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1.7.2003 | Von:
Wolfgang Kil
Marta Doehler
Michael Bräuer

Zukunft der Städte und Stadtquartiere Ostdeutschlands

Die mit den Schrumpfungsprozessen ostdeutscher Städte verbundenen Probleme bergen neben Risiken auch Chancen. Die dem Vorgang innewohnende Ambivalenz zwischen Wertevernichtung und Zukunftsfähigkeit ist die Herausforderung der nächsten Jahre.

I. Schattenland des Neoliberalismus - Überlegungen zum Schrumpfungsprozess ostdeutscher Städte

Anderthalb Millionen leer stehende Wohnungen in Ostdeutschland zwingen zum Umdenken. Der Wohnungsüberhang entspricht nämlich keinem der typischen Stadien im so genannten "Schweinezyklus" aus Verknappung und Überproduktion, sondern er hat sich zur konstanten Größe verfestigt und eine brisante Eigendynamik entwickelt: Da man vier vermietete Wohnungen braucht, um die Ausfälle einer leeren fünften zu kompensieren, liegt der ökonomische Umschlagspunkt bei etwa 15 Prozent Leerstand. Bei 20 Prozent ist der Konkurs nur noch eine Frage der Zeit. Anfang 2001 war in Leipzig-Grünau die erste Wohnungsgenossenschaft zusammengebrochen. Treten solche Insolvenzen erst einmal wellenartig auf, so die Befürchtung etwa der Sächsischen Aufbaubank, ist eine Zerstörung des gesamten ostdeutschen Wohnungsmarktes durchaus vorstellbar.

Weder dem Wittenberger Packhofviertel oder der Görlitzer Südstadt noch Neubaustädten wie Wolfen-Nord, Schwedt oder Hoyerswerda wird man also nach altvertrautem Schema, etwa durch den Ersatz der "Platte" durch "Stadtvillen", wirksam helfen können. Es fehlen die im "alten Westen" bewährten Gegenkräfte: Es gibt hier keine rettenden Besserverdiener, nirgends. Auch die Empfehlung, beim Abriss nicht zimperlich zu sein, weil freigelegtes Bauland werthaltiger sei als eine durch unnütze Substanz blockierte Immobilie, verkennt das Wesen der Sache: Wo die Menschen davonlaufen, verlieren selbst Grund und Boden alle Heiligkeit.Autor des ersten Kapitels ist Wolfgang Kil. Das zweite Kapitel hat Marta Doehler verfasst, das dritte Michael Bräuer.

Diese Krise wird sich als ein allein wohnungspolitisches Problem weder erklären noch lösen lassen, denn erstens ist der Leerstand kein Reflex auf die verrufene "Plattenästhetik"; in besonders betroffenen Städten wie Leipzig, Halle oder Görlitz sind bisher vorrangig die Alt- und Innenstädte betroffen. Zweitens lässt sich die Entvölkerung ostdeutscher Städte mit allgemeinen demographischen Tendenzen oder gar dem extremen Geburtenknick nach der "Wende" nur ungenügend begründen; die eigentliche demographische Entvölkerungswelle kommt erst noch. Auch der immer wieder genannte Nachholbedarf an Eigenheimen ist - vom Berliner "Speckgürtel" einmal abgesehen - nach dem Zurückfahren der verlockenden Subventionen weithin gedeckt; die Bewohnerverluste gehen aber ungehemmt, in bestimmten Regionen sogar noch rasanter, weiter. Drittens sind es bezeichnenderweise vor allem bestimmte ländliche Regionen, die an Bevölkerungsschwund leiden; geradezu dramatisch ist die Entwicklung in der Uckermark und in Vorpommern, aber auch in Teilen Mecklenburgs, in der Altmark und der Lausitz. In diesen traditionell dünn besiedelten Landschaften war zu DDR-Zeiten mit umfänglichen Industrieansiedlungen (Schwedt, Neubrandenburg, Stendal, Eisenhüttenstadt, Schwarze Pumpe) und hoch technisierter Agrarwirtschaft massive Strukturförderung betrieben worden. Da stellt ein sich selbst überlassener Markt nun den Status quo ante wieder her: die im vorindustriellen Schattendasein dahindämmernde Arme-Leute-Gegend. Für viele der mühevoll aus dem Boden gestampften Industrie-Wohnstädte dürfte dies wohl vor allem eines bedeuten: Sie sind schlicht überflüssig geworden.

