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17.6.2003 | Von:
Anita Böcker
Dietrich Thränhardt

Erfolge und Misserfolge der Integration -Deutschland und die Niederlande im Vergleich

III. Die Zuwanderungsströme und ihre Kategorisierung

Das Spannungsverhältnis zwischen Perzeption und Realität bezieht sich auch auf die Kategorien der Statistik und den Umgang mit ihr. Sowohl Deutschland als auch die Niederlande waren bis in die Nachkriegszeit hinein Auswanderungsländer und haben lange gezögert, sich als Einwanderungsländer zu definieren. Deutschland nahm in seiner reduzierten Gestalt nach 1945 zwölf Millionen Vertriebene auf, hinzu kam in den Jahren 1949 - 61 die Flucht von drei Millionen Menschen aus der DDR in die Bundesrepublik. In die Niederlande kamen postkoloniale Migranten: In der Nachkriegszeit waren dies zunächst 300 000 "Remigranten" aus dem unabhängig werdenden Indonesien. Weitere 200 000 kamen aus Surinam vor und nach seiner Unabhängigkeit 1974, weitere 80 000 von den niederländischen Antillen, die bis heute Bestandteil des Staates sind. Beide Länder rekrutierten seit Anfang der sechziger Jahre verstärkt Arbeitskräfte aus dem Mittelmeerraum, Deutschland einen höheren Anteil aus Italien, Spanien, Portugal, Griechenland und dem ehemaligen Jugoslawien, die Niederlande aus Marokko. Beide Länder verzeichneten eine starke Einwanderung aus der Türkei. Zu Beginn der Ölkrise 1973 stoppten sie übereinstimmend die Anwerbung, mit der Folge von Rückwanderung einerseits, Familiennachzug andererseits und einer Tendenz zur Stabilisierung der Einwanderung. Seit 1980 nahm die Zahl der Asylbewerber in Deutschland, seit 1985 auch in den Niederlanden stark zu. Die Reduzierung des Asylzugangs in Deutschland 1992/93 hatte zur Folge, dass mehr Asylbewerber in die Niederlande auswichen und auch dort seit 1995 die Asylmöglichkeiten schrittweise immer weiter reduziert wurden. Seit der Lockerung der Ausreisebeschränkungen im ehemaligen Ostblock nahm die Zahl der Aussiedler rasch zu, reduzierte sich aber durch deutsche Beschränkungen des Zugangs rasch wieder. Insgesamt handelte es sich 1950 - 2001 um 4,2 Millionen Aussiedler.

Die statistische Kategorisierung der Einwanderer und ihrer Nachkommen in den beiden Ländern unterscheidet sich grundlegend.[32] In Deutschland wird die Staatsangehörigkeit erfasst. Bis zum 1. Januar 2000 hatte das auch zur Folge, dass jedes neugeborene Kind ausländischer Eltern als Ausländer gezählt wurde, auch wenn die Familie schon über Generationen in Deutschland ansässig war und deutsch sprach. Andererseits werden Einwanderer nicht mehr gesondert erfasst, wenn sie eingebürgert sind. Das gilt zum Beispiel für Aussiedler aus Kasachstan, deren Familiensprache Russisch ist und die erst kurze Zeit in Deutschland leben (s. Tabelle 3).

Die Begrifflichkeit der "Allochthonen" und "Autochthonen" wurde eingeführt, um den Begriff "Einwanderer" zu vermeiden; damit wurde der in den achtziger Jahren gebräuchliche Begriff "minderheeden" abgelöst. Da es sich - wie unsere Tabelle zeigt - dabei zu einem großen Teil um Europäer handelt, vor allem auch um Deutsche, wird die Gruppe der "Allochthonen" weiter in "westliche" und "nichtwestliche" Allochthonen unterteilt. Zur "westlichen" Gruppe werden alle OECD-Länder mit Ausnahme der Türkei gerechnet, außerdem die in Indonesien Geborenen (meist niederländischer oder gemischter Herkunft), zur "nichtwestlichen" alle anderen Gruppen, also vor allem die in der Türkei, Marokko, aber auch in Surinam und auf den niederländischen Antillen und in Aruba Geborenen. Surinam war bis 1974 Teil des Königreichs der Niederlande, die Antillen und Aruba sind dies bis heute. Die Gruppe der nichtwestlichen "Allochthonen", die als benachteiligt gelten, umfasst also einerseits Gruppen, die bis 1973 als Arbeitskräfte angeworben worden sind und ihre Familien, andererseits postkoloniale Einwanderer, vor allem die vor und nach der Unabhängigkeit in die Niederlande gekommenen Surinamer, die mit Niederländisch als Mutter- oder Verkehrssprache aufgewachsen sind. Sie sind überwiegend Nachfahren ehemaliger Sklaven oder Vertragsarbeiter, die von der Kolonialmacht nach Surinam gebracht worden waren. In den neunziger Jahren sind außerdem die Flüchtlingszahlen stark angestiegen. Wie in Deutschland stammen die Flüchtlinge hauptsächlich aus der europäisch-asiatischen Konfliktzone, die von Bosnien über Serbien, das Kosovo, die Türkei, den Irak, den Iran bis nach Afghanistan reicht. Sie unterliegen, solange und soweit sie noch nicht oder nicht anerkannt sind, starken Beschränkungen, die ihre Eingliederung behindern. Da sie oft aus Bildungsschichten kommen, besitzen sie andererseits ein großes Innovationspotenzial.


Fußnoten

32.
Vgl. auch Anita Böcker/Kees Groenendijk, Einwanderungsland Niederlande: tolerant, liberal und offen?, in: Friso Wielenga (Hrsg.), Die Niederlande, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2003 (i.E.); Dita Vogel, Einwanderungsland Niederlande - Politik und Kultur, Frankfurt/M.-London 2003 (i.E).