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1.7.2003 | Von:
Albrecht Göschel

Der Forschungsverbund "Stadt 2030"

Der Forschungsverbund "Stadt 2030" verfolgt das Ziel nachhaltiger Städteplanung. Es geht darum, einen Weg aus dem Dilemma zwischen kurzfristig zu lösenden Problemen und langfristig zu gebenden Orientierungen zu finden.

Einleitung

Leidvoll bekannt ist allen Handelnden in der Kommunalpolitik der Widerstreit zwischen kurzfristig zu bewältigenden Tagesanforderungen und der Notwendigkeit, langfristige Entwicklungen im Auge zu behalten. Planung und Politik sollten sich auch auf die Zukunft beziehen. Die Sachzwänge des Alltags schließen jedoch Zukunftsorientierung in aller Regel faktisch aus. Besonders in schwierigen Zeiten wächst der Tagesdruck derartig, dass die Forderung, zukunftsorientiert zu planen, leicht als illusorisches Ansinnen zurückgewiesen wird. Dem ist entgegenzuhalten, dass nahezu alle Probleme, mit denen sich Kommunalpolitik zur Zeit konfrontiert sieht (vom demographischen Wandel über das Finanzproblem bis zur Stadtschrumpfung und zu neuen sozialen Ungleichheiten), vorhersehbar waren und vorhergesehen wurden. Offensichtlich konnte ihnen aber von der Kommunalpolitik unter dem Druck der Tagesaufgaben nicht "rechtzeitig" präventiv und vorausschauend begegnet werden. Die Erschließung der Zukunft, die Orientierung auf längere Zeithorizonte - zum Beispiel über Wahlperioden hinaus - scheinen in Politik und Planung einem fundamentalen Dilemma von Kurz- und Langfristigkeit zu unterliegen, das sich offenbar weder durch gut gemeinte Appelle noch durch Managementtechniken oder ähnliche probate Mittel aus der Welt räumen lässt.

Ziel des Forschungsverbundes "Stadt 2030", den das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) seit dem Jahr 2000 fördert, ist die Vermittlung dieses Zukunftsdilemmas in kommunaler Politik und Planung:[1]

- Wie lassen sich verbindliche und doch nicht über Gebühr bindende Ziele formulieren?

- Welche Funktion können Leitbilder oder Szenarien für die Stadtentwicklungspolitik erfüllen?

- Welche Reichweite und Treffsicherheit haben Prognosen in welchen Politikfeldern?

- Wie lässt sich eine zielorientierte und dennoch lernende Stadtentwicklungsplanung etablieren?

Der Anspruch des Forschungsverbundes "Stadt 2030" besteht darin, bei allen entscheidenden Fragestellungen, mit denen deutsche Städte zur Zeit konfrontiert sein könnten, die Möglichkeit der Vermittlung von Lang- und Kurzfristigkeit, von Zielorientierung und Offenheit kommunaler Planung zu prüfen. Um dies zu erreichen, wurden bei einem bundesweiten Wettbewerb im Frühjahr 2001 21 Projekte mit insgesamt 33 Städten und 54 wissenschaftlichen Instituten ausgewählt (vgl. Schaubild). Diese Projekte konnten fünf zentralen Komplexen zugeordnet werden: wachsende Stadt, schrumpfende Stadt, Integrationsleistung der Stadt, politische und territoriale Konstitution der Stadt (Regionalisierung), Kultur der Stadt (Identität).

Während in den 21 Einzelprojekten die Planungsmöglichkeiten für die Probleme der Stadt bearbeitet werden, konzentriert sich die Begleit- und Evaluationsforschung des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) auf die in den jeweiligen Projekten vorgeschlagenen Lösungen. Mit dem Forschungsverbund "Stadt 2030" steht der planerische Paradigmenwechsel, der sich in den siebziger Jahren vollzogen hatte, nun erneut zur Disposition. In der Planung der fünfziger bis siebziger Jahre galten klare, zumeist städtebauliche Ziele und Leitbilder als unabdingbare Bestandteile einer kommunalen Stadtentwicklungsplanung; sie wurden in den sechziger Jahren zu umfassenden Zielsystemen ausgearbeitet und in Institutionen, den neuen Stadtentwicklungsämtern oder entsprechenden Stabsstellen, organisatorisch verankert. Nach vielfältiger Kritik an der unzureichenden Offenheit solcher Zielsetzungen für die Stadtentwicklungsplanung kam es Ende der siebziger Jahre zu einem Umschwung. Gefordert wurde eine Prozessorientierung, eine Planung in kleinen Einzelschritten mit einer Zieloffenheit, die eine ständig lernende, sich selbst korrigierende Planung ermöglichen sollte. Man wollte nun Zielformulierungen vermeiden, die zwar für die Zukunft aufgestellt zu sein schienen, aber im Grunde nur Bedingungen der Gegenwart fortschrieben und der Komplexität von Stadtentwicklung nicht gerecht wurden.

