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2.6.2003 | Von:
Gunter Holzweißig

Der 17. Juni 1953 und die Medien

Die Berichterstattung am 16. und 17. Juni

Die Initialzündung zur Explosion des Pulverfasses lieferten nicht westliche "Agentenzentralen", sondern am 16. Juni ein Zeitungsartikel von Otto Lehmann, dem Sekretär des FDGB-Bundesvorstandes, im Gewerkschaftsorgan "Tribüne". Er stellte unmissverständlich fest, die vom Politbüro und dem Ministerrat am 9. und 11. Juni beschlossenen Normenerhöhungen seien "in vollem Umfang richtig" und zu befolgen.[6] Spontan beschlossen daraufhin die Bauarbeiter im Block 40 der Stalinallee, ihre beiden am Vortag gewählten Delegierten, die Ulbricht oder Ministerpräsident Otto Grotewohl eine Protestresolution überbringen sollten, aus Sicherheitsgründen nicht mehr allein auf den Weg zu schicken. Die Lawine kam ins Rollen.

Hanns-Werner Schwarze, damals Leiter der Nachrichtenabteilung des RIAS, erstattete am 23. Juni einen zusammenfassenden Bericht über die Informationssendungen zum Verlauf des Aufstands.[7] Danach erwähnte der RIAS schon am 15. Juni um 19.30 Uhr kurzfristige Proteststreiks auf den Ost-Berliner Baustellen Krankenhaus Friedrichshain und Stalinallee Block 40. Diese Meldung, die mehrfach bis zum nächsten Morgen wiederholt wurde, übernahmen zunächst weder die Agenturen noch die Zeitungen in West-Berlin, da sie am Wahrheitsgehalt zweifelten. In den Vormittagsstunden des 16. Juni erreichten den Sender telefonische Situationsberichte und Agenturmeldungen, welche die Nachrichtenredaktion ungeachtet der unvollständigen Informationslage um 13.30 Uhr zu dieser Meldung zusammenfasste: "Im sowjetischen Sektor kam es heute zu Demonstrationen der Arbeiter des VEB Industriebau, die gegen die zehnprozentige Normenerhöhung protestierten. Den Demonstranten, die durch die Stalinallee zogen, schlossen sich zahlreiche Berliner an. Bereits gestern war es auf mehreren Baustellen dieses Betriebes zu Proteststreiks gekommen. Das Ausmaß der heutigen Protestaktionen ist zur Stunde noch nicht abzusehen."

Drei Stunden später, um 16.30 Uhr, berichtete der RIAS als erster deutscher Sender eingehend über den Demonstrationszug durch Ost-Berlin und die Vorgänge am Haus der Ministerien. Nach der nächsten ausführlichen Informationsendung um 19.30 Uhr wurde in den folgenden 24 Stunden in jeder Nachrichtensendung eine Meldung über eine von der Chefredaktion redigierte und abgeschwächte Resolution von Ost-Berliner Bauarbeitern gebracht. Diese waren am Nachmittag im Funkhaus erschienen, um ihren Text selbst vor dem Mikrofon zu verlesen und zum Generalstreik aufzurufen. Dies untersagte jedoch telefonisch der Hochkommissar der Vereinigten Staaten in Deutschland, James B. Conant, dem amerikanischen RIAS-Direktor Gordon A. Ewing. An dieses Verbot musste sich auch der West-Berliner DGB-Vorsitzende Ernst Scharnowski in seiner mehrfach über den RIAS verbreiteten Solidaritätserklärung an die Adresse der Demonstranten halten. Deshalb blieb es bei einer indirekten Wiedergabe der Bauarbeiter-Resolution, in der es unter anderem hieß: "Die Arbeiter werden von der Möglichkeit [zu streiken, G. H.] jederzeit wieder Gebrauch machen, wenn die Organe des Staates und der SED nicht unverzüglich folgende Maßnahmen einleiten: erstens, Auszahlung der Löhne nach den alten Normen schon bei der nächsten Lohnzahlung, zweitens, sofortige Senkung der Lebenshaltungskosten, drittens, freie und geheime Wahlen, viertens, keine Maßregelung der Streikenden und ihrer Sprecher." Ab 22 Uhr begann der RIAS auch über widerständiges Verhalten in den DDR-Bezirken zu berichten, was in den anderen westlichen Medien anfangs völlig unterblieb. Die halbstündlichen Nachrichtensendungen des RIAS am 17. Juni waren ausschliesslich den Ereignissen in Ost-Berlin und in der DDR gewidmet. Hinzu kamen Solidaritätsbekundungen bundesdeutscher Politiker und Gewerkschaftler. Abschließend vermerkte Hanns-Werner Schwarze in seinem Tätigkeitsbericht: "Bis zum 20. 6. einschliesslich nahm die Berichterstattung über die Vorgänge und ihr Echo 90 Prozent aller unserer Nachrichtensendungen ein, während andere Rundfunksender schon längst zur 'Tagesordnung' übergegangen waren. Die Sondersendungen, mit deren Hilfe unsere Hörer stündlich, beziehungsweise später alle 90 Minuten über die Geschehnisse informiert wurden, sind erst am Sonntag, dem 21. 6., wieder eingestellt worden."

