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1.10.2003 | Von:
Edgar Wolfrum

Die Massenmedialisierung des 17. Juni 1953

Erinnerungskultur heute und morgen

Das Gedächtnis wird immer stärker durchformt von den Instrumenten und Möglichkeiten der modernen Massenmedien. Darüber hinaus ist Geschichte zu einer Massenaktivität geworden. Die Politikwissenschaftler Claus Leggewie und Erik Meyer stellen vor diesem Hintergrund Trendvermutungen über künftige Erinnerungskulturen an: Sind Erinnerungskulturen heute noch meist zivilgesellschaftlich begründet, so werden sie morgen kommerziell motiviert sein; sind sie heute noch eher politisch inszeniert, so werden sie morgen durchgehend event-bezogen sein; sind sie heute noch auf Dauer angelegt, so werden sie morgen episodenhaft und kampagnenförmig sein; sind sie heute noch vergegenständlicht und diskursiv, so werden sie morgen visualisiert und virtuell sein. Sie werden weniger national verfasst als vielmehr global ausgerichtet sein.[11]

Diese Trends lassen sich auch beim Umgang mit dem 17. Juni 1953 im Jahre 2003 erkennen. Der Aufstand - eine Zeitlang totgeschwiegen und nun totgefeiert? Wird nach der kollektiven Erinnerung nun wieder das kollektive Vergessen einsetzen? Fehlt es nicht an einem Ort, an dem sich die Erinnerung fest machen kann, fehlt es nicht an Namen der Handelnden, der Opfer? Andererseits verfügen wir durch die wachsende Medialisierung über Erinnerungsikonen - Bilder und Filmsequenzen -, die immer wieder aufbereitet werden können, und das 50. Jubiläum des 17. Juni 1953 hat dem Tag eine Unmittelbarkeit gegeben, die man ihm nicht mehr zugetraut hätte.

Wer die (z. T. bisher unbekannten) Bilder gesehen hat von den freudig demonstrierenden Männern und Frauen - die fröhlichen Gesichter fallen sofort ins Auge -, der ahnt, wieviel Hoffnung und Zuversicht, wieviel Enttäuschung und Leid an diesem Datum hängt. Hat nicht 1953 die ostdeutsche Bevölkerung eine Bastille von der Größe eines Landes zu erstürmen versucht? Warum sollte der 17. Juni nicht ein zuversichtlicher Erinnerungsort sein können? Die Franzosen genieren sich nicht, wenn sie ihren 14. Juli mit einer gewissen Leichtigkeit feiern. Eine Scheu vor Symbolen erscheint unangebracht. Schon der große Politiker und Historiker der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Alexis de Tocqueville, wusste, dass demokratische Völker der symbolischen Formen mehr als andere bedürfen, sie für gewöhnlich jedoch geringer achten. Ein Defizit an symbolisch vermittelter Identifikation könnte Antidemokraten jeglicher Couleur auf den Plan rufen, dieses Vakuum zu füllen.

Der 17. Juni 1953 ist ein Zuversicht verbürgender Erfahrungsschatz für alle Deutschen. Er vermittelt Erfahrungen von Opposition, Widerstand und Aufstand gegen eine Diktatur, Erfahrungen eines zivilbürgerlichen Engagements, welche die Deutschen übrigens mit ihren europäischen Nachbarn teilen.


Fußnoten

11.
Vgl. Claus Leggewie/Erik Meyer, Medien und Erinnerungskulturen heute und morgen - ein Ausblick, Ms. (o.J.), Gießen, zu finden unter: www.memorama.de.