30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

2.6.2003 | Von:

Medien und öffentliche Meinung im Irakkrieg

III. Medien und öffentliche Meinung

Die Außen- und Sicherheitspolitik ist das Politikfeld, in dem Bürger am wenigsten auf eigene Erfahrungen zurückgreifen können, wenn es um die Bewertung politischer Maßnahmen geht. Das bedeutet, dass Einstellungen hier am intensivsten durch Propaganda bzw. Außenpolitik-PR geformt werden können.[34] Dies gilt auch für die Zustimmung zum Einsatz militärischer Mittel. Im Gegensatz zu der allgemeinen Zurückhaltung der Amerikaner gegenüber militärischen Interventionen in den neunziger Jahren[35] kommt zum Irak ein anderes Einstellungsmuster zum Tragen. Seit dem Herbst 2001 ist die amerikanische Öffentlichkeit darauf vorbereitet, dass der "Krieg gegen den Terror" mehrere Phasen haben und dass es eine Fortführung der Kampagne nach dem Ende des Afghanistan-Konfliktes geben würde. Zugleich ist der Irak seit Anfang der neunziger Jahre ein wichtiges Thema auf der außenpolitischen Agenda.[36] Das bedeutete für die Medienstrategen der Regierung, dass sie auf die Kanalisierung von bereits latent bestehenden Einstellungen und Meinungen setzen konnten.

Im europäisch-amerikanischen Vergleich unterscheidet sich das Agenda-Setting durch Medien in Bezug auf den Irak bereits seit Beginn der neunziger Jahre: Eine vergleichende Analyse der Berichterstattung in den nationalen Tageszeitungen Le Monde, FAZ, Washington Post und Times/London über eine tatsächliche Bedrohung durch den Irak zeigt deutlich, wie unterschiedlich die Medienaufmerksamkeit in Europa und in den USA im Hinblick auf dieses Problem ausgeprägt war (vgl. Abb. 1). Das gilt für den Anfang der neunziger Jahre, also die Phase um den zweiten Golfkrieg, ebenso wie für das Jahr 1998 - Zeitpunkt des Abzugs der UN-Inspekteure - und die Jahre 2001 und 2002. Sichtbar wird zugleich, dass die britische Berichterstattung, die sich im Jahr 1998 beim Abzug der UN-Inspekteure noch eher auf einem europäischen Mittel bewegt, im Jahr 2002 auf das amerikanische Niveau ansteigt.

Das amerikanischen Rating der gewünschten Prioritäten der US-Außenpolitik ist dementsprechend während der neunziger Jahre relativ stabil geblieben: Mit jeweils 60 Prozent im März 1999 und im Januar 2003 hat der Regimewechsel im Irak - nach der Terrorismusbekämpfung - zweithöchste Priorität und weist damit eine erstaunliche Kontinuität auf.[37] Auch in Europa wird ein Vorgehen gegen das Saddam-Regime als zentrale außenpolitische Herausforderung bezeichnet: Die Einstellungen gegenüber dem Irak sind ähnlich negativ ausgeprägt wie in den USA; sogar in Frankreich, das als traditionell Irak-freundlich gilt, erreicht das Land nur 33 von 100 Punkten.[38] Anders sieht das Meinungsbild jedoch aus, wenn eine militärische Lösung des Problems in Frage steht: Bereits im Sommer 2002 sprachen sich doppelt so viele Europäer (26 Prozent) wie Amerikaner (13 Prozent) gegen eine US-Invasion im Irak aus.[39] Dieses Einstellungsmuster hat sich durch die zweite Hälfte des Jahres 2002 stabilisiert und wurde im Zuge der diplomatischen Auseinandersetzungen und der Bildung von weltweiten Antikriegsbewegungen noch vertieft.

Das zentrale Moment des Auseinanderfallens der Einstellungen liegt in den Bedrohungswahrnehmungen. Hier lässt sich also auch ein in jüngster Zeit viel diskutierter Zusammenhang der Medienberichterstattung mit der Erzeugung von Angst vermuten.[40] Denn die krassen Diskrepanzen bestehen zwischen Europa und Amerika weniger in der Einschätzung eines Problems als außenpolitische Priorität denn im Grad der Ausprägung von Bedrohungsgefühlen: Die US-Bürger fühlen sich grundsätzlich bis zu doppelt so sehr durch ein Phänomen der internationalen Umwelt bedroht wie die Europäer - dies gilt nicht allein für Terrorismus (kann also nicht nur auf einen "11/9-Effekt" zurückgeführt werden), sondern beispielsweise auch für die Einschätzung der Rolle Chinas.[41] An erster Stelle der Bedrohungen stehen zwar auf beiden Seiten des Atlantiks der Terrorismus und an zweiter Stelle die Herstellung von Massenvernichtungswaffen im Irak. Aber nur 64 Prozent der Europäer empfinden den Terrorismus als tatsächliche ernste Gefahr, gegenüber 91 Prozent der Amerikaner. Ähnliches gilt für die irakischen Massenvernichtungswaffen als internationales Problem, in dem 86 Prozent der Amerikaner eine kritische Bedrohung vitaler Interessen ihres Landes sehen, aber nur 57 Prozent der Europäer.[42]

