APUZ Dossier Bild

1.10.2003 | Von:
Edgar Wolfrum

Die Massenmedialisierung des 17. Juni 1953

Erinnert wird, was massenmedial präsentabel ist

Erinnerungskulturen sind maßgeblich von Medien abhängig. Diese ermöglichen Bewahrung und Weitergabe. Medien jedoch sind keine neutralen Speicher, die Daten nur abbilden, sondern sie sind aktiv an der Bedeutungskonstruktion der zu vermittelnden Botschaft beteiligt. Geschichte ist in den vergangenen Jahren vor allem zu einem Medienerlebnis für die breite Öffentlichkeit geworden. Sie unterhält, informiert, klärt auf und belehrt, und vergangene Zeiten lassen sich nicht nur lesen, sondern auch hören und sehen.

Heute hat das Fernsehen die Grundversorgung der Gesellschaft mit Geschichtsbildern übernommen. Im Mittelalter war dies die Rolle der Armen-Bibel, in der Frühen Neuzeit die Rolle der Flugblätter. Im 19. Jahrhundert formte sich das nationale Gedächtnis an Denkmälern als Stein gewordener Geschichtsunterricht, aber auch an der historisch-patriotischen Erbauungsliteratur in der Schule und an dem Panorama, einer Art Filmdokumentation vor dem Film. Seit der Zwischenkriegszeit im 20. Jahrhundert trat das Radio als neues Epoche machendes Massenmedium seinen Siegeszug an.

Die Kritik an massenmedialer Geschichtsvermittlung ist so alt wie das Phänomen selbst. Kritiker des Denkmalbooms im ausgehenden 19. Jahrhundert prangerten den Appell an die Emotionen auf Kosten der Ratio an; Gottfried Benn nannte dies später abschätzig den "Wallungswert" des Denkmals. Kaum hatte sich der Hörfunk in den zwanziger Jahren geschichtlichen Sendungen zugewandt, erklang die Klage, das Massenvergnügen verdränge die bürgerliche Hochkultur. Und über das Fernsehen sagte der Kulturkritiker Neil Postman 1985, es sei dabei, unsere Kultur in eine riesige Arena für das Showbusiness zu verwandeln.

Geschichtsdarstellung in neuen Medien ist und war für die Geschichtswissenschaft eine Herausforderung par excellence - und zwar für alle drei Zweige, für die empirische Forschung, für die Theorie und für die Didaktik. Mit dem Durchbruch eines demokratischen Massenmarktes und der modernen Kommunikationsgesellschaften seit dem 19. Jahrhundert ging ein öffentlicher Gebrauch der Geschichte einher. Seither werden bange Fragen gestellt: Geht auf dem Jahrmarkt der Geschichte die Aufgabe verloren, "zu zeigen, wie es eigentlich gewesen" ist? Wird in massenmedialen Darstellungen leichtfertig die Wissenschaftlichkeit über Bord geworfen? Andererseits: Dass auch "Klio dichtet", haben nicht erst die "Postmodernisten" wie Hayden White festgestellt. Bereits Johann Gustav Droysen hat in seiner "Historik" von 1868 unabdingbare Formen des Fiktiven analysiert.[8]

Historikerinnen und Historiker müssen sich heute intensiv mit der massenmedialen Konstruktion der Vergangenheit befassen. Es ist nicht damit getan, die zeitgeschichtlichen Filme im Fernsehen, besonders Inszenierungen, die im Fachjargon "Nachdreh" genannt werden, naserümpfend zur Kenntnis zu nehmen oder die Zeitzeugenfolge im 20-Sekunden-Takt zu bemängeln oder das schöne Styling, die dramatische Musik und die raue Kommentarstimme von Christian Brückner, des Synchronsprechers von Robert de Niro, als Kotau vor einem erlebnisorientierten Massenpublikum zu entlarven.

