APUZ Dossier Bild

1.7.2003 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Wie sich Städte entwickeln, hängt in hohem Maße vom jeweiligen Gesellschaftssystem ab. Dementsprechend unterscheidet sich das Stadtbild ostdeutscher heute noch von dem westdeutscher Städte. Auch die finanzielle Situation, Prozesse der Deindustrialisierung und Suburbanisierung sowie die Bevölkerungszahl haben Einfluss auf die Entwicklung. Ostdeutsche Städte, deren Einwohnerzahl seit der deutschen Vereinigung am 3. Oktober 1990 stetig sinkt, sind allen genannten Faktoren gleichzeitig ausgesetzt.

Die derzeitige Situation der Stadt Leipzig lässt sich nach Auffassung ihres Oberbürgermeisters Wolfgang Tiefensee mit dem Bild einer bipolaren Stadt beschreiben, in der Schrumpfungs- und Wachstumsprozesse parallel verlaufen und sich wechselseitig beeinflussen. Einwohnerverluste, gepaart mit einer drastisch zunehmenden Überalterung der Bevölkerung werden künftig auch von westdeutschen Städten zu bewältigen sein. Die damit verbundenen Probleme gehören zu den "gesellschaftlichen Realitäten", die aus der Sicht des Oberbürgermeisters der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover, Herbert Schmalstieg, stärker in die Diskussion über den Umbau des Sozialstaates einfließen sollten.

Die Förderung des Forschungsverbundes "Stadt 2030" durch das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie folgt dem Prinzip vorausschauenden Denkens und Handelns bei der Entwicklung unserer Städte. Nach Albrecht Göschel geht es dem Forschungsverbund darum, nachhaltige Stadtplanung zu realisieren, ohne dabei eine sich immer wieder selbst korrigierende Schritt-für-Schritt-Planung zu blockieren.

Schrumpfende Städte in Ostdeutschland kennzeichnen eine Stadtentwicklung, für die es keine bewährten Bewältigungsstrategien gibt: Die Lösung des Problems durch Rückbau, d.h. den Abriss von Plattenbauten, greift nach Ansicht von Christine Hannemann zu kurz. Hier zeige sich das Dilemma eines Modells von Ökonomie und Gesellschaftsentwicklung, das ausschließlich auf Wachstum basiere. Um die durch Schrumpfung verursachte massenhafte individuelle Betroffenheit und Verunsicherung aufzufangen, sind nach Wolfgang Kil neue soziale und kulturelle Strategien gefragt. Das rationale Planungsdenken der Moderne sollte, so Marta Doehler, durch irrationales Handeln ergänzt werden. Denn Politik wird Michael Bräuer zufolge mehr und mehr zur Kunst des Machbaren. Neben die klassischen Konzentrationsräume würden künftig verstärkt dünn besiedelte ökologische Ausgleichsräume mit landwirtschaftlichen und Freizeitfunktionen treten.

Obwohl Städte nichts von ihrer Attraktivität verloren haben, würden immer mehr Menschen ihr Wohnviertel am liebsten sofort verlassen. Davon sind nach Markus Ottersbach aber nur bestimmte Quartiere in bestimmten Städten betroffen. Der Autor fordert, die Stigmatisierung solcher Stadtquartiere zu thematisieren und zugleich größeres Augenmerk auf das demokratische Potenzial ihrer BewohnerInnen zu legen.

Es gibt verschiedene Gründe, nicht mehr in den Städten, sondern an ihren Rändern leben zu wollen; die ungebrochene Anziehungskraft des Autos ist einer. Versuche, es aus den Städten zu verdrängen, sind weitgehend gescheitert. Nach Heike Leitschuh-Fecht wird es in Zukunft vor allem darauf ankommen, die verschiedenen Möglichkeiten der Fortbewegung sinnvoller miteinander zu verknüpfen. Die notwendigen Korrekturen am Status quo unseres derzeitigen Verkehrssystems seien jedoch politisch nur schwer durchsetzbar.