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1.10.2003 | Von:
Annette Leo

Keine gemeinsame Erinnerung

Geschichtsbewusstsein in Ost und West

Die Ursachen des Scheiterns

Unterschiedliche Antworten gibt es auf die Fragen, ob die DDR ein sozialistischer Staat gewesen ist und woran sie letztlich scheiterte. Hier allerdings verläuft die Trennungslinie der Bewertungen nicht durchgängig zwischen Ost und West. Vor allem diejenigen Gesprächspartner/innen, die an ihrer Vision von einer gerechteren Gesellschaft festhalten wollen, so verschwommen sie auch sein mag, haben ein großes Bedürfnis, einen Unterschied zwischen dem DDR-System und dem eigenen sozialistischen Ideal zu behaupten. Sie sind der Meinung, dass die Grundidee von einer Funktionärsbürokratie verfälscht worden sei. Allerdings sind zum Beispiel die sozialdemokratischen Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter aus der alten Bundesrepublik überwiegend davon überzeugt, dass letztlich Sozialismus und Diktatur nicht miteinander vereinbar seien, während die Interviewpartner/innen aus dem Osten eher von Fehlern und Entgleisungen der Politiker sprechen. Für eine Minderheit von Befragten, vor allem aus der alten Bundesrepublik, sind Diktatur und Zwang dagegen dem sozialistischen System immanent, das Scheitern der DDR war deshalb folgerichtig und von Anfang an vorbestimmt.

Diejenigen Interviewpartner/innen, welche die DDR als Gesellschaft ansehen, in der eine ursprünglich akzeptable Idee verfälscht worden bzw. entgleist ist, machen - je nach persönlicher Erfahrung und politischem Standort - durchaus unterschiedliche Ursachen für den Zusammenbruch 1989 verantwortlich. Die Skala reicht von der Starrheit der überalterten Funktionäre bis zur allgemeinen Unzulänglichkeit des Menschen, der für ein solches Modell eben zu egoistisch sei. Die meistgenannten Ursachen sind jedoch wirtschaftliche Ineffizienz (Ost-Befragte) und fehlende Freiheiten (Befragte aus dem Westen). Es gibt aber auch Gesprächspartnerinnen und -partner aus der Nachkriegsgeneration Ost, die ratlos vor dieser Frage standen. Damit quäle sie sich seit 1990, bekennt etwa eine Mutter von fünf Kindern und Meisterin im Halbleiterwerk Frankfurt/Oder, Jahrgang 1942, SED-Mitglied. Für sie bedeutete das Ende der DDR gleichzeitig das Ende ihrer Berufstätigkeit. Sie grüble darüber nach, was schief gelaufen sei, aber sie komme zu keinem Ergebnis.