APUZ Dossier Bild

1.10.2003 | Von:
Annette Leo

Keine gemeinsame Erinnerung

Geschichtsbewusstsein in Ost und West

Freiheit versus Sicherheit

Einen der gravierendsten Unterschiede in der Bewertung konnten wir im Hinblick auf Demokratie und Freiheit konstatieren. Die befragten Ostdeutschen ignorieren dieses Thema überwiegend. Beispiele von Repression und Überwachung werden nur von den wenigen GesprächspartnerInnen erinnert, die dem System kritisch oder zumindest distanziert gegenübergestanden haben. Bei der Beschreibung des eigenen Lebens in der DDR werden solche Aspekte fast ausschließlich in der Verteidigung gegen eine als fremd empfundene Sicht im Rahmen des gegenwärtigen Diskurses erwähnt: "Die Mauer war zwar schmerzlich, aber sie hat unsere heile Welt geschützt"; "wir hatten zwar die Stasi, aber konnten uns abends auf die Straße trauen."

Für die Interviewpartner/innen aus dem Westen dagegen stehen Demokratie und Freiheit bzw. deren Mangel in der DDR im Vordergrund ihrer Wahrnehmung und Bewertung. Alle anderen Beobachtungen werden diesem Gesichtspunkt untergeordnet. Es verwundert deshalb nicht, dass bei Gesprächspartner/innen aus der alten Bundesrepublik die Bereitschaft zu beobachten ist, die Verhältnisse in der DDR mit denen des "Dritten Reiches" zu vergleichen und bisweilen sogar gleichzusetzen, während die Befragten aus der DDR, zumindest die Nachkriegsgenerationen, schon den Vergleich generell als unzulässig ablehnen.

Im Vordergrund der Äußerungen aus dem Osten stehen soziale Sicherheit und Fürsorge, in erster Linie die Sicherheit der Arbeitsplätze. Das gipfelt häufig in dem Bild von einer solidarischen Gemeinschaft im Betrieb und im Wohngebiet, wo die Leute füreinander da waren, da sie gleiche Interessen hatten und unter etwa gleichen sozialen Bedingungen lebten. Angesichts des zunehmenden Zerfalls dieser Gemeinschaft in Individuen mit unterschiedlichen Interessen wurde dieses Bild in den Gesprächen häufig beschworen. Natürlich muss man sich die Frage stellen, ob das tatsächlich immer so erlebt wurde, oder ob es sich hier nicht eher um ein "nachträgliches Bewusstsein" handelt, um ein rückprojiziertes Gegenbild zur Gegenwart.

Soziale Sicherheit und Vollbeschäftigung, mehr noch die Kinderbetreuung spielen auch im DDR-Bild unserer westdeutschen Interviewpartner und -partnerinnen eine Rolle. Sie werden überwiegend positiv bewertet. Solche sozialen Bedingungen wünschen sich viele in ihrem eigenen Lebensbereich. Allerdings werden auch die Schattenseiten gesehen: wirtschaftliche Ineffizienz, staatlich reglementierte Kindererziehung, überhaupt das staatlich reglementierte Leben.

Eine historische Entwicklung der DDR mit unterschiedlichen Phasen sehen die Befragten aus den alten Bundesländern überwiegend nicht. Für sie blieb die DDR von ihrem Beginn bis zum Ende im Wesentlichen unverändert. Das zeugt natürlich vor allem von zu geringen Geschichtskenntnissen, um zeitliche Differenzierungen vorzunehmen. Dagegen unterscheiden die Interviewpartner/innen aus dem Osten Phasen der DDR-Geschichte, deren Einteilung und Bewertung vor allem von der Generationszugehörigkeit und den individuellen Lebenserfahrungen bestimmt wird. So kam es vor, dass etwa die fünfziger Jahre, ebenso wie die achtziger Jahre kurz vor der "Wende", sowohl als "schlimmste Zeit" angesehen werden als auch als jeweils "schönste Zeit", weil man noch Ideale hatte oder weil sich Zwänge zu lockern begannen.