Der Rückblick aus einem Abstand von fast 30 Jahren erlaubt zwei Einschätzungen dieses Paradigmenwechsels leitender Planungsvorstellungen. Zum einen erscheint die propagierte Offenheit von Planung angesichts drängender Herausforderungen wie der sozialen, ökonomischen und ökologischen Nachhaltigkeit als unangemessen, so dass eine Rückkehr zu klaren Zielsetzungen notwendig sein könnte. Zum anderen aber war der Wandel, der sich seit den späten siebziger bis in die frühen achtziger Jahre vollzogen hat, zu tief greifend, als dass eine Rückkehr zu Leitbildern der sechziger Jahre ohne weiteres möglich wäre.

Damit ist der Anspruch des Forschungsverbundes "Stadt 2030" formuliert: Wie kann die Planung langfristig ausgerichtet werden, ohne die gleichfalls notwendige Offenheit für aktuelle Entwicklungen unzulässig zu begrenzen? Ist eine Vermittlung zwischen den beiden Planungsparadigmen möglich - zwischen der klaren, verbindlichen, langfristigen, aber einengenden (und damit unterkomplexen) Zielsetzung auf der einen Seite und einer Schritt-für-Schritt-Planung mit einer offenen, sich zwar ständig korrigierenden, aber zielunsicheren Stadtentwicklung auf der anderen Seite? Und wie kann sie organisiert und konzeptualisiert werden?[2]

Bereits in den achtziger Jahren zeigte sich, dass der Wandel in den Planungsvorstellungen nicht nur auf der Kritik an einer fixierender Zielsetzung basierte, sondern auf umfassenden Veränderungen gründete. So schien zum Beispiel der Zukunftsoptimismus, der die Planungsvorstellungen der sechziger und frühen siebziger Jahre getragen hatte, erschüttert, sei es durch den akuten Rohölschock, sei es durch die heraufdämmernde Umweltkrise.[3] Von einer "deutschen Achsenzeit" ist die Rede,[4] in der sich Sicherheiten und Gewissheiten aufzulösen, ja in ihr Gegenteil zu verkehren schienen. Drei für Planung und Politik zentrale Wandlungen haben sich offenbar in diesen Jahren vollzogen:[5]

- Zukunftszweifel:

In den siebziger Jahren wird der bis dahin selbstverständliche Zukunftsoptimismus von Pessimismus abgelöst. Zukunft erscheint nicht mehr als das Bessere gegenüber dem Hier und Heute, sondern als Gefährdung. In riskanter Weise scheinen die Selbstbedrohungen der westlichen Zivilisation zu wachsen und ein Zukunftshandeln erforderlich zu machen, das eher in der Vermeidung von Übeln als in der Entwicklung, im Entwurf und der Durchsetzung des Guten besteht. Zukunftsbilder wandeln sich von positiven Utopien in Katastrophenszenarien, die Planung bestenfalls verhindern, aber nicht stimulierend auf Phantasie und Planung wirken können. Dessen ungeachtet wird aber Politik nach wie vor mit der Forderung nach einer positiven Perspektive konfrontiert.