Niemals zuvor war im Westen ein Strukturwandel dermaßen planlos und ungeschützt dem Selbstlauf überlassen worden. Der nach Kräften verzögerte und kompensatorisch weitgehend abgefederte Niedergang des "alten" Ruhrgebiets ist mit der kollapsartigen Preisgabe der ostdeutschen Industrien in keiner Weise zu vergleichen. Allein am Chemiestandort Bitterfeld-Wolfen-Dessau waren von 1990 bis 1993 durch wilde Abrisskampagnen, aus Gründen der Arbeitsbeschaffung oder zur Freilegung von "jungfräulichem" Investitionsbauland über 80 großbetriebliche Anlagen demontiert worden. Dabei sank die Zahl der noch irgendwie produktiv Beschäftigten auf unter ein Drittel der Stärke vor 1989. Wohin man auch blickt, überall finden sich ähnliche Relationen: Dessau (Waggonbau, Chemie) hat 5 500 produktive Arbeitsplätze verloren, Görlitz (Waggonbau, Textil- und Elektromaschinenbau) sogar über 15 000. Der Anlagenbauer Bergmann-Borsig in Berlin schrumpfte von 4 500 auf 300 Arbeiter, im Halbleiterwerk Frankfurt/Oder sind von 8 500 gerade noch 160 Beschäftigte übrig. "Von der ostdeutschen Wirtschaft blieb vielfach kaum mehr zurück als der berühmte ,Staub von Brandenburg'", stellt der Berliner Soziologe Wolfgang Engler in einer jüngst veröffentlichten Studie fest.[1] "Der Umfang der Erwerbsarbeit sank alarmierend, von 9,7 Millionen Erwerbstätigen im Jahr 1990 auf 6,4 Millionen im Jahr 2000. Bezieht man die mehr als 400 000 Pendler, die im Westen Beschäftigung fanden, in die Rechnung ein, dann sank ihre Zahl sogar auf unter 6 Millionen."

So stehen wir vor den Auswirkungen einer ökonomischen Transformation, die sich nicht als Strukturwandel, sondern als rapider Strukturbruch vollzogen und im Osten Deutschlands deshalb keine postindustrielle (wie im Westen), sondern eine deindustrialisierte Landschaft hervorgebracht hat. Dass diese beiden Gesellschaftszustände - postindustriell und deindustrialisiert - in ihrer grundsätzlichen Differenz nicht verstanden wurden, gehört nach Engler zu den zentralen Irrtümern deutscher Vereinigungspolitik. Denn die von der Deindustrialisierung Betroffenen erfahren diesen Unterschied ganz existenziell: Sie haben keinen "Modernisierungsschub" zu verkraften, also individuelle Neuorientierungs- oder Anpassungsprobleme zu lösen, sondern sie kämpfen, einzeln wie kollektiv, ums Überleben - weniger materiell-finanziell (das zunehmend auch) als mehr im Sinne einer jeden Morgen neu zu findenden Rechtfertigung: Warum soll man als aktiver, mobiler und ehrgeiziger Mensch in einer Region bleiben, die dauerhaft mit einer Arbeitslosigkeit von 25 Prozent und mehr zu kämpfen hat, in der die Bahn erst einzelne Bahnhöfe, dann ganze Strecken stilllegt, wo Sparkassen und Postfilialen reihenweise schließen, wo Ärzte und Schulen nur noch in der Kreisstadt zu finden sind, der Einzelhandel zum Erliegen kommt und - als finale Katastrophe - die letzte Kneipe aufgibt. Wenn dann nur noch die Tankstelle als Zuflucht aller Alltagsbedürfnisse übrig bleibt, sollte man sich nicht wundern, dass früher oder später alle vom "Abhauen" träumen. Alarmierte Regionalforscher warnen inzwischen vor einer mentalen Verinnerlichung der Krise: Die Betroffenen selbst sprechen von ihren Heimatorten als "sterbenden Städten" und verfallen angesichts der ausweglosen Peripherisierung in Depressionen.[2] "Das ist wie vor '89", kann man selbst in noch vitalen Städten wie Hoyerswerda hören, "jetzt gehen alle, die noch was bewirken könnten. Keiner will der Letzte sein, der am Ende das Licht ausmacht."

Die Krise der ostdeutschen Städte lässt sich als Muster wie als Signal für das Ende einer Epoche interpretieren. An deren Beginn, im 19. Jahrhundert, hatte die industrielle Revolution und die Suche nach Arbeit wahre Völkerwanderungen kreuz und quer durch Europa ausgelöst. Um Wohnraum für das neu entstandene Proletariat zu schaffen, waren in einem gewaltigen Kraftakt zahllose Städte aus ihrer mittelalterlichen Beschränktheit gerissen und den neuen Produktions- und Konsumbedürfnissen angepasst worden. Heute stammen immer mehr Alltagswaren und Rohstoffe aus Ländern, in denen die Arbeitskraft deutlich billiger ist. In Mitteleuropa lösen sich die auf Industriearbeit ausgerichteten Lebenswelten auf, was ihre neuerliche Verwandlung erwarten lässt. Nur - welche Verwandlung?

