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17.6.2003 | Von:
Ralph Ghadban

Reaktionen auf muslimische Zuwanderung in Europa

III. Frankreich

Wie in Großbritannien war auch in Frankreich der Bedarf an Arbeitskräften nach dem Zweiten Weltkrieg sehr groß, und mit der Gründung des "Office national de l'immigration" (ONI) am 2. November 1945 wurde sofort eine offene Immigrationspolitik gestartet. Sie sollte nicht nur den Bedarf an Arbeitskräften decken, sondern auch die chronische demographische Schwäche des Landes kompensieren.[16] Das einsetzende ökonomische Wachstum in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre verleitete die Wirtschaft dazu, das System zu unterlaufen und illegale Arbeitskräfte, die " clandestins", die unter Tarif schwarz arbeiteten, in großem Stil zu rekrutieren. Der Anteil der Illegalen an der Gesamtzahl der Einwanderer erreichte im Jahre 1960 53 Prozent und stieg in den folgenden Jahren weiter: 1964 auf 69 Prozent, 1967 auf 79, 1968 auf 82, 1973 auf 90 Prozent. Die illegale Einwanderung wurde zur Regeleinwanderung. Schlecht bezahlt und ohne staatliche Fürsorge gruppierten sich diese Immigranten in den Armenvierteln, bekannt als "bidonvilles", die als Vororte der Großstädte ein ständiger Herd für soziale Unruhen wurden und wegen des hohen Anteils der Muslime das Gesicht des Islam in Frankreich prägen.

1. Staat und Religion

Im laizistischen Frankreich gilt eine strikte Trennung zwischen Staat und Religion.[17] Deshalb erkennt der Staat keine Religion an. Die Beziehung zur Kirche regelt ein Gesetz von 1905. Die Religionen werden durch eigene Organisationen vertreten: Die Bischofskonferenz Frankreichs, die Protestantische Föderation, das Interepiskopale Orthodoxe Komitee, der Repräsentativrat der jüdischen Institutionen und die Buddhistische Union und der zuletzt gebildete Rat der Islamischen Religion,[18] der sich noch bewähren muss. Alle Religionen sind unabhängig von der Anzahl ihrer Mitglieder einander gleichgestellt.

Artikel 4 des Gesetzes von 1905 regelt die Organisation der Religion. Der Gottesdienst wird nach den Kultregeln der betreffenden Religion abgehalten, der Staat darf sich nicht einmischen. Die nach diesem Gesetz zugelassenen Organisationen bekommen keinerlei staatliche Unterstützung, sie dürfen aber Schenkungen und Spenden annehmen, die steuerlich absetzbar sind.

2. Muslime und Staat

Die Maßnahmen des ONI galten hauptsächlich für europäische Migranten, deren Zahl von 1947 bis 1970 circa 2 700 000 betrug. Die Bewohner der Kolonien hatten einen erleichterten Zugang zum Mutterland, die Algerier, bis 1962 französische Bürger, konnten sogar nur mit ihrem Ausweis nach Frankreich reisen. Sie bildeten die Hauptgruppe der 130 000 Nordafrikaner, die sich im Jahre 1950 in Frankreich aufhielten.[19] Andere kleine muslimische Gruppen kamen aus den französischen Kolonien in Schwarzafrika, vor allem aus Mali, Mauretanien und dem Senegal.

Anfang der sechziger Jahre versuchte die Regierung, die Migration aus den ehemaligen Kolonien unter die Kontrolle des ONI zu stellen. So wurden bilaterale Abkommen mit diesen Staaten abgeschlossen: im Jahre 1963 mit Tunesien, Marokko, Mali, Mauretanien und im Jahre 1964 mit Algerien und dem Senegal. Wegen der steigenden Anzahl illegaler Einreisen blieben sie jedoch ohne große Auswirkung. 1964 waren schon 510000 Algerier, 77000 Marokkaner und 46000 Tunesier eingewandert. Mit der Verschlechterung der sozialen Situation der Migrantinnen und Migranten ging eine Zunahme des Rassismus einher, der 1973 einen neuen Höhepunkt erreichte, als bei Rassenunruhen 32algerische Migranten umkamen.

Erst im Jahre 1974 nahm eine neue Migrationspolitik Gestalt an: Die Einwanderung wurde gestoppt, den illegal in Frankreich Lebenden der "Krieg" erklärt und ein Langzeitprogramm für Einbürgerung und Assimilierung angekündigt. Damit wurde versucht, die muslimische Einwanderung aus Afrika zu unterbinden. Der Versuch, den Familiennachzug zu stoppen, scheiterte am Staatsrat, dem Conseil d'état (Beschluss vom Dezember 1978). Die Rückkehrprogramme der siebziger Jahre blieben ohne Erfolg.

