Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Mathias Berek
Kirsten Heinsohn

Vom Erfolg ins Abseits? Jüdische Geschichte als Geschichte der "Anderen"

Eigene Meistererzählungen statt falscher Fragen

Kirsten Heinsohn

Folgende Fragen sind uns gestellt worden: Wie können wir Geschichtswissenschaft betreiben, ohne historische Ausgrenzungsprozesse erneut zu vollziehen? Wie können wir Geschichte erforschen und schreiben, die das "Allgemeine", Mächtige und Erfolgreiche ebenso umfasst wie das "Andere", Unterdrückte, Gescheiterte?

Ich werde im Folgenden zu diesen Fragen aus meiner Perspektive Stellung nehmen, also als Wissenschaftlerin, die sich mit Frauen- und Geschlechtergeschichte, deutschjüdischer Geschichte und deutscher Zeitgeschichte beschäftigt.

Beginnen möchte ich mit Erklärungen zu meinem Unbehagen über die Fragestellung, denn diese erscheint mir als etwas "schief" bzw. als begrenzend für unsere Erkenntnisabsichten – warum?

Zunächst: Die Perspektive "auf die Anderen" ist eine relationale und veränderliche Perspektive und zwar eine, die auf einer Dualität oder Polarität aufbaut; das gilt für die jüdische Geschichte ebenso wie für die Frauen- und Geschlechterforschung: Wenn ich die Geschlechterordnung einer Gesellschaft als Ausdruck der sozialen und kulturellen Machtverhältnisse untersuche, ist in westlichen, modernen Gesellschaften die weibliche Seite in der Regel "das Andere", das Unterdrückte. Wenn ich den Umgang mit der jüdischen Minderheit erforsche, sind jüdische Gemeinschaften per se als das Andere, das Abweichende definiert. Untersuche ich jedoch z.B. Frauenemanzipationsbewegungen, so stoße ich ebenso schnell auf "Andere", die alle als Frauen agieren, aber sehr unterschiedliche Interessen haben beziehungsweise aus differierenden Lebenskontexten heraus agieren: bürgerliche und sozialistische Frauen, weiße Mittelschichtsfrauen und afro-amerikanische Aktivistinnen oder europäische und afrikanische Intellektuelle. Hier werden also die unterschiedlichen Lebens- und Erfahrungsräume von Menschen, die sich alle gemeinsam für die Frauenemanzipation einsetzen, zu einer Differenz innerhalb der Gruppe von "Anderen". Das führt uns unweigerlich zur nächsten Frage: Wer sind also aus dieser Perspektive die "Anderen"?

Das komplexe Verhältnis von ineinander verwobenen Klassifikationen, das innerhalb von Gruppen von "Anderen" sichtbar wird, reflektieren wir ja schon seit einiger Zeit unter dem Stichwort "Intersektionalität" theoretisch und soziologisch – es bleibt aber dennoch für mich die Frage übrig: Wer ist der/die/das Andere, woraus ergibt sich diese Perspektive und was wollen wir eigentlich mit dieser Sichtweise erreichen? In der Frage nach dem Anderen steckt bereits die Vorannahme, dass es das "Eine", das Eigentliche, Wichtige und Richtige gibt, demgegenüber das "Andere" abweicht. Ich behaupte, dass wir die Frage nach "dem Anderen" selbst als eine epistemologische Einschränkung verstehen sollten, die unsere Erkenntnismöglichkeiten eben beschränkt, jedenfalls nicht erweitert. Wenn ich beispielsweise zur Geschichte jüdischer Frauenorganisationen forsche, macht es da Sinn über "Andersheit" nachzudenken? Doch wohl nur, wenn diese Zuschreibung von Anders-Sein untersucht werden soll, also die Außensicht auf die Frauengruppen. Aus einer inneren Sicht, aus der je eigenen Perspektive der Gruppen, sind es die nichtjüdischen Frauenvereine, die die Anderen sind – jedenfalls wenn es um religiöse Differenz geht, nicht dagegen, wenn es um den gemeinsamen Kampf gegen Prostitution oder für Frauengesundheit geht. Die Frage nach dem "Anderen" ist daher nach meiner Ansicht vor allem eine Untersuchungsperspektive, um die Konstruktion von Abgrenzungen, von Identifikationsprozessen, zu verstehen, auch um Handlungsräume verstehen zu können.

Dann: woran wollen wir messen, ob eine bestimmte Perspektive erfolgreich durchgesetzt worden ist? An der Anzahl der Lehrstühle oder dem Umfang von Handbüchern dazu? Wann wird aus dem "Anderen" das "Eigentliche", woran erkennen wir einen solchen Umschwung? Gehen wir davon aus, dass es in der westlichen modernen Kultur eine tiefe Verankerung des dualen Denkens gibt, dann werden wir niemals innerhalb dieses Rahmens eine Veränderung der Dichotomie zwischen dem "Eigentlichen" (= männliches Prinzip) und dem "Anderen" (= weibliches Prinzip) erreichen können; wir erleben es ja selbst, dass eine Feminisierung von Lebensbereichen immer zugleich eine gesellschaftliche Abwertung dieses Bereiches mit sich bringt. Ich bin daher sehr skeptisch, ob eine Veränderung dieser tiefgehenden kulturellen Prägung möglich ist.