Vor dem Hintergrund dieses Befundes kann die relative Zurückhaltung, welche die amerikanische öffentliche Meinung bis zuletzt gegenüber dem unilateralen militärischen Eingreifen im Irak beibehalten hat, gar nicht hoch genug bewertet werden:[43] Möglicherweise haben gerade der weitgehende Ausfall des Kongresses als Bühne zur Präsentation von Evidenzen über die Situation im Irak und die bis zuletzt skeptische Haltung einiger Medien dazu beigetragen, dass die Öffentlichkeit den diffusen Begründungsmustern für ein Eingreifen nicht gefolgt ist (vgl. Abb. 2). Deutlich festzustellen war in diesem Zusammenhang beispielsweise ein rapider Glaubwürdigkeitsverlust des Präsidenten: Noch am 2. Februar 2003 sprachen nur 24 Prozent der Amerikaner dem Präsidenten das Vertrauen aus, in Bezug auf den Irak eine gute Politik zu verfolgen, im Gegensatz zu 63 Prozent gegenüber Colin Powell.[44] Die Zustimmung zu einem militärischen Eingreifen blieb daher noch Anfang 2003 mit jenen Forderungen verknüpft, die Powell gegen seine Kontrahenten in der Administration ins Feld führt: die Bemühung um die Bildung einer internationalen Allianz sowie die Involvierung der UN. Powells UN-Auftritt in der Folge der State of the Union-Rede des Präsidenten stellte freilich einen Wendepunkt dar: Anfang Februar war erstmals - zumindest zeitweise - eine Mehrheit der Amerikaner davon überzeugt, dass ein Krieg allein geführt werden kann, wenn nötig auch ohne eine Entscheidung der UNO.[45]

Wahrscheinlich haben aber auch die diplomatischen Verwerfungen zwischen den Mitgliedern des Sicherheitsrates, die in den Medien ein erhebliches Echo, vor allem in den anti-französischen Kampagnen, fanden, dazu beigetragen, dass sich gegen Ende Februar das Fenster für die unilaterale Initiative öffnete:[46] Als Bush schließlich am 17. März sein endgültiges Ultimatum stellte, sahen 72 Prozent der Amerikaner die Möglichkeiten erschöpft, eine größere Allianz zu bilden, 66 Prozent unterstützten nun das Vorgehen ohne UNO-Mandat.[47] Bush nutzte in dieser Rede die Tatsache, dass 86 Prozent der Amerikaner eine Invasion befürworten würden, wenn eine Beziehung des Baath-Regimes zum Al-Qaida-Netzwerk nachgewiesen werden könnte. Er behauptete nun - ohne einen weiteren Nachweis zu führen - eine solche Unterstützung Al Qaidas und suggerierte damit, eine unmittelbare Bedrohung der amerikanischen Sicherheit sei erfolgt.[48]

Ab dem 20. März machte sich das Phänomen der kognitiven Dissonanz in der amerikanischen Bevölkerung bemerkbar: Obwohl auch im Konfliktverlauf kein Nachweis des Besitzes von Massenvernichtungswaffen erbracht wurde und keine Verbindung Saddam-Al Qaida nachgewiesen werden konnte, blieben die Amerikaner bei ihrer Zustimmung zum Krieg. Sie suchten nach Informationen, die diese Einstellung stützten. Nach der "Kriegserklärung" änderte sich im Zuge des Rally-Round-the-Flag-Effekts die Meinung zum Krieg: Am 24. März unterstützten 38 Prozent der Amerikaner den Krieg auch dann, wenn überhaupt keine Massenvernichtungswaffen gefunden werden sollten.[49]

