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17.6.2003 | Von:
Rainer Geißler

Multikulturalismus in Kanada - Modell für Deutschland?

V. Kritik - aber keine Erschütterung

Der Multikulturalismus blieb und bleibt in Kanada nicht unwidersprochen. Die Quebecer und die "Ersten Nationen" meldeten von Anfang an grundlegende Vorbehalte an, weil sie nicht zu einer ethnischen Gruppe unter vielen herabgestuft werden wollten und um ihre Sonderrechte als "Gründernation" bzw. als Ureinwohner (als "citizens plus"[7]) fürchteten. Aus dem linken Spektrum kommt der Vorwurf, der Multikulturalismus lenke durch "rhetorischen Schnörkel" und folkloristisch-kulinarische Festivals von den eigentlichen Problemen der ethnischen Minderheiten ab; er sei ein ausgeklügeltes Manöver, um die Wählerstimmen der ethnischen Minderheiten einzufangen und gleichzeitig von deren realen Schwierigkeiten abzulenken.[8] Andere sehen im Multikulturalismus - mit seiner automatischen Klassifikation der Menschen nach Rasse und Herkunft - eine Form des verschleierten, politisch korrekten Rassismus.[9] Und im rechten Spektrum befürchtet man insbesondere Zerfallserscheinungen durch Ethnisierung - die "Tribalisierung", "Balkanisierung" oder auch "Babylonisierung" der kanadischen Gesellschaft; den Aufbau sozialer Mauern durch eine zu starke Identifikation mit den ethnischen Eigengruppen; die Aushöhlung der westlich-europäisch geprägten Kultur durch Wertrelativismus.[10]

Die kurz skizzierte Diskussion um den Multikulturalismus ist gleichzeitig eine Warnung davor, die kanadische Situation zu idealisieren: Philosophie und Realität des Multikulturalismus decken sich nicht immer. In diesem Zusammenhang ist auch erwähnenswert, dass die multikulturelle Staatsideologie die bei Teilen der kanadischen Bevölkerung herrschende rassistische Einstellung nicht beeinflussen konnte[11] und gerade in jüngster Zeit die Warnungen vor zu vielen Einwanderern lauter geworden sind.[12]

Die kritischen Einwände und die Hinweise auf Probleme haben allerdings das allgemeine Selbstverständnis Kanadas als multikulturelle Gesellschaft nicht ernsthaft erschüttern können. Unter den politischen Eliten außerhalb Québecs und jenseits der "Ersten Nationen" werden die Prinzipien des Multikulturalismus parteiübergreifend anerkannt - nicht zuletzt um "ethnische Wähler" nicht zu verprellen. Wer in Kanada eine Kampagne "Kinder statt Inder" unterstützen oder Zuwanderer in solche, "die uns nützen", und solche, "die uns ausnützen", unterteilen würde, wäre umgehend von der politischen Bildfläche verschwunden. Die politischen Eliten spiegeln dabei durchaus die Grundstimmung in der Bevölkerung wider. In den Repräsentativumfragen der neunziger Jahre wird der Multikulturalismus von einer stabilen Mehrheit von 60 bis 70 Prozent der Kanadier unterstützt.[13] So stimmten z.B. 1999 74 Prozent der Kanadier der Aussage zu, "unser multikulturelles und multirassisches Make-Up" sei ein "wichtiger Teil dessen, was uns zu Kanadiern macht". Nur ein geringer Teil der Bevölkerung lehnt den Multikulturalismus explizit ab.[14]


Fußnoten

7.
Vgl. J. S. Frideres (Anm. 3), S. 290.
8.
Vgl. B. Singh Bolaria/Peter S. Li, Racial Oppression in Canada, Toronto 19882; A. Fleras/J. L. Kunz (Anm. 5), S. 23.
9.
Z. B. Ayn Rand Institute, Multiculturalism and diversity - The new racism, 2000 - zu finden unter: http://multiculturalism.aynrand. org.
10.
Einflussreich waren die Bücher von Reginald W. Bibby, Mosaic Madness, Toronto 1990 und Neil Bissoondath, Selling Illusions. The Cult of Multiculturalism, Toronto 1994; vgl. auch Gilles Paquet, Political Philosophy of Multiculturalism, in: J. W. Berry/J.A. Laponce (Anm. 5), S. 60 - 80; Gina Mallet, Has diversity gone too far?, in: The Globe and Mail vom 15. März 1997; Kenneth McRoberts, Misconceiving Canada. The struggle for national unity, Toronto 1997.
11.
Vgl. dazu Frances Henry u.a., The Colour of Democracy. Racism in Canadian Society, Toronto 20002.
12.
Z.B. Mary Janigan, Immigrants. How many is too many? in: MCLEAN'S vom 16. Dez. 2002, S. 20 - 27; vgl. auch Heribert Adam, Wohlfahrtsstaat, Einwanderungspolitik und Minderheiten in Kanada: Modell für Deutschland und Europa?, in: Andreas Treichler (Hrsg.), Wohlfahrtsstaat, Einwanderung und ethnische Minderheiten, Wiesbaden 2002, S. 343.
13.
A. Fleras/J. L. Kunz (Anm. 5), S. 22.
14.
Vgl. MCLEAN'S vom 12. Dezember 1999, S. 49.