Geschichtstheorie bedeutet, einfach gesagt, das Nachdenken über die Geschichte als vergangene Realität und über das Wissen davon. Wenn aber dieses Wissen und damit das Geschichtsbewusstsein in besonderem Maße durch das Fernsehen und andere Massenmedien vermittelt wird, müssen Theorie und Didaktik Antworten liefern, was diese für das Geschichtslernen leisten.[9] Geschichte im Fernsehen ist eine Art Historiographie mit den Ausdrucksmitteln des Films: starke Bilder, Einsatz von Musik, Emotionen. Man muss sich v. a. um drei Problemkreise kümmern: um die ästhetischen Ausdrucksformen, um das Verhältnis von Persönlichkeit und Struktur und um die Wirkung und die Bewertungsmaßstäbe von Geschichte in den Massenmedien.

Die ästhetischen Ausdrucksformen

Historikerinnen und Historiker versuchen, die Geschichte wirkungsvoll vor Augen zu führen; sie müssen sich für Darstellungsfragen interessieren. Nur wenige werden dem Bekenntnis von Golo Mann zustimmen, dass gute Historiographie weniger mit Wissenschaft als vielmehr mit Literatur zu tun habe. Aber die meisten werden doch zum Lesen anstiften wollen, werden versuchen, anschaulich zu schreiben und zu reden, werden Fragen aufwerfen, zum Mit- und Nachdenken anregen wollen, werden zwischen Potentialität und Faktizität variieren und einer Mischung aus narrativen und reflexiven Elementen den Vorzug geben. Übersetzt für Filme lauten die geschichtsdidaktischen Kategorien: "Veranschaulichung" und "Vergegenwärtigung".

Auf die Fußangeln jedweder historischen Arbeitsweise hat bereits Johann Gustav Droysen im 19. Jahrhundert aufmerksam gemacht. In seiner "Historik" hat er drei unabdingbare Formen des Fiktiven herausgearbeitet, ohne die Historiografie nicht auskommt: erstens die Fiktion des vollständigen Verlaufs, denn noch jede Erzählung erweckt den Eindruck der Vollständigkeit; zweitens die Illusion des ersten Anfangs und definitiven Endes, denn jede genetische Erzählung konstruiert einen gegenüber der Wirklichkeit übertriebenen Eindruck von organischer Entwicklung; drittens steht jede Geschichtsdarstellung in der Gefahr, die Illusion eines objektiven Bildes der Vergangenheit vorzutäuschen.

Droysen kannte die elektronischen Medien nicht. Darf, so muss man heute fragen, die Theorie Buch und Film über den gleichen Leisten schlagen? Muss man nicht das jeweilige Medium stärker berücksichtigen? Wie steht es z.B. mit dem Problem der Mehrdeutigkeit? Der Kompilationsfilm bietet die beste Möglichkeit, die Vergangenheit zu konstruieren: Er bedient sich Szenen, Computeranimationen, zeitgenössischen Bildern und Überresten, unterbricht den Filmverlauf durch Interviews und gibt Stellungnahmen von Experten wieder. So werden verschiedene Ebenen und Sichtweisen zum Thema vermittelt und die in der Didaktik geforderte Multiperspektivität eingelöst.

Das Verhältnis von Persönlichkeit und Struktur

Geschichte im Fernsehen, aber auch allgemein in den Massenmedien, heißt: Die Geschichtsbetrachtung richtet sich vornehmlich auf Handlungen und Ereignisse, weniger auf Strukturen und Prozesse. Personen regen zur Identifikation an, bergen aber die Gefahr der Sichtverengung und des Reduktionismus gegenüber der Vielfalt und der möglichen Gegenläufigkeit gesellschaftlicher Prozesse. Strukturhistoriker haben biographische Besonderheiten ausgeblendet und sich den geschichtsmächtigen, überindividuellen Strukturen und Prozessen zugewandt. Sie sehen im Geschichtsfernsehen daher häufig einen audiovisuellen Neohistorismus. Historiker aus der hermeneutischen Tradition argumentieren hingegen, in der Geschichte gehe es um den Menschen, und wenn in ihr Strukturen entdeckt würden, seien diese doch immer von Menschen geschaffen und könnten durch besondere, durch "große" Persönlichkeiten umgeformt werden. Sie halten den Strukturhistorikern mangelnde narrative Kompetenz vor.

