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1.7.2003 | Von:
Martin Jänicke

Die Rolle des Nationalstaats in der globalen Umweltpolitik

Zehn Thesen

IV. Warum gibt es keinen Regulationswettbewerb zu Lasten der Umwelt?

Zahlreiche internationale Querschnittsvergleiche haben die These vom Regulationswettbewerb zu Lasten der Umwelt zurückgewiesen:[5] Länder und Unternehmen, die Handel mit anspruchsvoll regulierten Ländern treiben, tendieren mehreren Studien zufolge selbst zu strengeren Standards[6] - und die attraktiven Märkte der wohlhabenden Länder sind im Allgemeinen strenger reguliert. Die Globalisierung der Umweltpolitik hat die Rahmenbedingungen der Weltwirtschaft nicht unberührt gelassen.[7] Regulativer Wettbewerb mit anspruchsvollen Standards kann Volkswirtschaften auch Vorteile bieten - sog. first-mover advantages.[8] Die umwelttechnische Entwicklung ist von solchem Pionierverhalten in starkem Maße geprägt. Dieses ist wesentlich für die Entwicklung von "Lead-Märkten" für umwelttechnische Innovationen.[9] Zur weltweiten Angleichung auf zumeist höherem Niveau trägt auch bei, dass multinationale Konzerne tendenziell die gleichen Standards anwenden.[10] Unterschiede der Umweltstandards sind innerhalb der OECD-Länder gering, und sie nehmen weltweit eher ab. Anders als die Unterschiede zwischen Löhnen oder Unternehmenssteuern reichen sie als alleiniges Motiv zur Auslagerung von Industrien selten aus.[11] Dass diese tendenzielle Angleichung nicht nur für Produkt- sondern auch für Produktionsstandards gelten kann, zeigt eine Untersuchung über Genehmigungsverfahren in Indien, Bangladesch, Indonesien und Thailand.[12]

Zu diesen seit längerem vertretenen Einwänden gegen die Race-to-the-bottom-These lassen sich zwei Argumente hinzufügen: Die Umweltfrage ist längst eine Dimension des allgemeinen technischen Fortschritts geworden. Sie steht dabei oft im Widerspruch zu anderen Dimensionen des traditionellen, material- und energieintensiven Industrialismus. Aber ein erheblicher Teil der technischen Innovationen schließt Umweltbelange - oft als Nebeneffekt - in vorteilhafter Weise ein.[13] Vor allem aber ist die Umweltfrage eine wichtige Dimension des Innovationswettbewerbs zwischen hoch entwickelten Ländern geworden - jenes Wettbewerbs also, bei dem es nicht um Preisvorteile bei eingeführten Gütern, sondern um Neuerungen geht.


Fußnoten

5.
Vgl. David Vogel, Is There a Race to the Bottom? The Impact of Globalization on National Regulatory Policies, in: The Tocqueville Review/La Revue Tocqueville, 22 (2001) 1; David Wheeler, Racing to the Bottom? Foreign Investment and Air Pollution, in: Developing Countries. Journal of Environment & Development, 10 (2001) 3, S. 225 - 245; Daniel W. Drezner, Globalization and Policy Convergence, in: The International Studies Review, 3 (2001) 1, S. 53 - 78.
6.
Vgl. Paavo Eliste/Per G. Fredriksson, Does Open Trade Result in a Race to the Bottom? Cross Country Evidence. Unpublished Ms. (World Bank), 1998; Gesine Foljanty-Jost, Die Bedeutung Japans für die vergleichende Umweltpolitikforschung - vom Modell zum Auslaufmodell?, in: Lutz Mez/Helmut Weidner (Hrsg.), Umweltpolitik und Staatsversagen. Perspektiven und Grenzen der Umweltpolitikanalyse, Berlin 1997, S. 314 - 322.
7.
Vgl. M. Jänicke/H. Weidner (Anm. 1); Helmut Weidner/Martin Jänicke (Hrsg.), Capacity Building in National Environmental Policy. A Comparative Study of 17 Countries, Berlin 2002; D. Vogel (Anm. 5).
8.
Vgl. Michael E. Porter/Claas van der Linde, Green and Competitive: Ending the Stalemate, in: Harvard Business Review, (1995) 9/10, S. 120 - 134; Nicholas A. Ashford u.a., Environment, Health, and Safety Regulation, and Technological Innovation, in: Christopher T. Hill/James Utterback (Hrsg.), Technological Innovation for a Dynamic Economy, Cambridge 1979, S. 161 - 221; David Wallace, Environmental Policy and Industrial Innovation. Strategies in Europe, the USA and Japan, London 1995.
9.
Vgl. Marian Beise, Lead Markets. Country Specific Success Factors of the Global diffusion of Innovations, Heidelberg - New York 2001; M. Jänicke/K. Jacob (Anm. 1).
10.
Vgl. D. Wheeler (Anm. 5).
11.
Vgl. Adam B. Jaffe/Steven R. Peterson/Paul R. Portney/Robert Stavins, Environmental Regulation and Competitiveness of U.S. Manufacturing: What does Evidence Tell Us?, in: Journal of Economic Literature, 33 (1995) 1, S. 136 - 163; Martin Jänicke/Manfred Binder/Harald Mönch, 'Dirty Industries': Patterns of Change in Industrial Countries, in: Environmental and Resource Economics, (1997) 9, S. 467 - 491.
12.
Vgl. Hemamala Hettige/Mainul Huq/Sheoli Pargal/David Wheeler, Determinants of Pollution Abatement in Developing Countries: Evidence from South and South East Asia, in: World Development, 24 (1996) 12, S. 1891 - 1904.
13.
Vgl. Sylvie Faucheux, Environmental Policy and Technological Change. Towards Deliberative Governance, in: Jens Hemmelskamp/Klaus Rennings/Fabio Leone (Hrsg.), Innovation-Oriented Environmental Regulation. Theoretical Approaches and Empirical Analysis, Heidelberg - New York 2000, S. 153 - 171.