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1.7.2003 | Von:
Christine Hannemann

Schrumpfende Städte in Ostdeutschland - Ursache und Folgen einer Stadtentwicklung ohne Wirtschaftswachstum

Die sozialistische Stadt als Hypothek

Die Entwicklung der DDR-Städte vollzog sich unter den Bedingungen einer "sozialistischen Gesellschaft": staatliches Bodeneigentum, zentralstaatliche Planung und Stadtverwaltung. Es lässt sich zwar kein konsistentes Konzept einer "sozialistischen Stadt" zeichnen. Aber es gibt dennoch Merkmale der sozialistischen Stadtentwicklung in der DDR, die auf der - idealtypischen - Differenz zur "kapitalistischen Stadt" gründen: Die Nutzungsstruktur der Stadt sollte sich nicht aus den Verwertungsinteressen privater Grundeigentümer und wirtschaftlicher Großunternehmen sowie anderer Akteure ergeben, sondern aus übergreifenden Gesellschaftszielen, Anforderungen und Bedürfnissen. Die Ausrichtung der Wohnpolitik zielte auf die "Lösung der Wohnungsfrage als soziales Problem" und folgte damit einem alten sozialreformerischen Ideal, das die Versorgung der "breiten Schichten der Bevölkerung" mit Wohnraum und die Vermeidung einer sozial segregierten Stadt beinhaltete. Die Schaffung gleichwertiger Lebensbedingungen in den Städten und im Verhältnis von Stadt und Land, ausgerichtet am postulierten Leitbild der "sozialistischen Lebensweise", sollte die Reproduktion sozialer Ungleichheit vermeiden. Hinsichtlich der Stadtstruktur galt das Ideal der kompakten und arbeitsgerechten (werktätigen) Stadt: Kleinteilige Zersiedlung und damit Suburbanisierung wurde baupolitisch verhindert, indem Stadterweiterungen im Wesentlichen nur in Gestalt industriell gebauter Wohngebiete realisiert wurden. Systemideologie und Baupolitik waren lange Zeit von dem Glauben geprägt, die historische Bausubstanz sei in eine sozialistische Stadtgestaltung nicht integrierbar. Auch wurden die Rationalisierungseffekte des industriellen Bauens überbewertet. Dies führte zu einer Orientierung auf "Neubau" und zur Verwahrlosung der alten Stadt.

Aus heutiger Sicht stellen die Vernachlässigung der "alten Stadt", die Unterfinanzierung der Wohnungswirtschaft und die Austrocknung der kommunalen Selbstverwaltung die größten Probleme dar, welche die sozialistische Stadtpolitik hinterlassen hat. Zudem differenzierten sich ostdeutsche Städte schon zu DDR-Zeiten aus - in solche, die von der zentralstaatlichen Siedlungsplanung der DDR aus wirtschaftlichen, administrativen oder anderen politisch-ideologischen Gründen in der Ressourcenzuweisung bevorzugt, und solche, die bewusst nicht in diesen Kreis einbezogen wurden. In den sechziger Jahren waren neben Berlin vor allem ausgewählte industrielle Großvorhaben und entsprechende neue "sozialistische Stadtgründungen" begünstigt worden. Diese Politik musste in den siebziger Jahren zwar offiziell revidiert werden, in der Realität nahm im Lauf der Jahre aber nur die Anzahl der zur Förderung vorgesehenen Städte zu.[8] Diese "Bevorzugungspolitik" ausgewählter Standorte von Industrie, Administration oder Militär wurde bis zum Ende der DDR weiterverfolgt.

Parallel dazu entwickelte sich die Bevölkerung: Die Hauptrichtung der Wanderungsbewegungen verlief zu DDR-Zeiten von den Dörfern, wenn diese nicht zum sozialistischen Hauptdorf erhoben worden waren, über die Kleinstädte, wenn diese nicht Kreisstadtstatus hatten, über die Mittel- in die Großstädte.


Fußnoten

8.
Vgl. Frank Werner, Die Raumordnungspolitik der DDR, Hannover 1985, hier: S. 203ff.