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Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Souad Mekhennet

Die Geschichten der Anderen - Essay

Für mich war es als Kind und Jugendliche eine merkwürdige Erfahrung, wenn ich in meinen Frankfurter Schulen gefragt wurde: Warum trägst du als Muslima denn kein Kopftuch? Bist du denn überhaupt eine richtige Muslima? Wirst du mit deinem Cousin verheiratet? Hat dein Vater je gedroht, dich zu verstoßen? Mit solchen Fragen werde ich teilweise bis heute konfrontiert. Manchmal blickte ich in staunende Gesichter, wenn ich auf die Frage, wann mein Vater mich verstoßen würde, antwortete: "An dem Tag, an dem ich nicht mehr die Eintracht Frankfurt unterstützen würde." Eine Zeitlang versuchte ich es mit Erklärungen wie: Wir sind Muslime, ich war in einem christlichen Kindergarten, habe die Maria im Krippenspiel gespielt und bin von der arabischen, türkischen, deutschen und der hessischen Kultur geprägt. Die Helden meiner Kindheit sind aus der "Sesamstraße", das Sandmännchen und "Meister Eder und sein Pumuckl".

Als ich dann später den Beruf der Journalistin wählte und mich hauptsächlich als "Reporterin" identifizieren wollte, wurde mir die Abstammung meiner Eltern häufig als Nachteil ausgelegt: Nein, den Job als Radiokorrespondentin in Marokko könne ich nicht bekommen, weil, so sagte mir der leitende Redakteur, man keine Korrespondenten in ein Land schicken würde, in dem sie ethnische Wurzeln haben. Die Neutralität sei dann nicht gewährleistet. Ich konnte dieses Argument nicht nachvollziehen und wandte ein, dann müsste er alle Kolleginnen und Kollegen mit deutschen Wurzeln sofort von der Berichterstattung über deutsche Politik befreien.

Rückschläge wie diese kennt jeder, der nicht in unsere üblichen Wahrnehmungsschemata von "Identität" passt. Doch so wie es Menschen gab, die ausgrenzen, gab es auch jene, die mir die Hand reichten und mich ermutigten, nicht aufzugeben. Viele von ihnen sitzen heute hier im Publikum. Es war ihre Unterstützung, die mir den Mut und die Kraft gab, nicht selbst in identitären Kategorien zu denken, die Welt nicht in Schwarz und Weiß einzuteilen und nicht in die Fänge der selbstgerechten Unfreiheit zu geraten.

Als Kind hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich eines Tages hier in der Paulskirche als Preisträgerin stehen würde. Der Ludwig-Börne-Preis schien für die Tochter einer aus der Türkei stammenden Wäscherei-Angestellten und eines aus Marokko eingewanderten Kochs so weit entfernt wie die Möglichkeit, eines Tages für die "Washington Post" zu arbeiten. Mit meinen Texten versuche ich, Brücken zu bauen: Brücken zwischen denen, die sich ausschließende Vorstellungen davon haben, wer und was zu ihrer Kultur gehört und was nicht, Brücken auch zwischen denen, die zu Recht für eine offene Gesellschaft kämpfen, und denjenigen, die sich davon – zu Recht oder Unrecht – bedroht fühlen.

Einige, die vor mir hier standen, waren für meinen Werdegang richtungsweisend – zum Beispiel Marcel Reich-Ranicki, der Ludwig Börne als "toleranten Fanatiker" porträtiert hat. Seine Liebe zur Literatur und sein unerschütterlicher Lebenswille haben mich zutiefst beeindruckt. Ich werde nie vergessen, wie er das Warschauer Ghetto beschrieb, das er überlebt hatte.

Als der Antisemitismus, unter dem schon Juda Löb Baruch zu leiden hatte, im unvorstellbaren Verbrechen des Holocaust gipfelte und Deutsche im Namen der nationalsozialistischen Rassenideologie millionenfach Juden ermordeten, waren es auch Muslime, die Menschenleben retteten. Der Islam, so meinen heute viele zu wissen, habe die Aufklärung nicht erlebt, und daher seien Muslime irgendwie noch nicht so weit entwickelt wie der Rest der Welt. Doch wo war die Aufklärung, als in Europa Juden, Sinti, Roma, Sozialisten, Behinderte und Homosexuelle in Arbeits- und Vernichtungslager deportiert wurden? Auch ohne die europäische Aufklärung gab es in der NS-Zeit Muslime, die wussten, Richtig von Falsch zu unterscheiden: Si Kaddour Benghabrit zum Beispiel, der damals Imam der Großen Moschee von Paris war. Er versteckte Juden auf dem Gelände seiner Moschee, stellte Dokumente für sie aus, mit denen sie sich als Muslime ausgaben, so dass sie nicht verhaftet und deportiert wurden.