- Wissenschaftszweifel:

Galten Wissenschaft und Forschung bis in die Mitte der siebziger Jahre als Autoritäten der Wahrheit und Objektivität, die damit auch Zukunft vernünftig erschließen konnten, setzt zum Ende der siebziger Jahre ein gravierender Legitimationsverlust aller Wissenschaft, vor allem aber der Sozial- und Planungswissenschaften, ein. Ihre Ergebnisse gelten als beliebig, zu jeder Aussage kann auch das Gegenteil gesagt und durch "bestellte Gutachten" "untermauert" werden, so jedenfalls die landläufige Vorstellung. Diese Zweifel an objektiver Wissenschaft stehen aber in tiefem Gegensatz zur wachsenden Notwendigkeit von Wissen, auch von wissenschaftlichem Wissen in einer wissensbasierten Ökonomie, auf die sich die deutsche Gesellschaft hinbewegt.

- Politikzweifel:

Die Politik erleidet seit den späten siebziger Jahren einen Legitimitätsverlust. Ihre Position als exklusiver Akteur einer Gesellschaftssteuerung wird als unsicher und begrenzt wahrgenommen. Zunehmend rückt die Abhängigkeit der Politik von einer Vielzahl anderer, nationaler und internationaler, Akteure ins öffentliche Bewusstsein, ohne dass dabei die Wünsche an politische Steuerungsleistungen erheblich zurückgenommen würden. Es intensiviert sich die internationale Verflechtung, wenig später als Globalisierung bezeichnet, in der nationalstaatliche Autonomie vermutlich tatsächlich reduziert wird. Auf kommunaler Ebene ist diese Abhängigkeit der Politik von international agierenden Akteuren der privaten Wirtschaft spürbar. Aber auch die Abhängigkeit der Kommunen von staatlicher Gesetzgebung bestärkt die verbreiteten, wenn auch häufig diffusen Zweifel an der Gestaltungs- und Steuerungsmacht lokaler Politik. Mechanismen einer pluralen Willensbildung, die nicht mit repräsentativer Wahl erschöpft ist, werden zunehmend undurchschaubar und führen zum Anerkennungs- oder Legitimationsverlust von Politik.

Diese drei Zweifel - an positiver Zukunft, an Verlässlichkeit von Wissenschaft und an Steuerungsfähigkeit von Politik - sind seit den siebziger Jahren keineswegs geringer geworden, sondern sie sind im Gegenteil zum gesicherten Bestand eines "Alltagswissens" großer Teile der Bevölkerung geworden. Damit ist eine direkte Rückkehr zu politisch handhabbaren, wissenschaftsfundierten und emotional stimulierenden Zukunftsbildern und -vorstellungen für die kommunale Planung eher unwahrscheinlich, auch für den Forschungsverbund "Stadt 2030". Die These vom langfristigen Wandel in der "Achsenzeit" der siebziger Jahre scheint sich zu bestätigen. Und dennoch verstärkt sich die Notwendigkeit langfristiger Planung und Politik, will man zum Beispiel Phänomenen wie dem Geburtenrückgang, dem Flächen- oder dem Energieverbrauch gerecht werden. Dies führt zu fünf Dilemmata von Politik und Planung[6] die auf lokaler Ebene die Herausforderungen des Forschungsverbundes "Stadt 2030" darstellen.


Fußnoten

1.
Der Forschungsverbund "Stadt 2030" des BMBF wird vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) wissenschaftlich betreut und ausgewertet.
2.
Diese Anforderungen knüpfen an eine Weiterentwicklung des Perspektivischen Inkrementalismus an, der seit Beginn der neunziger Jahre als neuer Planungsansatz praktiziert und reflektiert wird. Kennzeichnend ist die Verbindung einer Vielzahl von Pilotprojekten mit einer langfristigen Perspektive.
3.
Vgl. Heinrich Mäding, Verwaltung und Planung, in: Deutsche Verwaltungsgeschichte (im Auftrag der Freiherr-vom-Stein-Gesellschaft e.V.), hrsg. von Kurt G.A. Jeserich, Bd. 5: Die Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart 1987.
4.
Vgl. Bernhard Giesen, Die Intellektuellen und die Nation. Eine deutsche Achsenzeit, Frankfurt/M. 1993.
5.
Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986.
6.
Vgl. Hermann Lübbe, Zeit-Erfahrungen. Sieben Begriffe zur Beschreibung moderner Zivilisationsdynamik, in: ders., Modernisierung und Folgelasten. Trends kultureller und politischer Evolution, Berlin 1997.