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1.10.2003 | Von:
Viola B. Georgi

Jugendliche aus Einwandererfamilien und die Geschichte des Nationalsozialismus

Die Zukunft der Erinnerung

Ein Geschichtsbezug, der auf "die Menschheit" abhebt, verweist auf die konstitutive Basis einer offenen und inklusiven, weder national noch ethnisch definierten Erinnerungsgemeinschaft. Diese spiegelt sich gegenwärtig in einer unaufhaltsam scheinenden Globalisierung der Erinnerung an die Massenvernichtung der europäischen Juden wider. Der Holocaust wird dabei nicht nur zu einem universalen Orientierungspunkt für Menschheitsverbrechen, sondern auch zum Gegenstand einer weltgesellschaftlichen Erinnerungskultur, die Margalit im Gegensatz zur ethischen Erinnerung als moralische Erinnerung fasst.[27] Die Partizipation an der moralischen Erinnerungsgemeinschaft setzt keine gemeinsamen ethnischen Wurzeln voraus. Sie steht prinzipiell allen offen.

Nationale und ethnische Bezugsrahmen der Erinnerung verlieren an Bindekraft. Was geschieht aber mit der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus, wenn diese aus dem spezifischen historischen Kontext herausgelöst wird? Läuft sie nicht Gefahr, für immer hinter der Vereinnahmung für menschliche Katastrophen des Zeitgeschehens zu verschwinden? Erreicht die Instrumentalisierung der Erinnerung an den Massenmord nicht ihren Höhepunkt, wenn der Holocaust zu einem universalen Behältnis für Erinnerungen an ganz unterschiedliche Opfer wird? Oder liegt paradoxerweise gerade in dieser globalen Indienstnahme von Auschwitz als universellem Maßstab für Menschenrechtsverletzungen eine zukunftsweisende, wenngleich nicht zweckfreie Dimension der Erinnerung, im Sinne von Adornos Maxime, dass Auschwitz sich nicht wiederhole?

In der amerikanischen Geschichtskultur, wie sie etwa durch Holocaust-Museen, "Holocaust studies" und eine Vielfalt an Programmen zur "Holocaust education" repräsentiert wird, gehört ein universalistischer Zugang zur NS-Geschichte vielerorts bereits zur didaktischen Alltagspraxis. Der Holocaust wird hier verstanden als schlimmstes Verbrechen der Menschheit, als Ausdruck universalen Rassismus, ja, als Toleranzproblem. Ob eine solche Herangehensweise in einer sich pluralisierenden Gesellschaft an Bedeutung gewinnt, hängt nicht nur, aber auch von der künftigen Debatte über das historisch-politische Selbstverständnis der Deutschen ab, an der zunehmend auch Bindestrich-Deutsche teilnehmen werden.


Fußnoten

27.
Vgl. ebd.