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17.6.2003 | Von:
Rainer Geißler

Multikulturalismus in Kanada - Modell für Deutschland?

I. Das "ethnische Mosaik" Kanadas

In der vielschichtigen, hoch differenzierten multiethnischen Struktur der kanadischen Bevölkerung lassen sich vier Hauptgruppen ausmachen: In der zeitlichen Abfolge ihrer Einwanderung nach Nordamerika sind dies die Ureinwohner, die so genannten "Gründernationen" der Anglo- und Frankokanadier, die später eingewanderten europäischen Minderheiten und die so genannten "sichtbaren Minderheiten" aus den Ländern der Dritten Welt, die in der Regel erst seit den siebziger Jahren nach Kanada gekommen sind (siehe die Tabelle S.20).

1. Die "Ersten Nationen" - wie die Ureinwohner ("Indianer", "Eskimos" und "Métis"[2]) seit einigen Jahren offiziell genannt werden - hatten den amerikanischen Kontinent mit einer großen Vielfalt von Kulturen über viele Jahrtausende allein bewohnt. Heute sind sie in Kanada durch die Massen von neuzeitlichen Einwanderern auf kleine, sehr multikulturelle (11 Sprachfamilien, über 600 "bands") Minderheiten reduziert und in eine extreme ökonomische, soziale, kulturelle und politische Randlage abgedrängt worden. Aus reinen Ureinwohnerfamilien stammen nach der jüngsten Erhebung im Jahr 2001 knapp 600 000 der 29,6 Millionen Bewohner Kanadas (1,9 Prozent der Bevölkerung); nimmt man diejenigen aus gemischten Familien - d.h. ein Elternteil oder Vorfahre ist Ureinwohner - hinzu, dann sind es gut 1,3 Millionen oder 4,5 Prozent der Bevölkerung.[3]

2. Die beiden zahlenmäßig, kulturell und politisch dominanten Gruppen des ethnischen Mosaiks sind die Anglo- und Frankokanadier. Da sie das Gebiet des heutigen Kanadas kolonisiert und den modernen kanadischen Staat gegründet haben, nennen sie sich die "Gründernationen". Vor einem Jahrhundert stellten sie noch 90 Prozent der Bevölkerung, seither geht ihr Anteil kontinuierlich zurück. 2001 stammte noch ein gutes Drittel der Kanadier aus rein britischen, französischen oder "kanadischen" Familien, der größere Teil (54 Prozent) kommt inzwischen aus gemischten Familien.[4]

3. Die dritte große Gruppe - die europäischen Minderheiten - wurde in zwei großen Wellen ins Land geholt: die erste an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, um bei der Besiedlung des Westens zu helfen, und die zweite kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Einwanderer wegen der boomenden Nachkriegswirtschaft gebraucht wurden. Ein knappes Drittel der Kanadier - einschließlich derjenigen aus gemischten Familien - gehört dazu; die größte Gruppe stellen die Deutschkanadier (2,7 Millionen), gefolgt von den Italienern, Ukrainern, Holländern, Polen und Norwegern.

4. Die so genannten "sichtbaren Minderheiten" (fast drei Millionen Asiaten sowie ca. eine Million Schwarze, Lateinamerikaner und Araber im Jahr 2001) haben sich erst in den vergangenen drei Jahrzehnten zu einem zahlenmäßig gewichtigen Segment entwickelt. 1967 trat in Kanada ein neues Einwanderungsgesetz in Kraft - das "farbenblinde" Punktesystem, das die Einwanderungserlaubnis insbesondere an die individuelle Qualifikation bindet und auch in der derzeitigen deutschen Diskussion eine wichtige Rolle spielt. Es hatte zur Folge, dass vermehrt Migranten aus Asien - im vergangenen Jahrzehnt insbesondere aus China (davon wiederum viele aus Hongkong) - einwanderten. Mit 13 Prozent der Bevölkerung liegt der Anteil der "sichtbaren Minderheiten" etwas über dem "Ausländeranteil" im Gebiet der früheren Bundesrepublik.


Fußnoten

2.
Nachkommen aus früheren Verbindungen und Ehen von Europäern und Ureinwohnern; mit einer besonderen Identität als Métis und einem spezifischen Rechtsstatus; überwiegend in den Prärie-Provinzen Westkanadas ansässig.
3.
Zur Geschichte der "Ersten Nationen" vgl. Arthur Ray, I Have Lived Here Since the World Began. An Illustrated History of Canada's Native People, Toronto 1996; zu ihrer derzeitigen Situation James S. Frideres, Aboriginal Peoples in Canada, Scarborough 19985.
4.
Vgl. Anm. 3 und 4 der Tabelle. Genaue Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung bei Leo Driedger, Multi-ethnic Canada, Toronto u.a. 1996, S. 62. Im Zensus von 1996 werden Familien ausgewiesen, in denen mindestens ein Elternteil oder Vorfahre - also homogene und gemischte Familien - zu den "Gründernationen/Kanadiern" gehört; ihr Anteil betrug zu diesem Zeitpunkt 72 Prozent. Die Zensus-Daten von 2001 weisen diese Gruppe nicht aus, sie fassen die "Mischungen" unter den Gründernationen/Kanadiern mit den Verbindungen zwischen diesen Gruppen und anderen Minderheiten zu den "gemischten Familien" zusammen.