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17.6.2003 | Von:
Rainer Geißler

Multikulturalismus in Kanada - Modell für Deutschland?

III. Multikulturalismus-Politik

1971 proklamierte der liberale Premierminister Pierre Trudeau die "Politik des Multikulturalismus in einem zweisprachigen Rahmen" zur zentralen Leitlinie künftiger kanadischer Politik. Es wurde zügig eine Fülle von neuen Ämtern, Behörden und Beratergremien auf allen politischen Ebenen eingerichtet, um die Multikulturalismus-Prinzipien in konkrete politische Programme und Aktivitäten umzusetzen. Und unter der konservativen Regierung Brian Mulroney wurde der Multikulturalismus 1985 als Grundrecht in der kanadischen Verfassung verankert und 1988 im "Multikulturalismusgesetz" rechtlich konkretisiert. Dieses verpflichtet die kanadische Regierung unter anderem darauf, den Multikulturalismus als "unschätzbare Ressource" für Kanadas Zukunft und die Freiheit aller anzuerkennen, "ihr kulturelles Erbe zu bewahren, zu fördern und zu teilen". Das "Gesetz für gleiche Beschäftigungschancen" (Employment Equity Act, 1986) sieht die gezielte Förderung der "sichtbaren Minderheiten" und der "Ersten Nationen" vor. Die Schwerpunkte der politischen Aktivitäten haben sich den veränderten Problemlagen angepasst: Ging es in den siebziger Jahren vor allem um die Förderung der vielfältigen kulturellen Traditionen insbesondere der europäischen Minderheiten ("celebrating differences"), so stehen seit den achtziger Jahren die Probleme der neu eingewanderten "sichtbaren Minderheiten" - Anti-Rassismus und Chancengleichheit - im Zentrum. Ein mehr folkloristischer Multikulturalismus verwandelte sich in einen stärker bürgerrechtlichen Multikulturalismus.