Geschichte in den modernen Massenmedien erklärt durch Erzählung. Daher ist der Streit um das Fernsehen die Fortführung des alten Streits über die Narration in der Geschichte. Anfang der siebziger Jahre geriet die Erzählung in der Geschichtswissenschaft, auch in der Didaktik, jäh ins Abseits, und es dominierte der emanzipatorische Ansatz. Doch erstaunlich schnell setzte eine Gegenbewegung ein. Didaktiker plädieren heute wieder für einen erzählenden Umgang mit Geschichte, da sich nur so Authentizität, also größtmögliche Erfahrungsnähe, gewinnen lasse. Erfahrungsnähe und Erlebnis scheinen für Geschichte im Fernsehen conditiones sine qua non zu sein.

Wirkung und Bewertungsmaßstäbe

Das Fernsehen als Medium der Schaulust kann in seiner Vielfältigkeit im letzten Sinne Schau-Bühne historischen Lernens sein. Die Vergangenheit steht uns nicht als Realität, sondern in Form von Deutungen zur Verfügung, die von Wertungen und künftigen Perspektiven mitbestimmt sind. Mit Blick auf das Fernsehen lässt sich dieser Gedanke mit der These verbinden, dass eine audiovisuelle Präsentation ihrem Wesen nach bereits eine Form der Erklärung ist. Bilder beeinflussen die Formung von Geschichtsbewusstsein stärker als das gesprochene oder geschriebene Wort. Weil der Film fertige und obendrein "lebendige" Bilder liefert, gerät das Dargestellte leichter als bei anderen Medien und Quellen ungefragt zur geschichtlichen Wahrheit.

Geradezu skurril mutet vor diesem Hintergrund das grobe Missverhältnis bei der kritischen Würdigung massenmedialer historischer Werke an. Jede durchschnittliche Buchpublikation darf darauf vertrauen, mehrfach rezensiert zu werden. Fernsehsendungen werden von der Fachhistorie und der Fachdidaktik hingegen nur selten gewürdigt. Es fehlt an Bewertungsmaßstäben, die über die sonst üblichen Fragen wie Rationalität, Quellennähe und Thesenführung hinausweisen.

Es wäre eine wichtige Aufgabe, solche Bewertungsmaßstäbe zu entwickeln. Sie müssten natürlich die Standards reflektieren, aber auch Fragen nach der Anschaulichkeit, der Komplexität, der Handlungsführung, der Perspektive, der Suggestivität stellen. Vor allem aber müsste diskutiert werden, ob die Vorzüge des Mediums genutzt worden sind. Denn Sachertrag oder Aufklärung und Publikumseffekt müssen nicht zwangsläufig Gegensätze sein.

Auf der Euroclio-Konferenz der Geschichtslehrerinnen und -lehrer in Budapest im März 1997 wurde ein Programm über den "Umgang mit Geschichte im 21. Jahrhundert" verabschiedet, in dem die interkulturelle Medienkompetenz - Fernsehen, CD-ROM, Internet - ganz oben stand.[10] Geschichte ist heute eine internationale Handelsware, sie wird als Film oder als CD bzw. als DVD international vertrieben, und das neue Speicher- und Kommunikationsmedium Internet revolutioniert den Umgang mit der Vergangenheit. Das World Wide Web vereinigt Elemente der Interaktivität und der Hypertextualität.

Das Internet bietet eine immense Fülle an Informationsquellen, die entdeckendes Lernen ermöglicht. Aber wir sollten uns der besonderen Problematik einer z. T. mangelnden Qualität bewusst sein. Die Gefahr eines Orientierungsverlustes droht: In der personalisierten, auf individuelle Präferenzen abgestimmten, beliebig verknüpfbaren Datenfülle kann sich jeder und jede "seine" und "ihre" Vergangenheit, seine und "ihre" Erinnerung selbst zusammenbasteln.


Fußnoten

8.
Anstelle vieler Einzelnachweise vgl. Chris Lorenz, Die Konstruktion der Vergangenheit, Köln u.a. 1997, S. 127ff. (dort auch weiterführende Literatur).
9.
Vgl. u.a. Gerhard Schneider, Filme, in: Hans-Jürgen Pandel/ ders. (Hrsg.), Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts. 1999, S. 365 - 386.
10.
Dokumentiert in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 49 (1998), S. 204.