Das Berliner Studio des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR) und dessen Hamburger Redaktion hielten sich am 16. Juni in ihrer Berichterstattung und Kommentierung noch merklich zurück, denn ein Aufstand gegen das SED-Regime erschien vielen westlichen Beobachtern immer noch unvorstellbar. Man glaubte - wie zunächst auch Bundeskanzler Konrad Adenauer - eher den Spekulationen einiger Nachrichtenagenturen und Zeitungen, wonach die Demonstration am Morgen des 16. Juni von der SED oder den Sowjets inspiriert und gelenkt worden, jedoch außer Kontrolle geraten sein könnte - eine These, die der "Spiegel" noch in seiner Ausgabe vom 22. Juni vertrat.[8] Es ist denkbar, dass Ulbricht den kompromisslosen, streikauslösenden "Tribüne"-Artikel vom 16. Juni selbst in Auftrag gegeben hat, doch falls dies der Fall gewesen sein sollte, geschah es vermutlich zur Disziplinierung seines Opponenten im Politbüro, des Chefredakteurs von "Neues Deutschland" Rudolf Herrnstadt. Der hatte zwei Tage zuvor die Veröffentlichung der Reportage "Es wird Zeit, den Holzhammer beiseite zu legen" im SED-Zentralorgan veranlasst, in der das unsensible Verhalten eines Parteisekretärs gegenüber den Bauarbeitern an der Stalinallee heftig kritisiert worden war.[9] Herrnstadt verlor einen Monat darauf seine Ämter und wurde später aus der SED ausgeschlossen. Vorgeworfen wurden ihm "Fraktionsbildung" mit Staatssicherheitsminister Wilhelm Zaisser, aber auch die ohne seine Mitwirkung am 30. Juni erfolgte Veröffentlichung eines bemerkenswerten ND-Interviews mit Justizminister Max Fechner. Der kurz darauf verhaftete Minister hatte das Streikrecht für verfassungsrechtlich geschützt erklärt und hinzugefügt, Streikende, die keine Verbrechen begangen hätten, würden auch nicht bestraft werden.[10]

In West-Berlin erschienen am Nachmittag des 16. Juni die ersten, teilweise gratis verteilten Extrablätter. Die Schlagzeilen der Tageszeitungen vom 17. Juni lauteten: "Ostberlin in Aufruhr - Demonstrationen bis in die Nacht - Tausendfacher Ruf: Freie Wahlen" ("Telegraph") oder "Ostsektor heute in hellem Aufruhr - Rotarmisten fahren mit Panzern auf - Empörte Arbeiter lynchen SED-Funktionär - Vopo fährt mit Lkw in die Menge" ("Kurier"). Das "Neue Deutschland" konterte am selben Tag mit einem kurzen Bericht über "Provokationen von westberliner Kriegshetzern im demokratischen Sektor Berlins". Dieser Kurzbericht war zwar auf der ersten Seite platziert, befand sich jedoch unter einem langatmigen Artikel über die Parteiaktivtagung vom Vorabend und neben der Erklärung des Politbüros zur Rücknahme der Normenerhöhung. Im ND-Bericht fand sich erstmals die in der DDR-Publizistik anschließend bis zum Überdruss strapazierte Sprachregelung, nach der "Gruppen von aus Westberlin eingeschleusten Provokateuren" "Zwischenfälle" verursacht hätten, "um die angestrebte Verständigung zwischen den Deutschen zu torpedieren". Dabei hätten sich die "Agenten" eines Teils der Berliner Bauarbeiter bedient und sie zu einer Demonstration veranlasst. Am Abend seien dann "große Gruppen faschistischer Jugendlicher aus Westberlin in den demokratischen Sektor" eingedrungen. Sie hätten versucht, Zerstörungen in der Stalinallee anzurichten, wogegen die Bevölkerung gemeinsam mit der Volkspolizei eingeschritten sei. Fazit des ND-Berichts: "Die Auffassung, daß man im demokratischen Sektor ungestraft randalieren kann, erwies sich als irrig."

