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1.10.2003 | Von:
Viola B. Georgi

Jugendliche aus Einwandererfamilien und die Geschichte des Nationalsozialismus

Theoretischer Bezugsrahmen

Auch junge Migranten partizipieren am Diskurs über die Vergangenheit. Sie nehmen aktiv teil an der Kommunikation über die Geschichte ihres Aufnahmelandes. Dabei sind ihre Geschichtsbezüge in unterschiedlicher Intensität beeinflusst von den skizzierten Entwicklungen einer veränderten und sich verändernden Erinnerungs- und Geschichtskultur. Gleichsam sind sie selbst Akteure des Gedächtniswandels bzw. einer "neuen" Erinnerungskultur. Denn die zukünftige deutsche Gesellschaft wird sich zum größten Teil aus Menschen zusammensetzen, die aufgrund ihres Alters und/oder ihrer Herkunft und historisch-politischen Orientierung weder über unmittelbares noch über familientradiertes Erfahrungswissen auf den Nationalsozialismus zurückgreifen können. Die Geschichtskonstruktionen sind deshalb in hohem Maße von der Fähigkeit und Bereitschaft junger Menschen abhängig, aus ihrer eigenen Erlebnis- und Erfahrungswelt Brücken zur Vergangenheit zu schlagen. Interessant ist dabei, zu welchen Aspekten der NS-Geschichte sich gerade Jugendliche aus Einwandererfamilien in Beziehung setzen.

Der theoretische Bezugsrahmen der Studie befasst sich mit der Geschichtsbewusstseinsforschung, mit Erinnerungs- und Erzähltheorien sowie der Ethnizitätsforschung. Ich konzentriere mich im Folgenden vornehmlich auf einige erinnerungs- und gedächtnistheoretische Überlegungen.

Entliehenes Gedächtnis

Mit Maurice Halbwachs gehe ich davon aus, dass das kollektive Gedächtnis ein sozial konstruiertes ist.[16] Vergangenheit ist in ihm nicht einfach als solche "aufgehoben", sondern muss in sozialen Interaktionen und Vergegenwärtigungsprozessen rekonstruiert werden. Dabei wird das Vergangene tradiert und transformiert. Die Herausbildung des individuellen Gedächtnisses ist wiederum von der Kommunikation mit anderen und der Zugehörigkeit zu sozialen Geflechten abhängig. Außerdem muss das, was Menschen erinnern, von signifikanten anderen als bedeutsam zurückgespiegelt und bestätigt werden.[17]

Halbwachs prägte den Begriff des "entliehenen Gedächtnisses"[18], auf welches sich all jene berufen müssten, die eine nicht selbst erlebte Vergangenheit erinnern wollten. Für junge Migranten gehören NS-Zeit und Holocaust nicht zur selbst erlebten Vergangenheit. Wenn sie über ihre Erfahrungen mit der NS-Geschichte sprechen, greifen sie gesellschaftlich verfügbare Vergangenheitsdeutungen auf, schöpfen quasi aus der Quelle des "entliehenen Gedächtnisses". Dennoch reproduzieren sie dieses nicht einfach, sondern vergegenwärtigen es, indem sie es biographisch bearbeiten und mit subjektiver Bedeutung versehen. Durch Auswahl und Darstellung des Vergangenen - also die jeweils spezifische Sinnbildung über Zeiterfahrung - sind sie an Reproduktion und Rekonstruktion von Geschichtsdeutungen beteiligt. Damit haben sie kurzfristig teil am kommunikativen Gedächtnis; langfristig auch an der Formierung des kulturellen Gedächtnisses.

Erinnern und Zugehörigkeit

Erinnerung hat stets einen Gegenwartsbezug. Erinnerungsarbeit ist von Gegenwartsinteressen und gruppenspezifischen Zukunftserwartungen geleitet. Häufig dominiert in der Erinnerung sogar die Deutung über die historischen Tatsachen.[19] Weil Erinnerung unter dem Druck von Absichten, Wünschen und Pflichten steht, muss die Vergangenheit an die Orientierungsbedürfnisse der Gegenwart angepasst werden. Erinnerung ist zudem aufs Engste mit dem Geschichtsbewusstsein verknüpft. Sie präsentiert die Vergangenheit als eine Erfahrung, die gegenwärtige Lebensverhältnisse verständlich und Zukunft antizipierbar macht. Erinnerung stellt somit den Kitt dar, der die drei Dimensionen des Geschichtsbewusstseins - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - auf jeweils spezifische Weise miteinander verbindet.

Über Erinnerungen werden Zugehörigkeiten vermittelt.[20] Gemeinsames Erinnern hält Menschen als Gruppen zusammen. Soziale Gruppen vergewissern sich in der Rekonstruktion von Vergangenheit ihrer Zugehörigkeit. Das Bekenntnis von Individuen zu einer Erinnerungsgemeinschaft wiederum stellt Zugehörigkeit in Aussicht. Aus dem Bekenntnis zu bestimmten Bezugsgruppen leiten sich dann auch Ansprüche und Legitimationen bestimmter historischer Identifikationen ab. Deshalb beleuchtet meine Studie auch die Frage, ob das Sich-Beziehen auf die NS-Zeit - besonders für Migranten - als zugehörigkeitsvermittelnd angenommen werden kann. Zugehörigkeit markiert die Schnittmenge von historischer und ethnischer Identität. Historische Identität wird immer von der "eigenen" Gruppe her entworfen; ethnische Identität wiederum wird häufig durch Bezugnahme auf gemeinsame Vergangenheit gestiftet. Diskutiert werden muss deshalb die Frage, ob und in welchem Zusammenhang historische Identitäten optional sind.[21]

Junge Migranten, die nach Deutschland eingewandert oder hier geboren sind, werden zu "unfreiwilligen Mitgliedern"[22] einer Gemeinschaft, zu deren kollektiver Vergangenheit sie sich in Beziehung setzen müssen: Sie können der NS-Geschichte gleichgültig gegenüberstehen und sie nicht als die ihre verwerfen, sie können sich energisch von ihr lossagen oder aber sich bereitwillig der politischen Hypothek stellen. Wie auch immer sie mit der Geschichte umgehen, sie müssen sich durch die Tatsache, dass sie in Deutschland leben und sich zumeist auch als Mitglieder der deutschen Gesellschaft verstehen, nolens volens zur nationalen Geschichte verhalten.[23]


Fußnoten

16.
Vgl. Maurice Halbwachs, Das kollektive Gedächtnis, Frankfurt/M. 1991.
17.
Vgl. hierzu Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und Identität in frühen Hochkulturen. München 1999, S. 36.
18.
M. Halbwachs (Anm. 16), S. 35.
19.
Vgl. J. Rüsen/F. Jaeger (Anm. 14), S. 400.
20.
Vgl. J. Assmann (Anm. 6), S. 47.
21.
Siehe hierzu Mary C. Waters, Ethnic Options. Choosing Identities in America, Berkeley-Oxford 1990.
22.
Siehe hierzu Michael Walzer, Politik der Differenz. Staatsordnung und Toleranz in der multikulturellen Welt, in: Rainer Forst (Hrsg.), Toleranz. Philosophische und gesellschaftliche Praxis einer umstrittenen Tugend, Frankfurt/M. 2000, S. 214 - 231.
23.
Vgl. Avishai Margalit, Es ist leichter, Erdbeeren zu verändern als Nationen, in: Micha Brumlik u.a. (Hrsg.), Babylon, Frankfurt/M. 1999, S. 116.