Wohin also soll uns die Frage führen? Zu einem guten geschichtswissenschaftlichen Wissen darüber, alles richtig zu machen, niemanden zu benachteiligen? Das ist eine Illusion, der wir nicht nachhängen sollten!

Was wir stattdessen tun könn(t)en: Ich möchte dafür plädieren, die Nicht-Einheitlichkeit der Geschichte anzuerkennen und auch auszuhalten. Die Begrenztheit unserer Perspektiven und die relative Wahrheit der Aussagemöglichkeiten sind vorhanden und sollten auch so akzeptiert werden. Ich denke, wir haben drei Möglichkeiten, die Kritik an den vorhandenen Meister-Erzählungen produktiv umzusetzen.

Erstens: Wir verzichten bewusst auf solche Meister-Erzählungen, wie sie etwa von der deutsch-jüdischen Symbiose oder auch einer zionistischen Perspektive ausgehen, und arbeiten stattdessen bewusst epistemologisch mit der Multiperspektivität und der Nicht-Einheit der Geschichte. Das würde implizieren, unsere eigenen Erwartungen und Relevanzhierarchien an die Geschichtswissenschaft zu hinterfragen. Das wäre so etwas wie eine allgemeine Aufgabenstellung an uns alle.

Zweitens: Wir schreiben die Geschichte von Gruppen oder Personen, die ausgegrenzt werden/wurden, nicht nur als Opfer-Geschichten, sondern stellen diese als handelnde historische Subjekte vor. Das impliziert auch, möglichst unterschiedliche Fragen an die Geschichte dieser Gruppen stellen und dabei zu reflektieren, ob und wie die zu untersuchende Gruppe im Untersuchungsprozess erst konstruiert wird. Auf diese Weise können wir symbolische Ordnungen, in denen die Geschichte dieser Gruppen bisher gedacht/entworfen wurden, kritisch rekonstruieren und zugleich die Eigenaussagen der Subjekte für unsere eigene Analyse ernst nehmen. Ein Beispiel für eine solche Aufgabenstellung wäre etwa, die religiöse Zugehörigkeit von Personen ernst zu nehmen, und nicht im Interesse einer Opfergeschichte mit möglichst vielen Prominenten, über Konversionen und Austritte aus religiösen Gruppen hinwegzusehen.

Drittens: Wir schreiben eigene Meister-Erzählungen! Was zuerst wie ein logischer Widerspruch zu meiner eigenen These aussieht, entpuppt sich vielleicht als ein Vehikel für neue, interessante Interpretationen. Eine Meister-Erzählung entsteht in der Regel aus der Auseinandersetzung mit einer recht umfassenden gesellschaftshistorischen Frage, auf die mit der Erzählung ebenso umfassende Antworten gegeben werden. In der deutsch-jüdischen Geschichtsschreibung wurden solche Erzählungen erfolgreich angewendet, zum einen mit Blick auf die Frage nach Assimilation oder Akkulturation, zum anderen unter der Perspektive des Verbürgerlichungsprozesses – in beiden Fällen haben die Forschungen aus der deutsch-jüdischen Geschichte zu einem erweiterten Verständnis "allgemeiner" gesellschaftshistorischer Entwicklungen beigetragen. Aus geschlechterhistorischer Sicht fehlen solche Meister-Erzählungen meines Wissens dagegen immer noch. Die schlichte Feststellung jedoch, wir würden die Geschichte "der Anderen" schreiben, zementiert immer wieder aufs Neue die bekannten Relevanzhierarchien in der Geschichtswissenschaft. Dazu kommt noch ein Weiteres: Wer beschäftigt sich denn heute mit jüdischer Geschichte, mit Frauen- und Geschlechtergeschichte? Soziologisch betrachtet, hat sich die Gruppe der Forschenden verändert und mit diesen Veränderungen verschieben sich auch die Fragestellungen. Ich glaube, dass wir in dieser Hinsicht vor einem Wendepunkt in der deutsch-jüdischen Geschichte stehen könnten, der auch zu anderen Fragen führt.

Jüdische Geschichte ist nach wie vor kein integraler Teil der deutschen Geschichtswissenschaft – daran kann kein Zweifel bestehen. Aber nach meiner Meinung hängt das nicht (nur) von der jüdischen Geschichte ab (vergleichbar ist dies auch bei der Geschlechtergeschichte), sondern vor allem von der Fragestellung. Ich finde, dass die Migrationsstudien, wie sie etwa von Jochen Oltmer und dem Institut in Osnabrück betrieben werden, ein gutes Beispiel dafür sind, wie allgemeine, also deutsche Geschichte, und die Geschichte der Minderheiten integriert werden können. Diese Studien erzählen nicht die eine deutsche Geschichte, sondern eine deutsche Geschichte, in der die "Anderen" den Ausgangspunkt der Erzählung bilden. Die eigene Geschichte der "Anderen" findet ebenso Eingang in das Narrativ wie der Umgang mit den "Anderen" und die umgebenen Systeme, mit denen Migration im weitesten Sinne reguliert werden – dies erscheint mir als ein Beispiel für einen sehr angemessenen Umgang mit unseren Fragen heute.