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1.10.2003 | Von:
Annette Leo

Keine gemeinsame Erinnerung

Geschichtsbewusstsein in Ost und West

Geteilte Erinnerung an den Nationalsozialismus

Über die Geschichte von SBZ und DDR gibt es keinen Konsens der Erinnerung - nicht zwischen Ost und West, auch nicht in jedem Fall unter den Ostdeutschen, nicht einmal unter ehemaligen Bürgerrechtlern, wie die Kontroversen der vergangenen Jahre zeigen. Wie verhält es sich mit der Erinnerung an den Nationalsozialismus? Hier ist eine Spaltung des Bewusstseins zu registrieren, die aus der Zeit der Teilung, des Kalten Krieges, der Blockauseinandersetzung stammt, als sich jede Seite des Geschichtsbildes und der Abgrenzungsargumente bediente, die der Bestätigung des eigenen Systems dienten. Das gegenseitige Aufeinanderbezogensein hörte aber spätestens in den achtziger Jahren auf. In der alten Bundesrepublik entfaltete sich, begleitet von vielen öffentlichen Debatten und einer Geschichtsbewegung von unten, ein differenziertes Bewusstsein von der NS-Vergangenheit, das die Projektionen des Kalten Krieges hinter sich ließ und alle Teile des Widerstandes und die meisten Verfolgtengruppen nach und nach einbezog. In der DDR war die Abgrenzung von der nationalsozialistischen Vergangenheit und das Gedenken an die ermordeten Widerstandskämpfer ein wichtiger Bezugspunkt gesellschaftlichen Erinnerns. Das auf Legitimation des eigenen Systems ausgerichtete, sehr einseitige Vergangenheitsbild blieb jedoch mit geringen Modifikationen bis 1989 erhalten, ebenso wie die Fixierung auf das Gegenmodell Bundesrepublik.

Der Historiker Jürgen Kocka spricht davon, dass die NS-Diktatur für die Ostdeutschen "anscheinend eine weniger zentrale, weniger prägende Rolle" spiele als für die Westdeutschen, die darin ein negatives Bezugssystem sehen, "an dem sie die eigene Gesellschaft messen und beurteilen"[3]. Dieser Unterschied in der Gewichtung hat zweifellos mit einem Umstand zu tun, auf den Kocka ebenfalls hinweist: Aufgrund des Antifaschismus-Konzeptes der DDR, das den Faschismus vor allem als extremste Form des Kapitalismus deutete, sahen sich die DDR-Bürger nicht in der Nachfolge des "Dritten Reiches". Sie verstanden das belastende NS-Erbe nicht als Teil ihrer eigenen Geschichte, sondern als etwas weit Entferntes, das mit ihnen nicht viel zu tun hatte.

Zu ähnlichen Befunden kam auch unsere Studie über das Geschichtsbewusstsein, wobei man nach Generationen differenzieren muss. Ich beziehe mich im Folgenden vor allem auf Gespräche mit ehemaligen DDR-Bürgern. Ein solches "Losgelöstsein" von der belastenden Vergangenheit ließ sich am deutlichsten in Interviews mit den Vertretern der ersten Nachkriegsgeneration feststellen. Die älteren Gesprächspartner der Kriegsgeneration und die jüngeren der zweiten Nachkriegsgeneration hatten die "antifaschistische" Erziehung keineswegs uneingeschränkt verinnerlicht. Die Älteren beriefen sich vielmehr auf ihre eigenen, widersprüchlichen Erinnerungen an diese Zeit, die sich nicht völlig umdeuten ließen. Bei den Jüngeren hatte die Bindekraft der offiziellen Ideologie weitgehend nachgelassen, und das Identifikationsangebot des Antifaschismus zeigte weniger Wirkung. Die Aussagen der Vertreter der zweiten Nachkriegsgeneration ähnelten übrigens denen ihrer Altersgenossen aus der alten Bundesrepublik. Bei ihnen stellten wir fast gleichermaßen die Abwehr von tatsächlichen oder vermeintlichen Schuldvorwürfen fest, denen sie sich als Deutsche ausgesetzt sahen. Sie sprachen ebenso den Wunsch aus, dass endlich Schluss sein müsse mit der Erinnerung an die Vergangenheit.

Solche Worte waren von den Vertretern der ersten DDR-Nachkriegsgeneration nicht zu hören. Die Befragten dieser Altersgruppe bezeichneten allgemein die Erinnerung an den Nationalsozialismus als wichtige Aufgabe für die Gesellschaft. Sie wünschten sich, dass von dieser Erinnerung eine dauerhafte Mahnung für die Gegenwart ausgehe. Zweifellos hatten sie das formelhafte "Nie wieder" verinnerlicht. Eine Identifikation mit dem untergegangenen sozialistischen Staat leiteten die Betreffenden aber nicht unbedingt aus dieser Haltung ab. Doch sie hatten, solange die DDR noch existierte, offenbar das beruhigende Gefühl, auf der "richtigen Seite" zu leben, in einem System, das eine Wiederkehr des Faschismus in jedem Fall verhindern würde.


Fußnoten

3.
Vgl. Frankfurter Rundschau vom 22.1. 1998.