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1.7.2003 | Von:
Christine Hannemann

Schrumpfende Städte in Ostdeutschland - Ursache und Folgen einer Stadtentwicklung ohne Wirtschaftswachstum

"Schrumpfung" als altes und neues Phänomen postindustrieller Entwicklung

Man sollte allerdings nicht meinen, das Schrumpfen von Städten und Regionen sei ein völlig unerwartetes und nicht vorhersehbares Phänomen. Der ökonomische Strukturwandel seit den siebziger und frühen achtziger Jahren offenbarte sich im Niedergang traditioneller Industrieregionen. Deindustrialisierung, Arbeitslosigkeit und Abwanderung waren Krisensymptome jener Regionen und Städte, die bis dahin als Zentren des industriellen Wachstums gegolten hatten. Vor allem die Verschiebung der internationalen Arbeitsteilung, ausgelöst durch den Wandel der so genannten Entwicklungsländer von Rohstofflieferanten zu Standorten industrieller Massenproduktion, verschärfte den Konkurrenzkampf auf dem internationalen Markt. Hatte die Industrialisierung hier seit dem 19. Jahrhundert zu einem explosionsartigen Wachstum städtischer Agglomerationen geführt, so wurde nun eine Implosion dieser Räume konstatiert. Das internationale Wirtschaftsgefüge verschob zum einen die Regionalproportionen und zum anderen das Leitbild wachsender (Groß-) Städte in den entwickelten Industriestaaten. Im Karussell politischer Krisendefinition wurde die herkömmliche Polarisierung "Stadt - Land" durch die nunmehr unterschiedlichen Entwicklungstypen städtischer Agglomerationen überlagert: "Wachstum ist also in Schrumpfung umgeschlagen. Nur noch wenige Städte haben ein stabiles wirtschaftliches Fundament [(...)]"[4] und es entstehen "neue Entwicklungstypen von Großstädten"[5].

Obwohl das neue urbane Problem offensichtlich war, hat dies bis Ende der neunziger Jahre keine wesentlichen wissenschaftlichen und politischen Bemühungen ausgelöst. Angesichts des weitgehend ungebrochenen Festhaltens an der Gleichsetzung von Entwicklung und Wachstum in industriellen und postindustriellen Gesellschaften scheint es berechtigt zu sein, deren ideellen Hintergrund auch in einer "Wachstumsmentalität"[6] zu vermuten. Des Weiteren überlagerten nach 1989 die euphorischen Erwartungen, die in der Umbruchszeit in jegliche Entwicklungsprozesse gesetzt wurden, die warnenden Stimmen all jener, die darauf hinwiesen, dass der "Deindustrialisierungsprozess" auch Ostdeutschland treffen werde.

Angesichts der allgemeinen Strukturprobleme der deutschen Wirtschaft und der besonders prekären Situation in Ostdeutschland erlebt die Forschung zu schrumpfenden Städten und Regionen derzeit eine massive Ausweitung. Hier wird die Brisanz des ausbleibenden wirtschaftlichen Strukturwandels besonders deutlich. Der ostdeutsche Soziologe Wolfgang Engler warnt jedoch zu Recht vor dem Denkfehler, die deindustrialisierte Gesellschaft des Ostens mit der postindustriellen Gesellschaft des Westens zu verwechseln. Die Ursachen des Schrumpfungsprozesses in den ostdeutschen Bundesländern sind nicht in jeder Hinsicht mit denen in der alten Bundesrepublik zu vergleichen.[7]

Ostdeutsche Städte leiden an Systemproblemen, die noch aus der DDR-Zeit rühren und den Schrumpfungsprozess wesentlich mitbestimmen. Dieser ist seit 1989 eng verbunden mit den konkreten Bedingungen und Ergebnissen der gesellschaftlichen Transformation in Ostdeutschland.


Fußnoten

4.
Hartmut Häußermann/Walter Siebel, Die Chancen des Schrumpfens: Plädoyer für eine andere Großstadtpolitik, in: Die Zeit vom 22. März 1985, S. 33 - 37, hier S. 33.
5.
Dies., Neue Entwicklungstypen von Großstädten, in: Stadtbauwelt, 77 (1986) 91, S. 1355 - 1361.
6.
Vgl. Frithjof Hager/Werner Schenkel, Einleitung, in: Schrumpfungen: Chancen für ein anderes Wachstum. Ein Diskurs der Natur- und Sozialwissenschaften, Berlin 2000, S. 3 - 8.
7.
Vgl. Wolfgang Engler, Friede den Landschaften! Zur politischen Geographie Ostdeutschlands, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 44 (2000) 7, S. 872 - 879.