APUZ Dossier Bild

1.7.2003 | Von:
Michael Zschiesche

Umweltschutz in Ostdeutschland - Versuch über ein schnell verschwundenes Thema

IV. Was hat sich an der Belastungssituation in Ostdeutschland verändert?

Ist im Osten Deutschlands in Sachen Ökologie alles bestens? Mitnichten. Die deutlich sichtbaren und sinnlich wahrnehmbaren Schädigungen, die der DDR soviel typisch Graues vermitteln konnten, sind verschwunden. Ganz gleich, wo man sich in Ostdeutschland befindet: Es ist kaum noch möglich, die früher den Osten so kennzeichnenden Emissionen wahrzunehmen. Doch zugleich sind neue, bedenkliche Belastungen und Schädigungen zu registrieren.[16] Im Grunde hat sich das vollzogen, was einige Kritiker vorhersagten. Joachim Borner bezeichnete die Entwicklung bereits 1992 als Verlagerung von "traditionellen" zu "modernen" Schadstoffen.[17] In einigen Bereichen, in denen die DDR weitaus weniger stark belastet war, hat sie kräftig nachgeholt bzw. die Altbundesrepublik sogar überholt. In der Abfallmenge etwa konnten die Ostdeutschen bereits nach kurzer Zeit am Pro-Kopf-Verbrauch der Altbundesländer vorbeiziehen. Betrug das Abfallaufkommen in der von Autarkie bestimmten DDR-Volkswirtschaft pro Kopf etwa ein Drittel der bundesdeutschen Menge, so schnellte der Verbrauch in allen neuen Ländern gleichermaßen leicht über bundesdeutsches Niveau an. Der Flächenverbrauch nach 1990 für Gewerbeflächen und zunehmend auch für die Innenstädte zersiedelnde Wohngebiete war immens und offensichtlich mit dem bundesdeutschen Planungsinstrumentarium nicht einmal ansatzweise zu beherrschen. Die Folge sind stark zersiedelte Städte, beispielsweise um Berlin, Dresden, Leipzig oder Halle.

Infolge eines ökonomisch immer unrentableren öffentlichen Nahverkehrssystems verstärkte sich zudem der Trend zur Motorisierung. Die Länder und Kommunen haben gegen diese Entwicklung angekämpft, konnten ihre Richtung aber letztlich nicht aufhalten. Als Problem traten zunehmend die Belastungen aus dem motorisierten Straßenverkehr zutage. Hier wurden viele Ostdeutsche grausam und täglich in Form von Erschütterungen, Lärm und Abgasen geplagt - ein Problem, welches in nicht wenigen Städten und Dörfern des Ostens zu abstrusen Forderungen von Bürgerinitiativen für "umweltfreundliche Autobahnen" führte, weil der Verkehr das bestehende Straßennetz zunehmend überlastete. Von dieser Entwicklung wurden selbst die 1990 noch kurz vor der Wiedervereinigung unter Schutz gestellten Nationalparke, Naturschutzgebiete und Biosphärenreservate - oft entlang der ehemaligen Grenze - nicht verschont, die völlig zu Recht als Tafelsilber der Wiedervereinigung bezeichnet wurden. In nicht wenigen Fällen wurden in den neuen Ländern großzügig rechtlich legale Befreiungen und Ausnahmen erteilt, um private Baumaßnahmen jedweder Art in geschützten Gebieten durchzuführen. Die Begehrlichkeit, die Natur, von der es im Osten Deutschlands reichlich gibt, möglichst in klingende Münze zu verwandeln, erwies sich als insgesamt sehr starker Antrieb.

Aber es gibt neben all den bedenklichen Entwicklungen auch Erfreuliches bezüglich des Umweltzustandes im Osten Deutschlands zu vermelden, etwas, was kaum jemand 1990 für möglich gehalten hätte. Da ein umfangreiches Messnetz an Apparaturen in den neuen Ländern installiert wurde, existieren hinreichend Daten, die helfen, die Sinneswahrnehmung zu stützen. Schwefeldioxid und Staubemissionen etwa sind drastisch zurückgegangen. In Sachsen-Anhalt beispielsweise lagen die Werte bei Schwefeldioxid (SO2) im Jahr 1999 nur noch bei ein bis fünf Prozent im Vergleich zu Werten Mitte der achtziger Jahre.[18] Selbst in Bitterfeld, dem Symbolort für Umweltverschmutzung in der DDR und im Osten Deutschlands, werden inzwischen Werte für SO2 gemessen, die völlig unbedenklich sind. So lag 2002 das Monatsmittel für SO2 zwischen zwei ?g/m3 im Sommer und etwa acht bis zehn ?g/m3 in den Wintermonaten. Der Grenzwert nach der 22. Verordnung zum Bundesimmissionsschutzgesetz erlaubt die dreimalige Überschreitung von 125 ?g/m3 innerhalb von 24 Stunden. Davon ist man in Bitterfeld weit entfernt. Im Land Brandenburg lassen sich für Staub und Schwefeldioxid ähnliche Angaben machen. So sind im Zeitraum von 1990 bis 2000 die SO2-Emissionen um 94 und bei Staub gar um 99 Prozent gesunken.[19]