Schrumpfung als Symptom industrieller Wandlungsprozesse ist weder ein neues noch ein speziell ostdeutsches Phänomen. Die Krise der Montan- oder der Textilindustrie liefert hierfür viele Vorbilder, etwa in England, Ostfrankreich, Belgien oder den USA. Neu ist allerdings der nun erreichte Grad der "Überflüssigkeit": Nahezu das gesamte Erwerbsspektrum einer modernen Industriegesellschaft wurde als Folge der deutsch-deutschen Wirtschaftsunion 1990 vollkommen unvorbereitet zur Disposition gestellt. Selbst Städte mit einer vielfältig ausdifferenzierten Fertigungspalette blieben von den Einbrüchen nicht verschont, denn mit den jeweiligen Hauptprodukten verschwand auch die weit gefächerte Zuliefererstruktur. An der ostdeutschen Situation lässt sich also einiges über das Schicksal von Regionen lernen, die im Zuge globalisierter Wirtschaftsprozesse uninteressant geworden sind: Der Unterschied der ostelbischen Tiefebene zu den prosperierenden westeuropäischen Produktions- und Innovationszentren - von Rotterdam und Lille rheinabwärts bis ans Mittelmeer - ist offenbar zu groß. Außerdem reicht dank radikaler Marktöffnung die Binnennachfrage für rentable heimische Produktionen nicht aus. Angesichts dieser Bedingungen sind alle Hoffnungen auf "Nachholeffekte" und "Aufschwung" in den Wind gesprochen. Eine solche Region ernährt ihre bisherige Bevölkerung nicht mehr, sie wird zum Schattenreich des neoliberalen Globalisierungsmodells.

Während in allen Diskursen über zukünftige Wirtschafts- und Gesellschaftsformen stets nur die Gewinnerseite eine Rolle spielt, gilt den Verlierern des Epochenbruchs selten die nötige Aufmerksamkeit. In Ostdeutschland geht es aber in erster Linie um diese Verlierer, weil sie durch ihre massenhafte individuelle Anpassung eine zunehmend spürbare Umwälzung der Gesellschaftsverhältnisse bewirken: Die Menschen ziehen der Arbeit und damit den Lebenschancen hinterher. Dieser Prozess hat in einigen östlichen Bundesländern bereits eine bestürzende Dynamik gewonnen. Er könnte schon bald zu einem Wandel in der Raumstruktur führen, einschließlich der Auflassung ganzer Stadtteile oder der gezielten Absiedlung bestimmter Landstriche.

Um die massenhafte individuelle Betroffenheit und Verunsicherung aufzufangen, sind von Planern wie Politikern vor allem soziale und kulturelle Strategien gefragt - unter Stichworten wie Entschleunigung, Entdichtung, Verkleinerung, Vorläufigkeit, Abschied. Einem solchen notwendigen Wandel der Leitbilder stand bislang entgegen, dass in den auf permanentes Wachstum gegründeten Gesellschaften "Schrumpfung" oder "Rückzug" einem grundsätzlichen Tabu unterworfen waren bzw. sind. Doch gemessen an den fundamentalen Umbrüchen zu Beginn des Industriezeitalters darf an dessen Ende eine neuerliche Infragestellung aller vertrauten Verhältnisse weder verwundern noch beirren. Im Gegenteil - die dramatische Krise der ostdeutschen Städte sollte ein weiterer Anlass dafür sein, über vernünftige Rückzugsstrategien aus der herkömmlichen Arbeitsgesellschaft insgesamt nachzudenken.

Und weil Schrumpfungsprozesse von durchreisenden "Bauprimadonnen" weder verstanden noch bewältigt werden können, schlägt ja vielleicht endlich die Stunde der Geduldigen. Sie sind am ehesten bereit, die neuen Länder tatsächlich als Neuland zu begreifen, wo "Scouts und Pioniere im retardierenden Zukunftsland an den inneren Peripherien auf die ,Rückkehr der Wölfe warten und bereit sind, die Auflassungsarbeiten im Interesse des Weltklimas auf das Gewissenhafteste zu übernehmen" (Simone Hain). So könnte am Ende also der Abschied von einer Epoche noch die Wendung ins Positive finden: Die von der Industrie hinterlassenen Ländereien als Paradiese für Gärtner und Träumer, für die Kundschafter einer völlig neuen Lebensweise. Wäre das wirklich eine so erschreckende Vision?


Fußnoten

1.
Wolfgang Engler, Die Ostdeutschen als Avantgarde, Berlin 2002.
2.
Vgl. Ulf Mathiesen, Statement zum Zukunftsforum Brandenburg 2025, in: IRS aktuell, Nr. 37, Oktober 2002 (IRS = Institut für Raumentwicklung und Strukturplanung).