BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

12.9.2003 | Von:
Detlef Nolte
Anika Oettler

Lateinamerika: Der vergessene Hinterhof der USA?

III. Der Platz Lateinamerikas in der neuen Weltordnung

Aus sicherheitspolitischer Perspektive kam Lateinamerika in den neunziger Jahren auf den ersten Blick keine zentrale Bedeutung in der US-Politik zu. Nach dem Ende des Kalten Krieges hatten die klassischen Bedrohungsszenarien an Bedeutung verloren. Die Bürgerkriege in Zentralamerika, die im Rahmen des Ost-West-Konfliktes angeheizt worden waren, konnten beendet werden, und auch Kuba wurde nicht mehr als unmittelbare Bedrohung der amerikanischen Sicherheit wahrgenommen. Nachdem Russland seine Truppen abgezogen, die Abhöreinrichtungen abgebaut und die Subventionierung des Castro-Regimes eingestellt hatte, wurde Kuba noch stärker als zuvor zu einem Problem der Innenpolitik. Im Rahmen eines erweiterten Sicherheitsbegriffs gewannen andere Themen an Bedeutung, die sich zu einem neuen Bedrohungsszenario verdichteten. Das Spektrum der Bedrohungen reichte in einem Papier des von den USA maßgeblich beeinflussten Inter-American Defense Board von Terrorismus, Nuklear- und Massenvernichtungswaffen, ökonomischer Krisenanfälligkeit, extremer Armut und organisierter Kriminalität bis hin zu "nationalistischen indigenen Bewegungen".[17]

70 Prozent (1998: 55 Prozent) der Amerikaner sahen 2002 in der Kontrolle und Verringerung der illegalen Einwanderung ein wichtiges außenpolitisches Ziel, 81 Prozent (1998: 81) im Stopp des Zuflusses illegaler Drogen. Immerhin zwei Drittel der befragten US-Bürger befürworten den Einsatz von US-Truppen zur Bekämpfung von Drogenbossen in Kolumbien.[18]

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 kam es zu einer Aufwertung der sicherheitspolitischen Komponente in der Lateinamerikapolitik, die zunehmend andere Themen überlagert. In einem aktuellen Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes des US-Kongresses hinsichtlich der im laufenden Jahr anstehenden Themen zu Lateinamerika stehen an erster Stelle die Bekämpfung von Terror und Drogen in der Andenregion, danach Handelsfragen und die potentiellen Bedrohungen für die Demokratie und Stabilität in der Region.[19]

Im Magazin "Esquire" hatte Thomas P. M. Barnett die "neue Weltkarte des Pentagon" vorgestellt.[20] Barnett, dessen Artikel in den USA eine heftige Debatte entzündet hatte, betrachtet die US-amerikanische Sicherheitspolitik aus einem Blickwinkel, der, so undifferenziert er auch sein mag, eine gefährliche Logik aufweist. Der Irak-Krieg werde, so der Autor, einen historischen Wendepunkt markieren, da er einem neuen sicherheitspolitischen Paradigma zum Durchbruch verhelfe. Dieser Krieg begegne der Gefahr, die aus dem Nicht-Eingebundensein in die globalisierte Welt resultiere, denn: "disconnectedness defines danger". Barnett unterteilt die Welt des beginnenden 21. Jahrhunderts in einen "funktionierenden Kern" (functioning core), der sich durch die Anpassung an den entstehenden globalen Regelsatz von Demokratie, Transparenz und freien Handel auszeichne, und in ein "Ozonloch der Globalisierung", die nicht integrierte Lücke (non-integrating gap),[21] in der die Wahrscheinlichkeit für eine militärische Intervention der USA besonders hoch sei. Die Grenzen der zweigeteilten Welt sind dabei äußerst unbeständig.[22] Einen zentralen Schauplatz im Kampf zwischen Kern und Lücke bilden die "Saumstaaten" (seam countries), die entlang "the gap's bloody boundaries" liegen. Nicht nur die USA als Kernland bekämpfen das "Ozonloch der Globalisierung", auch Russland und Australien etwa tragen Gefechte in ihren Hinterhöfen aus. Vor dem globalen Hintergrund einer zweigeteilten Welt werden drei Säulen einer nationalen Sicherheitsstrategie der USA benannt: "1) Increase the Core's immune system capabilities for responding to September 11-like system perturbations; 2) Work the seam states to firewall the Core from the Gap's worst exports, such as terror, drugs, and pandemics; and, most important, 3) Shrink the Gap."

