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1.7.2003 | Von:
Michael Zschiesche

Umweltschutz in Ostdeutschland - Versuch über ein schnell verschwundenes Thema

III. Wer arbeitet in den neuen Ländern im Umweltschutz?

Lässt man Unternehmen und Einrichtungen weg, die sich mit der Entsorgung von Abfällen, Abwässern oder sonstigen Schadstoffen beschäftigen, wird die Landschaft im Umweltschutz in den neuen Ländern recht übersichtlich. Einzig in Mecklenburg-Vorpommern gibt es noch ein originäres Umweltministerium. Immerhin arbeitet im Freistaat Sachsen ein Landesministerium, welches sich gemäß Namensgebung zuerst mit Umweltschutz und dann mit anderen Themen beschäftigt.[14] In den anderen Ländern wurden die Umweltministerien im Laufe der neunziger Jahre zumeist dem jeweiligen Landwirtschaftsministerium einverleibt und heißen heute auch so. Die staatliche Umweltverwaltung in den neuen Ländern mit entsprechenden Landesumweltämtern als beratenden Einrichtungen entstammt der Zeit des Aufbaus administrativer Strukturen nach 1990. Vielerorts sind in diesen Ämtern zwar die Aufgaben gewachsen, nicht jedoch die personelle oder finanzielle Ausstattung.

Wesentlich dramatischer als in der Umweltverwaltung ist die Situation im Bereich der Umweltverbände. Die einzige größere, originär ostdeutsche Neugründung nach 1990, die Grüne Liga e.V., kämpft in vielen Ländern Ostdeutschlands einen Spagat zwischen der Alimentierung durch Landeszuschüsse und der Aufrechterhaltung ihrer schmalen inhaltlichen und personellen Basis. Eine Ausdehnung nach Westen hat sie erst gar nicht versucht. Die jahrelange Arbeit an vielen wichtigen ökologischen Alltagsthemen im Osten Deutschlands mit extrem knappen Mitteln hat deshalb viele engagierte Personen der Grünen Liga früher oder später zu Überlebenskünstlern werden oder in andere Tätigkeiten abwandern lassen.

Andere Umweltvereine sucht man zumeist vergebens. Zwar gibt es beispielsweise das Kirchliche Forschungsheim in Wittenberg, welches im letzten Jahr sein 75-jähriges Bestehen feiern konnte und nach 1990 engagiert Umweltthemen bearbeitete. Es existiert mit dem Sächsischen Heimatschutzverein auch hier und da noch ein landestypischer Umweltverein. Gemessen an der Zahl von etwa 15,1 Millionen Einwohnern (2000) in den neuen Ländern ist dies allerdings eher wenig, und gemessen daran, dass Umweltschutz für immerhin 41 Prozent der Ostdeutschen sehr wichtig ist,[15] bescheiden. Immerhin gibt es eine nicht zu unterschätzende Zahl von ökologischen Lebensprojekten, die seit 1990 gewachsen sind. Ob das Ökodorf Wulkow in Brandenburg, Gut Pommritz im Freistaat Sachsen oder das Ökodorf Babe in Sachsen-Anhalt: Viele Umweltengagierte des Ostens haben nach 1990 grundsätzlich neue Lebensformen gesucht und Erfahrungen in kleineren und größeren Projekten gesammelt.

Eine ähnlich originäre ostdeutsche Neugründung wie die Grüne Liga stellt das Unabhängige Institut für Umweltfragen e.V. (UfU) dar, beheimatet in Halle/Saale, Dresden und Berlin. Diese Einrichtung mit 15 Mitarbeitern in vier Fachgebieten knüpft neben praktischen Projekten seine Tätigkeit auch an wissenschaftliche Expertisen. Einzig in Leipzig konnte sich mit dem Umweltinstitut Leipzig eine weitere frei finanzierte, gemeinnützige, außeruniversitäre Forschungseinrichtung in den neuen Ländern gründen und behaupten. Da in Ostdeutschland öffentliche Mittel für Dritte nicht nur im Umweltschutz immer rarer werden und die obligatorischen Haushaltssperren ein kontinuierliches Arbeiten nahezu unmöglich machen, ist es fast schon eine Anomalie, dass es diese Einrichtungen überhaupt noch gibt.

Etwas besser ausgestattet sind vom Bund und den Ländern finanzierte außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, allen voran das Umweltforschungszentrum Halle/Leipzig/Bad Lauchstädt/Magdeburg (UFZ) mit seinen etwa 650 Mitarbeitern, welches zu 90 Prozent vom Bundesforschungsministerium und zu jeweils fünf Prozent von den Ländern Sachsen-Anhalt und Sachsen finanziert wird. Das UFZ - gegründet im Dezember 1991 - beschäftigt sich als erste und einzige Forschungseinrichtung der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren ausschließlich mit Umweltforschung. Im Freistaat Sachsen arbeitet außerdem das Institut für ökologische Raumentwicklung e.V. (IÖR), Dresden. Es wurde am 1. Januar 1992 auf Empfehlung des Wissenschaftsrates gegründet und sieht seine Aufgabe darin, Grundfragen der ökologischen Erneuerung altindustrialisierter Regionen, der Landes- und Regionalentwicklung und der Stadtökologie in ökologisch stark belasteten und besiedelten Regionen wissenschaftlich zu bearbeiten und Grundfragen des Wohnungswesens zu untersuchen. In dieser Einrichtung arbeiten ca. 100 Menschen. Die Einrichtung gehört der vom Bund und den Ländern finanzierten Leibniz-Gemeinschaft an.

Weitere Einrichtungen in umweltverwandten Bereichen sind das Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben (IPL), Sachsen-Anhalt, mit 480 Mitarbeitern, das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Brandenburg, auf dem Potsdamer Telegrafenberg mit ca. 170 Mitarbeitern sowie das Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS), ebenfalls Brandenburg, mit ca. 60 Mitarbeitern in Erkner. In Berlin wurde zudem das frühere Ost-Berliner Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in die Leibniz-Gemeinschaft überführt. Zu ergänzen und hier nur zu erwähnen bleibt, dass es selbstverständlich auch an den Universitäten und Hochschulen Fachrichtungen mit speziellen Umweltthemen gibt, etwa in Zittau, Cottbus, Dresden, Rostock oder an Fachhochschulen wie Bernburg und Köthen in Sachsen-Anhalt oder Eberswalde im Land Brandenburg. Allerdings leiden alle diese Angebote unter einem großen Mangel: Es gibt, speziell in Ostdeutschland, kaum Stellen für Absolventen dieser Disziplinen.


Fußnoten

14.
Brandenburg: Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Raumordnung; Sachsen: Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft; Mecklenburg-Vorpommern: Umweltministerium; Thüringen: Thüringer Ministerium für Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt; Sachsen-Anhalt: Ministerium für Landwirtschaft und Umweltschutz.
15.
Vgl. Datenreport 2002 (Anm. 11), S. 454.