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1.10.2003 | Von:
Annette Leo

Keine gemeinsame Erinnerung

Geschichtsbewusstsein in Ost und West

Wie weiter?

Die Geschichte der SBZ/DDR ist ein schwieriges Feld für die Erinnerungsarbeit. Es ist eine Geschichte, die historisch noch frisch ist, die sehr fragmentiert erinnert und sehr kontrovers diskutiert wird. Für die Mehrheit der ehemaligen DDR-Bürger steht im Rückblick vor allem der eigene Alltag im Vordergrund. Der Geschichtsdiskurs in der Öffentlichkeit wird aber bestimmt vom Thema Machtstrukturen, Repression und Verfolgung. Von diesem Thema handeln die bisher eingeweihten Gedenkstätten, die aufgestellten Gedenktafeln und Denkmäler: das ehemalige Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen, das Internierungslager und Zuchthaus Bautzen, das Mauermuseum oder das Denkmal für die Opfer des 17. Juni 1953. Es gibt in der vereinigten Bundesrepublik nur ein Museum der Alltagskultur der DDR und eigentlich keines, das sich allein mit der Geschichte der DDR beschäftigt (sieht man einmal vom Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig ab, bei dem die Opposition in der DDR im Mittelpunkt steht).

Die Erinnerungsarbeit ist auch deshalb heikel, da es aufgrund eines doppelten Paradigmenwechsels in der Praxis häufig eine enge Verkoppelung der Erinnerung an die NS-Vergangenheit und an die frühe Nachkriegzeit gibt. Auf diese Weise verbinden sich gegenwärtig die Revision der antifaschistischen Erinnerungskultur und die Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte auf der Ebene der Familienerzählung wie in der öffentlichen Erinnerungsarbeit zu einem widersprüchlichen Komplex, der unbedingt ernst genommen werden muss.