Eine Konstante in der Migrationspolitik bildet die erleichterte Einbürgerung. Anders als in Großbritannien, in dem für die Staatsbürgerschaft eine Integration nicht unbedingt erforderlich ist, stellt die "citoyenneté" in Frankreich den Eckstein der Assimilation dar. Sie verkörpert die Ideale des universalistischen Republikanismus.[20] Ungeachtet eines teilweise mörderischen Rassismus war eine Identifikation mit dem Gastland weit verbreitet. Die Muslime in Frankreich kämpften gegen die Benachteiligung und nicht gegen den dekadenten Westen, wie es in Großbritannien der Fall war. In den achtziger Jahren änderte sich die Lage.

3. Muslime und Gesellschaft

Im Jahre 1981 wurde das Gesetz von 1901, das die Bildung von Vereinen regelt, geändert. Die staatliche Zustimmung zur Gründung ausländischer Vereine wurde aufgehoben, die islamischen Organisationen schossen wie Pilze aus dem Boden. Das Gesetz von 1901 sieht die Finanzierung der sozialen und kulturellen Tätigkeiten dieser Organisationen vor. Auch ihre religiösen Aktivitäten werden finanziert, weil in Frankreich Religion unter dem Begriff Kultur subsumiert wird. Mit dem Gesetz von 1987 konnten diese Organisationen zusätzlich Schenkungen und Spenden erhalten. Damit war die finanzielle Grundlage für die Entwicklung des organisierten Islam gesichert.

Das Assoziationsgesetz von 1981, das die stärkere Präsentation des Islam in der Öffentlichkeit erlaubte, kam zu einer Zeit, in der die Integration der Muslime weit fortgeschritten war. Untersuchungen Anfang der achtziger Jahre zeigten, dass die Integration der Muslime in der zweiten Generation weitgehend realisiert war. In einer dieser Studien erklärten alle Väter, dass sie Muslime waren, ein Viertel der Kinder betrachtete sich demgegenüber nicht als Muslime. Die Hälfte der Eltern erfüllte ihre täglichen religiösen Pflichten; von den Kindern nur drei Prozent. Von diesen lasen auch nur 13 Prozent regelmäßig den Koran, von den Eltern 45 Prozent. Drei Viertel der Kinder begehen die offiziellen Feiertage, weniger als die Hälfte fastete. Eine weitere Studie von 1983 zeigte, dass nur zehn Prozent der erwachsenen Männer dem Freitagsgebet in der Moschee beiwohnten.[21]

Wegen ihrer anhaltenden Benachteiligung, verursacht durch ihre geringere Bildung und die hohe Arbeitslosigkeit, fand die zweite Generation der muslimischen Einwanderer in Organisationen, die von Islamisten dominiert sind, einen Halt. Die Jugendlichen begannen eine islamische Identität zu entwickeln, die sich infolge der starken Politisierung im Zuge der Kopftuchaffäre 1989 endgültig durchsetzte. Trotz der heftigen Reaktionen auf ihr Eindringen in den öffentlichen Raum sahen die französischen Muslime, abgesehen von den Islamisten, keinen Widerspruch zwischen der Ausübung ihrer Religion und dem laizistischen Staat.[22] Sie profitierten außerdem von der Dezentralisierung, die Anfang der achtziger Jahre stattfand und verhandelten ihre Forderungen in den Kommunen - mit spürbaren positiven Ergebnissen. In den neunziger Jahren war der Islam im öffentlichen Raum weitgehend akzeptiert.


Fußnoten

16.
Vgl. B. Granotier (Anm. 2), S. 48ff.; St. Castles (Anm. 4), S. 52ff.
17.
Vgl. Séverine Labat, Islam et lacïcité en France, in: M.Arkoun/R. Leveau (Anm.12), S. 89ff.
18.
Der Rat wurde am 12. und 13. April 2003 gewählt.
19.
Vgl. Mekki Bentahar, Les arabes en France, Rabat 1979, S. 6.
20.
Vgl. James Cohen, Intégration: théories, politiques et logiques d'État, in: Philippe Dewitte (Hrsg.), Immigration et intégration. L'état du savoir, Paris 1999, S. 32 - 41.
21.
Vgl. Jörgen Nielsen, Muslims in Western Europe, Edinburgh 1995, S. 20.
22.
Vgl. Jocelyne Cesari/Sakina Bargach/Damian Moore, L'islamisation de l'espace public fran"cais. Vers la fin du conflit?, in: Cahiers (Anm. 15), S. 33.