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1.10.2003 | Von:
Viola B. Georgi

Jugendliche aus Einwandererfamilien und die Geschichte des Nationalsozialismus

Ergebnisse und Typen

Die Ausschnitte illustrieren eine Vielfalt der Geschichtsbezüge, die bei aller Unterschiedlichkeit auch Gemeinsamkeiten aufweisen. Alle Jugendlichen ringen in der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte mit Fragen von Zugehörigkeit. Dabei ist auffällig, dass es nicht so sehr die national-kulturelle Herkunft ist, welche die Umgangsweise mit der NS-Geschichte prägt, sondern vielmehr die gesellschaftliche Positionierung als Angehöriger einer Minderheit in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Über die Aneignung, Annahme oder Abgrenzung von der Geschichte des Nationalsozialismus wird, wie bereits ausgeführt, die Zugehörigkeit zur Mehrheitsgesellschaft verhandelt, behauptet, in Frage gestellt oder zurückgewiesen. Es geht darum, sich zu unterschiedlichen historischen Bezugsgruppen in Beziehung zu setzen.

Insgesamt wurden vier Typen herausgearbeitet. Die Typen beschreiben biographische Strategien - Selbstpositionierungen - im Umgang mit der NS-Vergangenheit, die sich in der Identifikation mit bestimmten historischen Bezugsgruppen bündeln lassen.

Typ I

Fokus: Opfer der NS-Verfolgung. In den unter Typ I gefassten Geschichtskonstruktionen schält sich als dominantes Motiv ein Interesse am Schicksal der Opfer heraus. Dies geht einher mit einem hohen Maß an Empathie und persönlicher Betroffenheit. Im Mittelpunkt stehen die Opfer und das Unrecht, das ihnen widerfahren ist. Dabei kommt es häufig zu Analogiebildungen, die ein Sichhineinversetzen-Können in die Opfer suggerieren: Selbst erfahrene Diskriminierung und Rassismus in der deutschen Aufnahmegesellschaft werden zu den Ausgrenzungs- und Verfolgungsmechanismen des NS-Regimes in Beziehung gesetzt. Die eigene Lebenssituation als Angehöriger einer Minderheit bzw. die Position als Ausländer wird mit der Situation jüdischer Opfer nationalsozialistischer Rassenpolitik verglichen. Die Kenntnis der NS-Geschichte wird dabei nicht nur zu einem kritischen Maßstab der Beobachtung möglicher historischer Kontinuitäten in der Aufnahmegesellschaft, sondern auch zur sinnstiftenden Folie für die Deutung der eigenen Gegenwart und Zukunft als in Deutschland lebender Migrant der zweiten und dritten Generation.

Typ II

Fokus: Zuschauer, Mitläufer und Täter im Nationalsozialismus. Die Geschichtskonstrukte zeichnen sich aus durch eine explizite Bezugnahme auf die Zuschauer-, Mitläufer- und Tätergesellschaft, deren Sozialperspektiven probeweise eingenommen werden (etwa die Perspektive ehemaliger Wehrmachtssoldaten). Es kommt dabei nicht selten zu einer Reproduktion von Mythen über den Nationalsozialismus. Einerseits werden die jungen Migrantinnen und Migranten durch ihre politisch-historische Sozialisation in Deutschland in solche Mythenbildungen und damit auch in die deutsche Erinnerungsgemeinschaft verstrickt. Andererseits verstricken sie sich selbst in deutsche "Geschichtsgeschichten" durch die Bearbeitung bestimmter Vergangenheitsdeutungen.[25] Motiv für die aktive Teilhabe am kommunikativen Gedächtnis der deutschen Gesellschaft scheint ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu sein: Es geht darum, sich durch ein bereitwilliges Antreten des "negativen historischen Erbes" als "vollwertiger" Deutscher zu legitimieren und zu qualifizieren. Es scheint, als diene die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und derGrad der (Selbst-)Verstrickung in diese Geschichte der Legitimationssteigerung als deutscher Staatsbürger. An die Übernahme von Verantwortung oder gar von "Schuldgefühlen" für die von Deutschen begangenen Verbrechen knüpft sich eine Anerkennungs- bzw. Integrationserwartung.