Auch bei der Waldschadensbetrachtung gibt es in Ostdeutschland zwar keinen überall gleichen, im Durchschnitt aber doch eindeutigen Trend. Dem Wald geht es deutlich besser, wenn sich die Begutachter der Baumkronen während der jährlich in der Vegetationszeit ermittelten Waldzustände nicht geirrt haben. Zwar lässt sich mit Statistik alles belegen, doch es ist kaum zu leugnen, dass sich der Wald in Ostdeutschland nicht mehr in den Kategorien deutlicher und deutlichster Schädigungen befindet.

Schauen wir auf die Umweltmedien Wasser und Boden: Im Land Sachsen-Anhalt mussten 1990 mehr als die Hälfte der Flüsse in die Güteklasse III, III-IV und IV (sehr stark bis übermäßig verschmutzt) eingeordnet werden. Im Vergleich dazu hat sich die Situation heute wesentlich verbessert. Der Gewässergütebericht in Sachsen-Anhalt kommt zu dem Ergebnis, dass sich im Jahr 2000 von den untersuchten Flüssen (1525 Kilometer pro Jahr) kein Gewässer mehr in der Güteklasse IV befand und nahezu 75 Prozent der Gewässer in die Güteklasse II und besser eingestuft werden konnten.[20] Auch in Brandenburg sind von insgesamt 1800 Kilometern klassifizierten Wasserläufen 1990 27 Prozent als stark bis übermäßig verschmutzt eingestuft worden. 1992 wurde ein Rückgang auf 19 Prozent registriert, 1996 wurden nur noch 14 Prozent den Güteklassen III, III-IV und IV zugeordnet.[21]

Diese Befunde sind Teil der Erfolgsbilanz der Wiedervereinigung. Allerdings ist diese Bilanz nicht in erster Linie das Ergebnis der Instrumente der Umweltpolitik. Wissenschaftler und Experten in den Umweltministerien machen für die starken Rückgänge der Umweltbelastungen unisono den Zusammenbruch der größtenteils veralteten Produktions- und Technologiestandorte der DDR nach 1990 verantwortlich. Nachrangig sind die mit Milliardensummen geförderten "End-of-the-pipe"-Umstellungen von Technologiestandorten sowie der Aufbau umweltschonender Produktionsverfahren. Im Umweltgutachten 2000 des Rates der Sachverständigen für Umweltfragen wird konstatiert, dass die Abnahme der Kohlendioxidemissionen in Deutschland zwischen 1990 und 1995 um elf Prozent (110 Megatonnen) ausschließlich auf dem Gebiet der neuen Bundesländer stattfand. Hier betrug der Rückgang 43,5 Prozent, während er im gleichen Zeitraum in den alten Bundesländern um 22,6 Megatonnen anstieg.[22]

Das Jahr 1990 wird in den meisten internationalen Abkommen als Bezugsjahr für die vereinbarten Reduktionen angenommen. Es ist müßig, danach zu fragen, welches Bild die Bundesrepublik etwa auf den großen internationalen Klimakonferenzen der Neunziger mit ihren Selbstverpflichtungserklärungen abgegeben hätte, wäre es nicht zum Glücksfall der Vereinigung mit der prall verschmutzten DDR gekommen.


Fußnoten

16.
Es sei darauf verwiesen, dass auf Themen wie Altlasten, Naturschutz, Strahlenbelastung aus Platzgründen nicht näher eingegangen werden kann, diese aber durchaus eine differenzierende Betrachtung verdient gehabt hätten.
17.
Vgl. Joachim Borner, Die Unmöglichkeit der Umweltsanierung im Osten Deutschlands, in: Umweltsanierung in den neuen Bundesländern (Forum Wissenschaft 17), Marburg 1992, S. 175ff.
18.
Vgl. Immissionsschutzberichte des Landes Sachsen-Anhalt 1997 - 2001: www.mu.sachsen-anhalt.de/lau/luesa/
19.
Vgl. Brandenburger Agrar- und Umweltjournal, Jg. 13, März 2003, S. 28.
20.
Vgl. Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt: www.sachsen-anhalt.de
21.
Vgl. Ministerium für Landwirtschaft, Umweltschutz und Raumordnung, Teilbereich Gewässerschutz und Wasserwirtschaft: www.brandenburg.de/land/mlur
22.
Vgl. Rat von Sachverständigen für Umweltfragen (Anm. 5), S. 307.