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17.6.2003 | Von:
Rainer Geißler

Multikulturalismus in Kanada - Modell für Deutschland?

IV. Hintergründe für die Entstehung des Multikulturalismus

Die kanadische Einwanderungsgesellschaft hat den Multikulturalismus nicht quasi automatisch hervorgebracht. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein war Kanada eine primär anglo-konformistische Gesellschaft, und der Umgang der britischen Mehrheit mit einigen Minderheiten trug ausgeprägt hegemoniale, rassistische und segregationistische Züge. So sahen sich z.B. die angeworbenen Arbeiter aus China Ende des 19. Jahrhunderts rassistischen Übergriffen ausgesetzt, nachdem sie nicht mehr für den Eisenbahnbau gebraucht wurden. Die Agitation der "Asiatic Exclusion League" - einer ihrer Slogans: "We don't want Chinamen in Canada. This is a white man' s country(...)" ("Wir wollen keine ,Chinamen` in Kanada. Dies ist ein Land des weißen Mannes (...)") - malte das Gespenst der "gelben Gefahr" an die Wand. In der Folge immer höherer Kopfsteuern für chinesische Einwanderer und eines Einwanderungsverbots in den Jahren 1923 - 1947 kam der Zuzug aus China völlig zum Erliegen. Die Wunden, die durch die Kampagnen gegen die "Chinamen" geschlagen wurden, sind heute noch in öffentlichen Diskussionen spürbar.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte ein Umdenken ein - nicht zuletzt deshalb, weil Ureinwohner und asiatische Minderheiten in der kanadischen Armee im Zweiten Weltkrieg ihren Blutzoll entrichtet hatten und Einwanderer im Zuge des Wirtschaftsbooms der Nachkriegszeit wieder dringend gebraucht wurden.

Die eigentlichen politischen und auch ideellen Anstöße für den Multikulturalismus gingen vom traditionellen Konflikt zwischen Anglo- und Frankokanadiern aus. Die separatistischen Bestrebungen in der frankokulturellen Provinz Québec in den sechziger Jahren zwangen dazu, das Miteinander der beiden "Gründerkulturen" zu überdenken. In diese Debatte um den kanadischen Bi-Kulturalismus klinkten sich die europäischen Minderheiten als "dritte Kraft" wirkungsvoll ein, und es war nahezu zwingend, dass dabei der Bi-Kulturalismus zum Multi-Kulturalismus weitergedacht und -entwickelt wurde. Und der Multikulturalismus konnte politische Wirkung entfalten, weil die europäischen Minderheiten inzwischen zu einem beachtlichen Wählerpotenzial herangewachsen waren, das keine Partei ohne Schaden ignorieren konnte. Überspitzt kann man sagen: Der Multikulturalismus ist ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt des Québec-Separatismus.