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12.9.2003 | Von:
Susanne Gratius

Spielt Europa in Lateinamerika noch eine Rolle?

Nicht Konkurrenz, sondern zwei neuere Trends prägen das transatlantische Verhältnis in Lateinamerika: eine Arbeitsteilung in der Region und eine Annäherung der Strategien gegenüber Konfliktstaaten.

Einleitung

Zynisch betrachtet, könnte momentan nur eine Krise von internationalem Ausmaß Lateinamerika vor der Bedeutungslosigkeit retten. So klagt der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes: "Niemand denkt an Lateinamerika, niemand interessiert sich dafür. Würden wir hundert Prioritäten aufstellen, stünde Lateinamerika an letzter Stelle."[1] Ist das Desinteresse der USA an seiner südlichen Nachbarregion konjunkturell und durch die Dominanz der sicherheitspolitischen Agenda bedingt, hat Europa Lateinamerika im Zuge der Erweiterung und Vertiefung seines Integrationsprozesses schon seit längerem aus dem Blickfeld verloren.[2]






Unerschütterliche Optimisten sehen darin einen Vorteil, weil die Beziehungen der EU mit Lateinamerika von Kontinuität und nicht, wie in den siebziger und achtziger Jahren, von akuten Krisen gekennzeichnet seien. Die These der Beständigkeit wird von chronischen Pessimisten widerlegt, die anhand der Handelsentwicklung nachweisen, dass sich die EU aus Lateinamerika zurückzieht und den Subkontinent den Amerikanern überlässt. Ausgenommen vom Trend der "Amerikanisierung" der lateinamerikanischen Wirtschaften ist allein der von Brasilien dominierte, vorwiegend europäisch geprägte MERCOSUR (Mercado Común del Cono Sur), eine Wirtschaftsgemeinschaft, mit der die EU seit 1999 Verhandlungen über ein Assoziationsabkommen führt.


Fußnoten

1.
Interview in: Foreign Affairs en Español, 2 (2003) April - Juni, México D.F., S. 2 - 16, S. 10.
2.
Vgl. Manfred Mols, Die Europäische Union und Lateinamerika, in: Werner Weidenfeld (Hrsg.), Europa-Handbuch, Gütersloh 2002, S. 660 - 670, hier S. 664.