmee im "Blutigen Herbst" 1944 viele Opfer von Racheaktionen durch Partisanen. Etwa 67 000 Zivilisten sollen in den Arbeits- und Vernichtungslagern umgekommen sein.[17] Aus Rumänien wurden Ende August und Anfang Oktober 1944 etwa 100 000 Volksdeutsche evakuiert. Der größere Teil der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben blieb zurück. Anfang 1945 wurden rund 75 000 zum Arbeitseinsatz in die Sowjetunion deportiert; viele kehrten nicht mehr nach Rumänien zurück, sondern ließen sich nach Deutschland ausweisen.[18]

Im Frühjahr 1945 kam kaum jemand unter den Flüchtenden auf die Idee, der Verlust der Heimat könnte endgültig sein. Vor allem die Reichsdeutschen aus Schlesien, Westpreußen und Pommern warteten nur das Ende der Kampfhandlungen ab. Allein nach Breslau kehrten mehrere Zehntausende zurück, insgesamt waren es über eine Million. Doch im Juni 1945 wurden die zurückströmenden Menschen schon westlich der Oder von Polen abgefangen. Damals begann die erste Phase der Vertreibung aus Polen. Diese "wilden" Aussiedlungen noch vor der Potsdamer Konferenz setzten am 20. Juni 1945 ein und dauerten ungefähr einen Monat. In diesem Zeitraum sind bis zu 400 000 Deutsche aus dem Grenzgebiet östlich von Oder und Neiße und aus Oberschlesien ausgesiedelt worden. Teilweise in Razzien von einer unvorbereiteten Armee zusammengetrieben, mussten die Menschen den Weg bis zu Oder und Neiße zu Fuß zurücklegen, und selbst für Kranke gab es keinerlei Transportmittel. Aufgrund des Einspruchs der Roten Armee, aber auch von polnischen Behörden, welche die Deutschen als Arbeitskräfte benötigten, wurden die Aussiedlungen Mitte Juli eingestellt.

Danach befanden sich noch etwa 4,5 Millionen Deutsche in Polen. Gemäß einer Anweisung des Ministeriums für öffentliche Verwaltung vom Juni 1945, der zufolge den Deutschen "das Leben derart erschwert werden" solle, dass auch die "hartnäckigsten Feinde des Polentums den Mut verlieren", in Polen zu bleiben, wurden "freiwillige Ausreisen" gefördert: durch Enteignungen, unzureichende Versorgung, Ausschluss von ärztlicher Versorgung, Ausschluss der Kinder von der Schulpflicht, durch massenhafte Beseitigung der "Spuren des Deutschtums" und durch Duldung von Diebstählen und Vergewaltigungen. Bis Ende 1945 verließen bis zu 550 000 Deutsche "freiwillig" Polen. Noch in den Zügen wurden sie ausgeraubt.

Von Februar bis Dezember 1946 erfolgten organisierte Aussiedlungen in Absprache mit den Alliierten. Etwa 1,5 Millionen Menschen kamen in die britische und - bis November 1947 - 1,84 Millionen in die sowjetische Zone. Insgesamt verließen in dieser Zeit fast 3,5 Millionen Deutsche die alten Ostgebiete.[19] Noch bis 1950 kamen vereinzelt Transporte mit Frauen, Kindern und Alten aus Ostpreußen, wo vor allem junge Frauen für die Sowjets hatten Zwangsarbeit leisten müssen, oder aus polnischen Internierungslagern wie Jaworzno und Potulice, in denen Angehörige der deutschen Minderheit zur Zwangsarbeit herangezogen worden waren. Die Deutschen, die nach 1950 in Polen blieben, wurden "polonisiert": Sie mussten polnische Namen annehmen und sich als Polen erklären.

