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1.10.2003 | Von:
Viola B. Georgi

Jugendliche aus Einwandererfamilien und die Geschichte des Nationalsozialismus

"Holocaust und NS-Geschichte,was bedeutet das für mich?"

Davon ausgehend, dass Geschichtsbewusstsein sich in Erzählungen niederschlägt, wurden die Daten durch offene, biographisch orientierte Interviews erhoben. Die Befragten waren zwischen 15 und 20 Jahre alt und besuchten unterschiedliche Schulformen. Die im Rahmen eines größeren Samples von 55 Interviews angefertigten Einzelfallanalysen bildeten die Grundlage für die Bildung von Typen.[24] Weil ich hier keine ausführlichen Fallanalysen präsentieren kann, möchte ich zumindest einige Stimmen aus den Interviews abbilden. Diese dienen lediglich der Illustration des bearbeiteten empirischen Feldes.

Fatima, deutsche Staatsbürgerin marokkanischer Herkunft, 20 Jahre alt, 13. Klasse, Gymnasium: "Ich frag mich, ob das wieder passieren könnte. Man kann Gefühle nicht so beschreiben. Man weiß dann nicht genau, warum man Angst hat. Es ist nicht so, dass ich mich davon distanzieren kann, sagen kann: Das waren mal die Juden. Das waren mal die Deutschen. Es geht mich nichts an. Es geht mich eben an, weil es Menschen waren. Und es kann immer so etwas passieren, mit anderen Menschen."

Bülent, deutscher Staatsbürger türkischer Herkunft, 16 Jahre alt, 10. Klasse, Realschule: "Als wir in Tschechien waren, das war eigentlich das einzige Mal, wo ich als Deutscher angesehen worden bin. Also, da hab ich mich als Reindeutscher gesehen. Da hab ich den Türken in mir vergessen, weil da war es was anderes. (...) Da kam ich mir schon so schlecht auch vor, weil die Deutschen da so Schlimmes verbrochen haben. Das sind solche Momente, wo man drüber nachdenkt und wo man auch ein bisschen Schuldgefühl kriegt. Da hab ich mich echt als Deutscher angesehen, also als ein Gast in einem Land, der nicht gern gesehen wird."

Farhad, iranischer Herkunft, 18 Jahre alt, 12. Klasse, Gymnasium: "Und in der Nachbarschaft haben viele alte Leute gelebt, und ich hab mich halt mit denen gut verstanden. Und die haben mir auch immer von der Zeit erzählt (...) und dann der Freund meiner Mutter, der ist Deutscher, und der hat das ja miterlebt als kleines Kind - die Bombenangriffe auf Frankfurt. Und hab ihn auch immer gefragt. Er hat ja auch noch seine Eltern gehabt damals und durch ihn bin ich auch mehr mit dem Nationalsozialismus zusammengewachsen. Wie er erzählt hat, wie er das als kleines Kind erlebt hat, wie seine Eltern da gelebt haben und so. Der Vater war auch im Krieg, in Russland, an der Ostfront."

Laila, deutsche Staatsbürgerin äthiopischer Herkunft, 19 Jahre alt, 12. Klasse, Gymnasium: "Gerade weil wir hier leben, und als Ausländer musst Du Dich doch auch irgendwo mit der ganzen Sache auseinander setzen, da wir einen Bezug zu Deutschland ja auch haben. Und genau so, wie ein Deutscher über seine Geschichte Bescheid wissen müsste. In dem Moment, wo wir hier leben, ist das ja auch ein Teil von unserer Geschichte, und darum ist es auch wichtig, meiner Meinung nach, sich darüber klar zu werden, was passiert ist, wie es dazu kam und dass es genauso gut auch anderswo passieren könnte."

Muhrat, kurdischer Herkunft, 16 Jahre, 10. Klasse, Realschule: "Ich verstehe mehr als die anderen, weil ich weiß, was Leiden heißt. Und was früher mit Deutschland passiert ist, ist fast gleich wie heute mit den Kurden, zum Beispiel, wie die Deutschen die Juden verjagt haben. Das ist doch das Gleiche, wie es die Türken mit den Kurden machen."

Turgut, deutscher Staatsbürger kurdisch-türkischer Herkunft, 20 Jahre, 13. Klasse, Gymnasium: "Aber das Problem ist: Zwar hab ich einen deutschen Pass, aber ich werde nicht als Deutscher akzeptiert. Das war ja auch bei den Juden so. Die waren deutsche Juden. Aber die wurden nicht als Deutsche akzeptiert. Und das ist jetzt bei uns Ausländern ganz genauso. (...) Man wirft uns vor, und das sind genau die gleichen Vorwürfe, die man den Juden damals gemacht hat, dass wir nicht genug deutsch fühlen. Aber das ist nur Vorurteil. (...) Ich finde nicht gut, dass man Ausländern gleich unterstellt, dass sie nicht loyal sind. Und das hat man auch früher von den Juden gedacht."


Fußnoten

24.
Auf eine Darstellung des Forschungsdesigns und der angewandten Methoden (Biographieforschung, Grounded Theory und Geschichtenhermeneutik) muss hier verzichtet werden.