Typ III

Fokus: "eigene" ethnische Gemeinschaft. Typ III ist charakterisiert durch exklusive Teilhabe am kollektiven Gedächtnis der "eigenen" minoritären ethnischen Gruppe. In diesem Fall erscheint die historische Identität nicht in Gestalt einer Option. In der Wahrnehmung der Betroffenen wird sie zur Verpflichtung. Erinnerungstheoretisch handelt es sich mit Avishai Margalit um die Praxis "ethischen Erinnerns".[26] Die ethische Erinnerungsgemeinschaft basiert hiernach auf ethnischer Vergemeinschaftung.

Eine Variante innerhalb dieses Typus lässt sich mit dem Begriff der Instrumentalisierung beschreiben. Von Instrumentalisierung des Holocaust kann dann gesprochen werden, wenn eine Bezugnahme auf die Opfer des Nationalsozialismus ausschließlich der Dramatisierung der Situation der "eigenen" Gruppe dient. Dabei wird das Schicksal der eigenen ethnischen Gruppe argumentativ mit dem Holocaust verknüpft. Auf diese Weise kann der Affektgehalt des eigenen Anliegens aufs Höchste gesteigert und unter den Druck eines moralischen Absolutismus gesetzt werden. So nutzen junge Migranten, die ihre Verfolgungsgeschichte, die Leidensgeschichte ihrer Familie oder auch ihrer ethnischen Gruppe in der Aufnahmegesellschaft nicht repräsentiert bzw. anerkannt sehen, die Erfahrungen der historische Bezugsgruppe der NS-Opfer als Projektionsfläche für die Abbildung ihrer eigenen Geschichte. Es scheint, als ahnten die Betroffenen, dass sich der deutsche Sorgehorizont für ihre Geschichte(n) nur dann öffnet, wenn diese in eine Nähe zu Auschwitz gerückt werden.

Typ IV

Fokus: Menschheit. Für diesen Typus spielt weder die eigene ethnische Herkunft noch die Herkunft der Opfer, Täter oder Mitläufer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft eine große Rolle. Diskutiert wird stattdessen, wie Menschen unter bestimmten historischen, politischen und sozialen Bedingungen zu Opfern, Mitläufern oder Tätern werden konnten und werden. Die Geschehnisse während des Zweiten Weltkriegs werden mit aktuellen Phänomenen verglichen: mit Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, Rechtsextremismus, Menschenrechtsverletzungen und Genozid. Diese Kontextualisierung der jüngsten deutschen Geschichte im Spiegel globalen Zeitgeschehens findet ihren Ausdruck in einer universalisierenden Perspektive. In Auseinandersetzung mit dem historischen Exemplum Auschwitz werden Beurteilungsmaßstäbe und Handlungsstrategien für die Gegenwart entwickelt. Die historische Bezugsgruppe dieses Typus ist die gesamte Menschheit. Erinnert wird an Ereignisse der Menschheitsgeschichte aufgrund der Zugehörigkeit zum "Menschengeschlecht". Hintergrund dieser Positionierung scheint eine in der Migration entwickelte post-nationale bzw. post-ethnische Orientierung zu sein. Diese könnte sich aus zwei Komponenten speisen: zum einen aus dem Nichtvorhandensein einer Identifikation mit Deutschland und den Deutschen, was nicht zuletzt auch auf die von jungen Migranten häufig erfahrene Nicht-Anerkennung als "Deutsche" zurückzuführen wäre; zum anderen aus dem Mangel an Einbindung in die kollektive Erinnerung der jeweiligen Herkunftsgesellschaft.


Fußnoten

25.
Volkhard Knigge verwendet den Begriff der Geschichtsgeschichten als positive Beschreibung von "trivialem Geschichtsbewusstsein"; vgl. seine Ausführungen in: Triviales Geschichtsbewusstsein und verstehender Geschichtsunterricht, Pfaffenweiler 1988.
26.
Vgl. hierzu A. Margalit (Anm. 23), S. 106 - 118.