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1.7.2003 | Von:
Wolfgang Tiefensee

Stadtentwicklung zwischen Schrumpfung und Wachstum

Die aktuelle Entwicklung der Stadt Leipzig lässt sich mit dem Bild einer bipolaren Stadt beschreiben, in der Schrumpfungs- und Wachstumsprozesse parallel verlaufen und sich gegenseitig beeinflussen.

Einleitung

Die sich häufenden Berichte von teilweise dramatischen Wohnungsleerständen in ostdeutschen Städten beschäftigen seit geraumer Zeit die Öffentlichkeit. Politiker, Stadtplaner und die Wohnungswirtschaft entwickeln Konzepte, um hier gegenzusteuern. Das Problem ist alles andere als vorübergehend, handelt es sich doch um eine unmittelbare Folge des immensen Wohnungsneubaus bei sinkenden oder jedenfalls stagnierenden Einwohnerzahlen. An den demographischen Trends aber wird sich, belehren uns die Experten, so bald nichts ändern.

Für eine Stadt wie Leipzig ist Bevölkerungsrückgang an sich nichts Neues. 1933 hatte die Stadt 713 000 Einwohner, 1988 waren es schon 170 000 weniger. Doch die Geschwindigkeit des Einwohnerverlustes hat sich durch den Transformationsprozess nach der politischen "Wende" 1989 vervielfacht. Dies führte auf der einen Seite zu einer sinkenden Nachfrage nach Wohnraum, Versorgungs- und Infrastrukturleistungen sowie soziokulturellen Angeboten. Auf der anderen Seite ging mit diesem Prozess eine qualitative Umschichtung einher: Die Nachfrage nach Eigentumswohnungen und Eigenheimen stieg, die erfolgreiche Ansiedlungspolitik Leipzigs führte zu großen Bauprojekten am Rand der Stadt (z.B. BMW). Generell aber gilt, dass vieles, was in den ostdeutschen Bundesländern im Wohnungsbau und im Handel auf Grund ausufernder Wachstumserwartungen in den frühen neunziger Jahren entstanden ist, kontraproduktiv war und die städtischen Strukturen noch heute belastet. Lange Zeit war es ein "Tabu-thema" in der öffentlichen und politischen Diskussion; doch heute ist den meisten Menschen bewusst, dass die sich öffnende Schere zwischen Angebots- und Nachfrageentwicklung kein zyklisches, sondern ein strukturelles Phänomen ist.

In Leipzig zeichneten sich die Konturen dieser Entwicklung besonders scharf in den neunziger Jahren ab. Sie wurden in der Öffentlichkeit auch stärker als bei anderen Städten wahrgenommen, da sich die Leipziger Stadtgesellschaft frühzeitig und offen mit den problematischen Folgewirkungen, aber auch mit kreativen Lösungsstrategien auseinander gesetzt hat. Längst besteht in der Stadt weitgehender Konsens über die wesentlichen Ziele des notwendigen Stadtumbaus. Aber es wird auch deutlich, dass Schrumpfungs- und Wachstumsprozesse gleichzeitig gestaltet werden müssen.