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17.6.2003 | Von:
Anita Böcker
Dietrich Thränhardt

Erfolge und Misserfolge der Integration -Deutschland und die Niederlande im Vergleich

IV. Erklärungen und Perspektiven

Auf den größeren Abstand zwischen Einheimischen und Zuwanderern in den Niederlanden auf dem Arbeitsmarkt wurde erstmals 1998 hingewiesen.[33] Während die Arbeitslosigkeit von Ausländern in Deutschland etwa doppelt so hoch war wie die von Deutschen, war die Diskrepanz hier beträchtlich höher. "Die Mehrheit der Türken und Marokkaner zwischen 15 und 64 Jahren stand außerhalb des Arbeitsmarktes. Von den verbleibenden 44 Prozent bei den Türken bzw. 42 Prozent bei den Marokkanern war ein Drittel arbeitslos gemeldet."[34] Inzwischen hat sich die Relation etwas verbessert. Die Arbeitslosigkeit der "nichtwestlichen" Zuwanderer liegt bei zehn, die der Einheimischen bei drei Prozent. Die Vollbeschäftigung in den Niederlanden eröffnet den Zuwanderern neue Chancen, auch wenn sich dieser Prozess langsam vollzieht. Andererseits hat die steigende Arbeitslosigkeit in Deutschland für die Zuwanderer besonders negative Auswirkungen, vor allem soweit sie weniger gut gebildet und weniger in Netzwerke einbezogen sind als Deutsche. Auch die Diskrepanzen im Bildungsbereich sind in den Niederlanden größer, wenn man die offiziellen Schulstatistiken heranzieht. 1996 verließen 8 Prozent der Kinder einheimischer, aber 35 Prozent der Kinder türkischer und 39 Prozent der Kinder marokkanischer Herkunft die Schule ohne Abschluss.[35]

Auch hier zeigen sich in den vergangenen Jahren Verbesserungen, insbesondere schneiden die in den Niederlanden geborenen Kinder günstiger ab. Insofern ist die Situation weniger dramatisch als vor zehn Jahren.

Eine Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zeigt in den Niederlanden eine stärkere Diskrimierung bei Einstellungen durch Unternehmen, berechnet wurde eine Diskriminierungsrate von 33 Prozent in Deutschland und 56 Prozent in den Niederlanden.[36] Dieses Muster stimmt mit den Ergebnissen einer psychologischen Untersuchung überein, die in Deutschland Mitte der neunziger Jahre eine höhere offene, in den Niederlanden dagegen eine höhere subtile Vorurteilsbereitschaft konstatierte.[37]

Angesichts dieser Daten ist die Krise des niederländischen Multikulturalismus nicht überraschend, sie findet Parallelen in Schweden, Australien, und Großbritannien.[38] Versucht man eine vergleichende Bilanz, so ist die Verankerung der Einwanderer in Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland weiter vorangeschritten. Das ist ein Erfolg der Konzeption der Politik der "sozialen und wirtschaftlichen Gleichberechtigung", die seit 1972 in Deutschland verfolgt worden ist und sich in einer Integration vor allem im Produktionssektor, in den Betriebsräten, den Gewerkschaften und im dualen Ausbildungssystem zeigt. In dem Maße, in dem diese Institutionen gefährdet sind, ist auch der sozioökomische Integrationsweg gefährdet. Das zeigt sich etwa in Berlin, wo der Produktionssektor weitgehend zusammengebrochen ist und auch eine engagierte Integrationspolitik dagegen nicht viel ausrichten konnte.[39] Die niederländische Politik hat demgegenüber andere Erfolge aufzuweisen. Insbesondere ist die Mehrheit der Einwanderer, auch die Gruppe aus der Türkei, inzwischen eingebürgert worden, und sie kann an politischen Auseinandersetzungen gleichberechtigt teilnehmen. Bleibt die Vollbeschäftigung erhalten, so ist zugleich eine Verbesserung der sozialen und ökonomischen Integration zu erwarten. Auch für Deutschland wird die Wirtschaftslage in den nächsten Jahren entscheidend für die Festigung der Integration der Zuwanderer sein. In einer Marktgesellschaft hängt der Status einer Person und ebenso einer Gruppe entscheidend von der wirtschaftlichen Position ab. Eine gute Integrationspolitik kann fördern, sie kann die sozioökonomische Integration aber nicht ersetzen.