Die Mediennutzung war zu Konfliktbeginn mit 63 Prozent hoch, blieb aber hinter dem Interesse am zweiten Golfkrieg (70 Prozent) und an den Terroranschlägen 2001 (77 Prozent) zurück.[50] Der Meinungsreflex auf die Berichterstattung der "eingebetteten" Journalisten ist dennoch sehr ausgeprägt: Während der ersten drei Kriegstage bewerteten bis zu 71 Prozent der Amerikaner den Konfliktverlauf positiv, acht Tage später, am 30. März, stand dieser Wert bereits auf einem Tiefststand von 31 Prozent, die Berichterstattung hatte deutlich emotionalisierende Wirkung.[51] Ein Zusammenhang der Mediennutzung mit der Zustimmung zur Intervention ist daher stark ausgebildet, wobei allerdings beachtet werden muss, dass die Medienkonsumenten zwar a priori eine positivere Einstellung zur Intervention aufweisen als Uninformierte, gleichzeitig aber auf das Senden "schlechter Nachrichten" mit einem negativen Reflex auf die Medien selbst reagieren. Die neue "intime" Berichterstattung vom Kriegsschauplatz erfährt daher am Ende eine insgesamt negativere Bewertung als jene der "virtuellen Luftbilder" im Golfkrieg 1991.[52]


Fußnoten

34.
Vgl. für die Wirkung von Medien auf die außenpolitischen Einstellungen: Stuart N. Soroka, Media, Public Opinion, and Foreign Policy, Paper Presented at the 2001 Annual Meeting of the American Political Science Association, August 30 - September 2 2001, San Francisco.
35.
Vgl. Bruce W. Jentleson/Rebecca L. Britton, Still Pretty Prudent: Post-Cold War American Opinion and the Use of Military Force, in: Journal of Conflict Resolution, 42 (1998) 4, S. 395 - 417.
36.
Vgl. Chicago Council on Foreign Relations (CCFR), American Public Opinion and US-Foreign Policy, 1991, 1995, 1999; CCFR, Worldviews 2002. Comparative Report, Chicago 2002 (http://www.worldviews.org/detailreports/compreport/).
37.
Vgl. Pew Research Center, Public Wants Proof of Iraqi Weapons Program, 16. Januar 2003 (http://people-press.org/reports/print.php3?ReportID=170).
38.
Vgl. CCFR, Worldviews 2002 (Anm. 36).
39.
Vgl. ebd.
40.
Vgl. David Altheide, Creating Fear, News and the Construction of Crisis, New York 2002.
41.
Im Worldviews-Bericht lässt sich dies nur für das Problem der globalen Erwärmung und den internationalen ökonomischen Wettbewerb nicht sagen.
42.
Vgl. CCFR, Worldviews (Anm. 36).
43.
Vgl. Jeffrey M. Jones, Americans Distrust Iraq but Favor Giving U.N. Inspectors More Time, Gallup Poll Analyses, 27. 1. 2003 (http://www.gallup.com/poll/releases/pr030127.asp?Version=p).
44.
Vgl. David W. Moore, Powell's U. N. Appearance Important to Public. Secretary of State Enjoys More Credibility on Iraq than Bush, Gallup Poll Analyses, 4. 2. 2003 (http://www.gallup.com/poll/releases/pr030204.asp?Version=p).
45.
Vgl. Jeffrey M. Jones, Public Support for Iraq Invasion Inches Upward. Slim Majority Says It Would Favor Invasion Even If United Nations Rejects a New Resolution on Iraq, Gallup Poll Analyses, 17. 3. 2003 (http://www.gallup.com/poll/releases/pr030317.asp?Version=p).
46.
Die Blockadehaltung Frankreichs wird im März von 54 Prozent der Amerikaner als "unvernünftig" angesehen, für ein früheres vergleichendes Länderrating vgl. Lydia Saad, Great Britain: An Ally Apart from the Rest, Gallup Poll Analyses, 31. 1. 2003 (http://www.gallup.com/poll/releases/pr030131.asp?Version=p).
47.
Vgl. Washington Post - ABC News Poll: Bush's Speech, 18. 3. 2003 (http://www.washingtonpost.com/wp-srv/politics/polls/vault/stories/data031803.htm).
48.
Vgl. (http://www.whitehouse.gov/news/releases/2003/03/20030317 - 7.html).
49.
Vgl. Frank Newport, Seventy-Two Percent of Americans Support War Against Iraq, Gallup Poll Analyses, 24. 3. 2003 (http://www.gallup.com/poll/releases/pr030324.asp?Version=p).
50.
Vgl. ebd.; einen besonderen Aufschwung erfährt die Internetnutzung (11 Prozent) v. a. der Live-Videostreams, die von Fernsehsendern, aber auch anderen Providern angeboten werden. Grundsätzlich bestätigt sich aber der Trend zu den Kabelsendern (50 Prozent), die ihren Vorsprung zu den nationalen Networks (23 Prozent) ausbauen.
51.
Vgl. Pew Research Center, Bush's Ratings Rose Last Night, 10. 4. 2003, Washington, S. 2.
52.
Vgl. Frank Newport/Joseph Carroll, Americans Grow Less Positive About Media's Coverage of War, Gallup Poll Analyses, 2. 4. 2003 (http://www.gallup.com/poll/releases/pr030402.asp?Version=p).