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1.7.2003 | Von:
Wolfgang Kil
Marta Doehler
Michael Bräuer

Zukunft der Städte und Stadtquartiere Ostdeutschlands

II. Die perforierte Stadt - Chaos oder Methode?

Leipzig hat schon viele Prädikate erhalten: Von Johann Wolfgang von Goethe mit dem Kompliment Klein-Paris bedacht, war die Stadt tatsächlich lange Zeit eine weltläufige Handelsstadt und Messemetropole, deren Einwohnerverlust mit der Vertreibung der jüdischen Wohnbevölkerung in der Nazizeit begann. In den späten achtziger Jahren war die einst repräsentative und wohlhabende Stadt zweifellos an einem Tiefpunkt ihrer Geschichte angekommen und zur kaputtesten Großstadt der späten DDR verkommen. Nicht allein, aber auch nicht zuletzt aufgrund ihres augenscheinlichen baulichen Verfalls und des damit einhergehenden Kulturverlusts sowie der eklatanten Umweltbelastungen wurde Leipzig zu einem der Plätze des gesellschaftlichen Umbruchs und im Herbst 1989 zur Heldenstadt ausgerufen. Die eintreffenden Wendetouristen aus dem Westen erblickten ein morbides Stadtbild voller "Schätzchen", die ihnen nur kurze Zeit darauf per Einigungsvertrag und Restitution zufielen. Erben und Investoren, Liebhaber und "Developer" machten sich daran, ein bemerkenswertes Potenzial an vornehmer und schlichter gründerzeitlicher Altbausubstanz zu verkaufen oder selbst zu sanieren. In der Boomtown Leipzig drehten sich alsbald die Kräne über den Großprojekten Messe, Flughafen und Autobahn. Parallel dazu wurden nahezu 80 Prozent der Altbausubstanz saniert und modernisiert.

Schon Mitte der neunziger Jahre kam freilich der Katzenjammer. Im Windschatten des Booms stellten die Akteure auf dem Immobilienmarkt erschrocken fest, dass sie selbst den Aufschwung ausgelöst hatten, für den sie doch zu bauen glaubten. Das frühzeitige Aufzeigen von etwa 800 000 Quadratmetern leer stehender Büro- und Gewerbefläche sowie annähernd 60 000 leeren Wohnungen brachte der Stadt den zweifelhaften Ruf der Stadt in Ostdeutschland mit den größten Leerständen ein. Diesem problematischen Image begegnet die Stadt seither mit einem offenen und innovativen Umgang mit dem Leerstand. Leipzig kann gewiss für sich in Anspruch nehmen, die Debatte um den Leerstand in Ostdeutschland ausgelöst zu haben, die sich innerhalb weniger Monate zu dem Slogan der schrumpfenden Stadt verdichtete.[3]

Als würden Städte schrumpfen! Was sich tatsächlich vollzieht, ist ein anhaltender und massiver Nachfragerückgang nach Wohnungen und anderen bebauten Flächen, der nicht - wenigstens nicht überall oder vollständig - durch Mehrverbrauch an Wohnfläche kompensiert werden kann. Für eine Nutzung entfallen die schlechtesten Lagen und Bestände; der gesamte Immobilienmarkt verliert an Dynamik und wird zum riskanten Unternehmen, Sanierungs- und Neubauvorhaben stagnieren oder kommen völlig zum Erliegen. Parallel dazu dehnen sich die Baugebiete von Städten und Gemeinden auf die "grüne Wiese" am Stadtrand aus. So wird die Nutzungsdecke immer dünner, bis sie am Ende reißt.

Inzwischen gibt es eine städtebauliche Metapher für diese Art von Umverteilungsprozessen im Raum: die perforierte Stadt. Dieser Begriff tauchte erstmals auf, als die Zeitschrift "Stadtbauwelt" eine Ausgabe unter den Titel stellte: "Was meint das Schlagwort Die perforierte Stadt?"[4] Man begegnet ihr als Realitätsmodell, Horrorvision oder bewusstem Leitbild. Perforation meint jedoch zunächst nicht mehr und nicht weniger als Durchlöcherung. In seiner Anwendung auf den urbanen Kontext bezeichnet der Begriff Störungen in einem ursprünglich kompakten Bestand vor- und gründerzeitlicher Altstadt. Die einzelne Baulücke, die fehlende Straßenecke und gar ausgedehnte Stadtbrachen unterbrechen einen einst kontinuierlichen baulich-räumlichen Kontext und Nutzungszusammenhang. Die perforierte Stadt ist dort längst Realität, wo schon Kriegszerstörungen Lücken rissen, die niemals geschlossen wurden, wo später Verluste an unsanierter Bausubstanz eintraten und bis in die Gegenwart weiter zu verzeichnen sind, vor allem in jenen Bereichen, wo gewerbliche, industrielle, Militär- und Bahnflächen nach 1990 großflächig stillgelegt wurden. Damit steht dieser Stadtraumtypus für eine an vielen Orten auftretende gesellschaftliche und städtebauliche Transformation altindustriell geprägter Stadtstrukturen; wir kennen diese aus Bilbao ebenso wie aus Buffalo, aus Dessau oder Detroit.

