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17.6.2003 | Von:
Rainer Geißler

Multikulturalismus in Kanada - Modell für Deutschland?

II. Die Philosophie des Multikulturalismus

Wie geht Kanada mit dieser ethnischen Vielfalt um?[5] In den sechziger Jahren wurde dazu das Konzept des Multikulturalismus entwickelt, das dann 1971 zur bis heute gültigen Staatsideologie erhoben wurde. Die Kanadier sind nicht nur die ideellen Erfinder der multikulturellen Gesellschaft, sondern sie haben dieses Konzept auch als erste in praktische Politik umgesetzt.

Die "Philosophie des Multikulturalismus" lässt sich zu sieben Grundprinzipien zusammenfassen:

1. Prinzipielles Ja zur ethno-kulturellen Verschiedenheit (diversity): Die ethno-kulturelle Verschiedenheit wird prinzipiell positiv eingeschätzt - nicht nur, weil sie als Grundtatbestand der kanadischen Wirklichkeit gilt, sondern auch, weil man sie für vorteilhaft und produktiv hält. Es wird angenommen, dass sie Kräfte enthält, die der kanadischen Gesellschaft als Ganzes unter dem Strich mehr nützen als schaden. Ethno-kulturelle Vielfalt ist demnach Kraftquelle und Bereicherung.

2. Recht auf kulturelle Differenz: Alle Menschen und Gruppen haben das Recht auf Erhaltung und Pflege ihrer kulturellen Besonderheiten. Es besteht also ein Recht, aber keine Pflicht oder gar Zwang zur ethnischen Identifikation.

3. Prinzip der kulturellen Gleichwertigkeit und gegenseitigen Toleranz: Die verschiedenen ethno-kulturellen Gruppen sind gleichwertig. Aus diesem Prinzip leitet sich das Gebot gegenseitiger Toleranz ab.

Der Identifikation mit der Herkunftsgruppe soll jedoch die Identifikation mit der Gesamtgesellschaft vorausgehen. Erlaubt ist eine hierarchisch strukturierte Doppelidentität. Die Identifikation mit Kanada soll dabei primär, die Identifikation mit der Herkunftsgruppe sekundär sein. Der "Bindestrich-Kanadier" soll also in erster Linie Kanadier und erst in zweiter Linie Engländer, Schotte, Québécois, Deutscher, Ukrainer oder Chinese sein.

4. Sicherheit-Kontakt-Hypothese: Das Recht auf Differenz gründet u.a. auf der empirisch bestätigten sozialpsychologischen "Sicherheit - und - Kontakt-Hypothese": Die Verankerung in der Eigengruppe fördert das Selbstbewusstsein und die psychische Sicherheit der Individuen und schafft so die Voraussetzungen für die Offenheit gegenüber anderen ethno-kulturellen Gruppen, die Toleranz und interethnische Kontakte erst ermöglichen.[6]

5. Einheit-in-Verschiedenheit (unity-within-diversity): Ein Kern von gemeinsamen Grundwerten und -regeln (Verfassung, Gesetze, gemeinsame Sprache) garantiert den Zusammenhalt des Ganzen und setzt der Verschiedenheit und dem Recht auf kulturelle Differenz und dem Prinzip der kulturellen Gleichwertigkeit Grenzen. Der gemeinsame Rahmen hat einen klaren Vorrang vor den besonderen Teilkulturen. Einwanderer dürfen nur diejenigen Teile ihrer Kultur erhalten und pflegen, die nicht im Widerspruch zum verbindlichen gemeinsamen Kern stehen ("selektive Bewahrung der Kultur"). Die Gleichheit der Frau sowie häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder sind typische Bereiche, in denen manche Herkunftskulturen mit dem gemeinsamen Kern kollidieren. Da die Kernnormen dem europäischen Kulturkreis entstammen, relativiert das Prinzip "Einheit-in-Verschiedenheit" die Rechte auf kulturelle Differenz und Gleichwertigkeit; de facto gibt es eine Hierarchie der ethno-kulturellen Gruppen: Je mehr eine Kultur dem gemeinsamen Kern widerspricht, desto mehr werden ihr Unterordnung und Verzicht abverlangt.

Die Grenzziehung zwischen Verschiedenheit und Einheit (wo endet die gleichberechtigte Verschiedenheit, wo müssen sich kulturelle Besonderheiten dem gemeinsamen Kern unterordnen?) ist in einigen Punkten umstritten und Teil des politischen Diskurses.

6. Recht auf gleiche Chancen: Mit dem liberalen Recht auf kulturelle Differenz ist das soziale Recht auf gleiche Chancen bei der Teilhabe an der kanadischen Gesellschaft verbunden. Der kanadische Multikulturalismus ist also nicht auf die kulturelle Ebene beschränkt, wie es der Terminus Multi-"Kulturalismus" suggerieren könnte, sondern er hat eine liberal-soziale Doppelnatur und enthält zwei fundamentale Rechte: neben dem Recht auf kulturelle Verschiedenheit auch das Recht auf soziale Chancengleichheit. Seine Herausforderung besteht darin, zwei Ziele gleichzeitig zu erreichen: kulturelle Verschiedenheit zu erhalten und ethnisch bedingte soziale Ungleichheit abzubauen.

7. Management-Annahme: Multikulturalismus in dem skizzierten Sinne entwickelt sich nicht von selbst, sondern bedarf des politischen Managements - der politischen Ermutigung und Förderung.

Wichtige Bestandteile der Multikulturalismus-Philosophie werden in der Metapher des "ethnischen Mosaiks" eingefangen. Damit will sich Kanada bewusst und nachdrücklich vom "Schmelztiegel"-Ideal der USA abgrenzen: Die Vielfalt der Kulturen soll nicht in einem "melting pot" eingeschmolzen werden, sondern jede ethno-kulturelle Gruppe soll - wie die Steinchen bzw. Teile eines Mosaiks - ihre spezifische Farbe oder Form erhalten. Alle Gruppen zusammen formieren sich dann mit ihren Besonderheiten zu einem bunten und vielgestaltigen Gesamtbild.


Fußnoten

5.
Dieses Kapitel stützt sich im Wesentlichen auf verschiedene Dokumente (Rede Pierre Trudeaus im House of Commons am 8. Oktober 1971; Multiculturalism Act 1988; Ontario Policy On Multiculturalism) sowie auf Augie Fleras/Jean L. Elliot, Engaging diversity. Multiculturalism in Canada, Scarborough 2002; Augie Fleras/Jean L. Kunz, Multicultural Canada, in: dies., Media and Minorities, Toronto 2001, S. 3 - 27; Richard J. F. Day, Multiculturalism and the History of Canadian Diversity, Toronto u.a. 2000; John W. Berry/Jean A. Laponce (Hrsg.), Ethnicity and Culture in Canada, Toronto u.a. 1994.
6.
Vgl. Rudolf Kalin/John W. Berry, Ethnic and Multicultural Attitudes, in: J. W. Berry/J. A. Laponce (Anm. 5), S. 293 - 321.