Internetverweise:

http://www.uni-muenster.de/Politikwissenschaft/Migrationsforschung/

http://www.imis.uni-osnabrueck.de

http://www.uni-bamberg.de/~ba6ef3/home.html

http://www.materialien.org/migration/migraindex.html

http://www.bmi.bund.de/

http://www.integrationsbeauftragte.de/ Beauftragte/Aussiedlerbeauftragter/ix3949_20309.htm

http://www.Berlin.de/sengessozv/auslaender/index.html

http://www.stadt-frankfurt.de/amka/index_text.htm

http://www.jur.kun.nl/cmr/

http://www.pscw.uva.nl/imes/

http://www.ercomer.org/

http://www.iisg.nl:80/cgm/intro.html

http://www.cbs.nl

http://www.scp.nl

http://os.webtic.com/

http://www.inburgernet.nl

http://www.ind.nl/

http://www.cgb.nl

http://www.uni-oldenburg.de/fb1/ibkm/emnl/


Fußnoten

33.
Vgl. Melanie Kiehl/Heinz Werner, Die Arbeitsmarktsituation von EU-Bürgern und Angehörigen von Drittstaaten in der EU, in: IAB-Werkstattberichte Nr. 7 vom 30.7.1998, Tabelle 3.1 und Schaubild 3.17. Siehe neuerdings auch Heinz Wener, The Integration of Immigrants into the Labour Markets of the EU, IAB topics, (2003) 52.
34.
Jeroen Doomernik, The Effectiveness of Integration Policies towards Immigrants and their Descendants in France, Germany and the Netherlands, Genf 1998, S. 65. Übersetzung der Autoren.
35.
Vgl. ebd., S. 65. Die niederländischen PISA-Auswertungen waren wegen zu geringer Beteiligung der Befragten nicht valide und können deshalb für einen Vergleich nicht herangezogen werden. Zusätzlich macht die Diskrepanz zwischen den staatlichen Bildungsstatistiken und den Ergebnisse der PISA-Studie in Deutschland eine Auswertung problematisch. Vgl. Uwe Hunger/Dietrich Thränhardt, Der Bildungserfolg von Einwanderer-Kindern in den Bundesländern. Diskrepanzen zwischen der PISA-Studie und den offiziellen Schulstatistiken, in: Georg Auernheimer, Schieflagen im Bildungssystem. Die Benachteiligung der Migrantenkinder, Opladen 2003 (i.E.). Anmerkung der Redaktion: Siehe auch Cornelia Kristen, Ethnische Unterschiede im deutschen Schulsystem, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B21 - 22/2003.
36.
Vgl. Roger Zegers de Beijl, Documenting Discrimination against Migrants in the Labour Market. A Comparative Study of Four Countries, Genf 1999, S. 58 und S. 71.
37.
Vgl. Thomas F. Pettigrew, Reactions towards the New Minorities of Western Europe, in: Annual Review of Sociology, 28 (1998) 1, S. 84f. Grundlage der Untersuchung waren die Daten des Eurobarometers.
38.
Vgl. Tomas Hammar, Schweden. Einwanderung in einen skandinavischen Wohlfahrtsstaat, in: Leviathan. Sonderheft Migration, 2003; Ghassan Hage, Multiculturalism and White Paranoia in Australia; in: Journal of International Migration and Integration, 4 (2003) 3 (i.E.); Sigrid Baringhorst, Pluralistische Integration und ethnische Konflikte. Multikulturelle Minderheitspolitik, dargestellt am Beispiel der nordenglischen Stadt Bradford, Diss. Münster 1990. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag der Autorin in dieser Ausgabe.
39.
Vgl. Uwe Hunger/Dietrich Thränhardt, Die Berliner Integrationspolitik im Vergleich der Bundesländer, in: Frank Gesemann (Hrsg.), Migration und Integration in Berlin, Opladen 2001, S. 109 - 126.