Obgleich Barnett "große Teile Südamerikas" dem Kern zurechnet, sind diese keineswegs so beständige Elemente wie etwa die USA oder die EU. Auf den kartographischen Illustrationen der neuen Weltordnung ist eine Dreiteilung der westlichen Hemisphäre abgebildet: a) der nördliche, zum Zentrum gehörende Block mit Kanada, den USA und Mexiko; b) ein Gürtel der nichtintegrierten Lücke, der von der Karibik über Zentralamerika, die Andenkette (Venezuela, Ecuador, Kolumbien, Peru, Bolivien) bis nach Paraguay führt; c) ein "Saum", der in diesem Bild von allen übrigen südamerikanischen "Kernländern" (Chile, Argentinien, Uruguay und Brasilien) gebildet wird. Obwohl Lateinamerika und die westliche Hemisphäre im Vergleich mit anderen Weltregionen keine "hot zone" im Krieg gegen den Terrorismus darstellen,[23] erwächst aus der geographischen Nähe zu den USA eine besondere Bedrohung.[24]

Die Durchlässigkeit der gemeinsamen Grenze zum "Saumstaat" Mexiko (aber auch zu Kanada) wird nicht mehr allein wegen der illegalen Einwanderung als problematisch erachtet. Die "weiche Flanke" der USA gilt als potentielles Einfallstor für Terroristen. In den Verhandlungen über eine größere Durchlässigkeit der Grenzen zwischen Mexiko und den USA, die nach dem Amtsantritt von Präsident Bush mit guten Erfolgsaussichten geführt wurden, zeichnete sich nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ein Stillstand ab. Mehr noch, es ist mit einer weiteren Verschärfung der Grenzkontrollen zu rechnen. Und es gibt Bestrebungen, die mexikanischen wie auch die kanadischen Streitkräfte in ein umfassendes Konzept der Verteidigung des amerikanischen "homeland" einzubinden, wie überhaupt eine stärkere Abstimmung in der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik zwischen den NAFTA-Partnern für wünschenswert erachtet wird,[25] wobei dies unter Rücksichtnahme auf die mexikanischen Befindlichkeiten sehr diskret geschieht. Zugleich werden vor dem Hintergrund der Neustrukturierung der Verteidigung in der westlichen Hemisphäre das Territorium Kanadas und Mexikos (und Teile der Karibik) aus der Sicht des US-Militärs bereits beide dem Einzugsbereich des US Northern Command zugeordnet - in Abgrenzung zum US Southern Command (SOUTHCOM), das für die Kooperation mit den nationalen Streitkräften in Zentralamerika, weiten Teilen der Karibik und Südamerika zuständig ist.[26]


Fußnoten

17.
Vgl. Inter-American Defense Board: Toward a New Hemispheric Security System, Washington, September 6, 2001, http://www.jid.org/pdf/news/terrorism/english_staff_study.pdf (Stand: 25. 6. 2003). Vgl. auch D. E. Schulz (Anm. 8), S. 4, 12 - 14, 19 - 20.
18.
Vgl. Chicago Council on Foreign Relations, Worldviews 2002. American Public Opinion & Foreign Policy, Chicago 2002, S. 19/24.
19.
Vgl. Mark P. Sullivan u.a., Latin America and the Caribbean: Issues for the 108th Congress, CRS Report for Congress (RL 31726), updated May 5, 2003, Washington, D.C.
20.
Vgl. Thomas P. M. Barnett: The Pentagon's New Map, http://www.nwc.navy.mil/The PentagonsNewMap.htm. Vgl. auch ders., Global Transaction Strategy, in: Military Officer, 1 (2003) 5. Die wichtigsten Publikationen von Barnett finden sich auf dessen Homepage, http://www.geocities.com/ResearchTriangle/Thinktank/6926.
21.
In der Welt der Gegenwart, die von einer sich ständig verschiebenden Trennungslinie geteilt wird, zählen, so Barnett, Nordamerika, große Teile Südamerikas, die EU, Russland, Japan, die aufstrebenden Ökonomien Asiens (insbesondere China und Indien), Australien, Neuseeland und Südafrika zum Kern. Der "Gap" werde hingegen von den karibischen Inseln, fast ganz Afrika, dem Balkan, dem Kaukasus, Zentralasien, dem Nahen Osten, Südwestasien und großen Teilen Südostasiens gebildet.
22.
"It is always possible to fall off this bandwagon called globalization. And when you do, bloodshed will follow. If you are lucky, so will American troops"; T. P.M. Barnett, The Pentagon's New Map (Anm. 20).
23.
Vgl. U.S. Department of State, Patterns of Global Terrorism 2002, Washington, D.C., April 2003, S. 65.
24.
"The War on Terrorism is my number one priority in the region ((...)). Given our proximity and general ease of access, Latin America is a potentially vulnerable flank of the homeland, providing many seams through which terrorists can infiltrate": General James T. Hill, Columbia: Key to Security, in: The Hemisphere Heritage Lectures, No. 790, delivered April 16, 2003, S. 2.
25.
Vgl. J. R. Núñez (Anm. 1), S. 11 - 20.
26.
Vgl. ebd., S. 9 - 11, 40.