In der Tschechoslowakei kam es vor allem in Prag, aber auch im Sudetenland gleich in den ersten Nachkriegstagen zu massenhaften Racheakten von Militär, "revolutionären Garden" und Zivilisten. Staatspräsident Benes führte am 12. Mai 1945 in Brünn aus: "Wir werden Ordnung machen unter uns, insbesondere auch hier in der Stadt Brünn mit den Deutschen und allen anderen. Mein Programm ist - ich verhehle es nicht -, dass wir die deutsche Frage in der Republik liquidieren müssen. Bei dieser Arbeit werden wir alle eure Kräfte brauchen."[20] Die Sudetendeutschen galten nicht zuletzt aufgrund der Popularität der Henlein-Partei vor dem Krieg pauschal als Verräter am tschechoslowakischen Staat und als NS-Anhänger. Entsprechend pauschal waren die Strafaktionen. Am bekanntesten wurde das Pogrom von Aussig am 31. Juli 1945, als die tschechische Bevölkerung nach einer Explosion in einem Munitionswerk eine Hetzjagd auf Deutsche veranstaltete und wahllos Frauen und Kinder umbrachte. Etwa 2 700 Personen sollen damals umgekommen sein. Auf dem Todesmarsch von Brünn (30. Mai 1945) führten Frustration und Wut von Tschechen zu 1 700 Morden unter den insgesamt 30 000 deutschen Einwohnern der Stadt. Die sog. Benes-Dekrete sahen wie die entsprechenden Erlasse der polnischen Regierung neben der Enteignung auch Zwangsarbeit für Deutsche vor. Die Rolle als Freiwild war so beängstigend und demütigend, dass selbst tschechische Quellen allein für das Jahr 1946 5558 Selbstmorde von Deutschen verzeichneten - manchmal gemeinsam von ganzen Familien in bester Sonntagskleidung verübt.[21] Nur etwa 200 000 von einst über drei Millionen Sudetendeutsche blieben in der Tschechoslowakei.

Die Vertreibung der Deutschen aus Ungarn begann im Januar 1946 in Ortschaften entlang der Grenze zu Österreich, in denen die donauschwäbische Bevölkerung zusammengedrängt worden war. Ursprünglich war auch hier nach dem Prinzip der Kollektivschuld die Aussiedlung der gesamten, etwa 500 000 Personen zählenden Minderheit geplant; schließlich waren etwa 117 000 von ihnen betroffen. Nach einer Unterbrechung im Juni wurden die Transporte in die amerikanische Zone im November 1946 wieder aufgenommen, im Dezember aber vollständig eingestellt.[22]

Insgesamt sind etwa 14 Millionen Deutsche aus dem Osten vertrieben worden; etwa zwei Millionen von ihnen kamen während Flucht und Vertreibung um. Die SBZ nahm 37,2 Prozent auf (4,5 Millionen), die britische Zone 32,8, die amerikanische 28,2 und die französische 1,4 Prozent - insgesamt 7,9 Millionen Menschen. 1950 stellten die Vertriebenen in der Bundesrepublik 16,5 Prozent der Gesamtbevölkerung, bis 1961 stieg ihr Anteil aufgrund der Massenflucht aus der DDR sogar auf 21,5 Prozent. Jeder fünfte Bundesbürger war ein Flüchtling oder Vertriebener. Ihre rasche soziale und wirtschaftliche Integration gilt daher manchen noch heute als das eigentliche Nachkriegswunder. Wenn überhaupt, dann fielen Vertriebenenkinder im Wirtschaftswunderland positiv auf. So hielt der Soziologe Helmut Schelsky lobend fest: "(Die Flüchtlingsjugend) ist in ihrer hohen sozialen Mobilität, ihrem Anpassungs- und Durchsetzungswillen, ihrem sozialen und beruflichen Aufstiegsstreben und Leistungswillen von der einheimischen Jugend (. . .) höchstens durch die Schroffheit und das Tempo unterschieden, mit der sie in diese Verhaltensnotwendigkeiten hineingezwungen wurden."[23] Die Flüchtlingsfrage schien gelöst.

Doch heute sind wir uns dessen nicht mehr so sicher.


Fußnoten

14.
Für Deutschland in den Grenzen von 1937 wird von mindestens zwei Millionen Vergewaltigungsopfern ausgegangen. Vgl. Franz W. Seidler/Alfred M. de Zayas, Kriegsverbrechen in Europa und im Nahen Osten im 20. Jahrhundert, Hamburg-Berlin-Bonn 2002, S. 122.
15.
Vgl. Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg (Hrsg.), Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der Deutschen als internationales Problem, Stuttgart 2002, S. 17.
16.
Vgl. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hrsg.), Verbrechen an den Deutschen in Jugoslawien 1944 - 1948, München 2000, S. 66.
17.
Vgl. ebd., S. 312.
18.
Vgl. Das Schicksal der Deutschen in Rumänien, in: Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, Bd. III, München 1984, S. 64 E ff.
19.
Vgl. W
20.
Dt. Übersetzung in: Der "Brünner Todesmarsch" 1945. Die Vertreibung und Misshandlung der Deutschen aus Brünn, Schwäbisch Gmünd 1998, S. 35.
21.
Vgl. Jaroslaw Kucera, Odsunove ztraty sudetonemeckeho obyvatelstva, Prag 1992, zit. nach N. M.Naimark (Anm. 4), S. 118.
22.
Vgl. Agnes Tóth, Migrationen in Ungarn 1945 - 1948, München 2001, S. 175.
23.
Helmut Schelsky, Die skeptische Generation, Düsseldorf 1963, S. 331.