Aber die perforierte Stadt beschreibt darüber hinaus auch einen Ausblick und eine Entwicklungsrichtung: Anders als es in den vergangenen zehn Jahren exzessiv geplant wurde, dürften sich die Lücken in der städtischen Struktur mit großer Wahrscheinlichkeit nicht wieder füllen. Die weitere Auflösung des "starken architektonischen Zusammenhalts" scheint vorgezeichnet, wenn niemand das Risiko der Sanierung oder den Neubau in Lücken übernehmen will. In diesem Sinne bedeutet die perforierte Stadt eine sukzessive Veränderung ganz wesentlicher Eigenschaften der europäischen Stadt, wie sie André Corboz zutreffend mit dem "Doppelprinzip der aneinander stoßenden Bauten und der einheitlichen Höhe" beschreibt.[5] Gewiss gibt es in allen Städten robuste Stadtstrukturen, attraktive Bestände und gute Lagen, die hervorragende Aussichten haben, sich selbst als subsistente Nachbarschaften und vitale Stadtquartiere zu reproduzieren. Aber ebenso klar dürfte sein, dass die schwächsten Bestände und schlechtesten Lagen geringe Zukunftsaussichten haben.

Die Stadt verändert sich. Wann und wo welche Verluste eintreten, wird vor allem davon abhängen, wohin die Nachfrage bei einem Überangebot an Flächen driftet. Die große Frage ist, ob sich die Leerstände weiter überwiegend dispers verteilen oder ob im Extremfall einzelne Stadtquartiere von ihren Nutzern aufgegeben werden. Niemand kann das genau vorhersagen. Vor dem Hintergrund einer sich abzeichnenden degressiven Entwicklung werden räumliche Umverteilungsprozesse unsystematisch oder sogar zufällig ablaufen, ja anarchisch anmuten - das ist das Gegenteil von Planung, wie wir sie aus Zeiten des Wachstums und einer wohlfahrtsstaatlichen Fördermoral kennen.

Dass die Spieltheorie in jüngster Zeit immer wieder für den urbanen Kontext der schrumpfenden Städte herangezogen wird, könnte ein Hinweis darauf sein, dass sich unser Planungswissen und -handeln viel stärker als bisher um die Akteure der baulichen Reproduktions- und städtischen Transformationsprozesse bemühen muss. Deren Verhalten ist entweder rational und unterstellt bei den Mitspielern ebenfalls strategische Entscheidungen, wie es das Grundkonzept der Spieltheorie voraussetzt, oder es ist in einem unscharf abgegrenzten Spielraum zufällig und unbewusst. Dies könnte für die kleinteilig parzellierten Bestände der altstädtischen Strukturen des 19. und 20. Jahrhunderts - im Unterschied zu den großen Wohnsiedlungen der ökonomisch handelnden, koalitionsfähigen Wohnungsunternehmen - sehr viel weniger steuerbare Reproduktionsprozesse bedeuten.

Normative Setzung im Sinne bisherigen Planungshandelns könnte in der perforierten Stadt leicht zu Wunschdenken geraten. Vor dem Hintergrund knapper öffentlicher Kassen und hoher Risiken für die private Immobilienwirtschaft müssten sich unsere Plandokumente ohnehin auf diejenigen Bereiche konzentrieren, für die tatsächlich Interventionen stattfinden sollen und können. Dafür wird man den anderen Teil der Stadt/des Stadtteils sich selbst überlassen müssen. Planung wird vermutlich viel stärker deskriptiv als bisher betrieben werden müssen, was uns übrigens dank einer entwickelten Computertechnik ganz neue Möglichkeiten (geografische Interpretationen, komplexe Datenverknüpfungen, demokratisch zugängliche Datenbanken u.a.m.) eröffnen wird. Planen wird Mitschreiben und Sichtbarmachen.[6]

Von der perforierten Stadt zu sprechen bedeutet nicht das Ende, wohl aber eine neue Facette der europäischen Stadt. Es ist höchste Zeit, sie in die bislang vorherrschende pathetisch-restriktive Konzeption von Stadt einzubinden.[7] Wahrscheinlich stehen wir gerade am Ende einer Epoche, nämlich des rationalen Planungsdenkens der Moderne. Wohl kann man Szenarien für die Zukunft entwerfen, aber man sollte sich davor hüten, genaue Prognosen zu erstellen. Die Stadt entwickelt sich durch das rationale und irrationale Handeln ihrer Akteure. Lediglich in Bezug auf die unzweifelhaften Megatrends hat dieses Chaos Methode. Etwas mehr "Spiel" kann der Profession nur gut tun.


Fußnoten

3.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Essay des Oberbürgermeisters von Leipzig, Wolfgang Tiefensee, in dieser Ausgabe.
4.
Stadtbauwelt, (2001) 24, S. 40.
5.
André Corboz, Die vier Phasen der theoretischen Auseinandersetzung mit der Stadt im 20. Jahrhundert, in: Die Schweiz. Fragment einer europäischen Galaxie der Städte, Basel 2001, S. 71.
6.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Albrecht Göschel in dieser Ausgabe.
7.
André Corboz, Die Kunst, Stadt und Land zum Sprechen zu bringen, in: Die Schweiz (Anm. 5), S. 46; Manfred J. Holler/Gerhard Illig, Einführung in die Spieltheorie, Berlin-Heidelberg-New York 2000.