Da sich die DDR-Hörfunksender über den Gang der Ereignisse zunächst in Schweigen hüllten, war die Bevölkerung vor allem auf die in weiten Teilen des Landes zu empfangenden RIAS-Sendungen angewiesen. Nach amerikanischen Schätzungen sollen damals 70 Prozent der Ostdeutschen RIAS-Hörer gewesen sein.[11] Daneben informierte sich die DDR-Bevölkerung über den NWDR, den deutschsprachigen Dienst der BBC und im Süden der DDR über die Sender des Hessischen sowie des Bayerischen Rundfunks. Das Fernsehen steckte in beiden Teilen Deutschlands noch in den Kinderschuhen und konnte praktisch keinen Einfluss auf das Geschehen nehmen, denn 1953 waren in der DDR lediglich ca. 600 Fernsehgeräte angemeldet, während es in der Bundesrepublik und in West-Berlin ca. 10 000 Geräte gab. Überraschend schnell für die damaligen technischen Möglichkeiten brachte das ARD-Fernsehen am Abend des 17. Juni erstmals einen tagesaktuellen, auf Zuschauerwunsch mehrfach wiederholten selbst produzierten Filmbericht - zuvor hatte man ausschließlich mit Wochenschau-Filmmaterial gearbeitet.[12] Der Aufstand war allerdings zum Zeitpunkt der Ausstrahlung schon niedergeschlagen.

Das DDR-Fernsehen reagierte am 17. Juni überhaupt nicht auf die Tagesereignisse. Der "Aktuellen Kamera" folgte im Abendprogramm der zwölfminütige Film "Erbauer des besseren Morgen: Erwin Fenskes Brigade ist auf dem richtigen Wege", danach der Spielfilm "Die lustigen Weiber von Windsor" und eine Nachtmusik. Die erste Reaktion auf den Volksaufstand bestand am 18. Juni aus einem Kommentar Karl-Eduard von Schnitzlers, der zwar "grobe Fehler bei der Normenerhöhung" einräumte, aber zugleich von "gekauftem Abschaum der West-Berliner Unterwelt" sprach, der einen "Anschlag auf die Existenz, auf die Arbeitsplätze, auf die Familien unserer Werktätigen versucht" habe. Am 17. Juni strahlte die "Tagesschau" ein Interview mit dem Vorsitzenden der Ost-CDU Otto Nuschke aus. Er war während einer Inspektionsfahrt durch den Ostsektor mit seinem Wagen von Demonstranten an der Oberbaumbrücke in den amerikanischen Sektor Berlins abgedrängt worden. Daraus ergab sich eine wohl einzigartige Gemeinschaftsarbeit zwischen dem Berliner NWDR-Fernsehteam und dem RIAS-Reporter Peter Schultze. Da es technisch noch nicht möglich war, Bild und Ton synchron aufzunehmen, unterlegte man den Film mit dem Ton des RIAS-Interviews. Nuschke bestätigte darin, der "Tribüne"-Artikel vom 16. Juni sei der "Zünder" für die "Erregungswelle" gewesen.[13]


Fußnoten

6.
Axel Bust-Bartels, Der Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953. Ursachen, Verlauf und gesellschaftspolitische Ziele, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 25/1980, S. 24 - 54, hier: S. 44.
7.
Dieser Bericht, aus dem im Folgenden zitiert wird, ist veröffentlicht in: Manfred Rexin (Hrsg.), Radio-Reminiszenzen. Erinnerungen an RIAS Berlin, Berlin 2002, S. 444 - 448.
8.
Vgl. dazu: Manfred Rexin, Der 16. und 17. Juni in West-Berlin, in: Deutschland Archiv, 26 (1993) 8, S. 985 - 994, hier: 986f. Harsche, gleichwohl zutreffende zeitgenössische Kritik an der Berichterstattung des "Spiegel" übten die Journalisten Klaus Harpprecht (unter dem Pseudonym Stefan Brant) und Klaus Bölling: "Skepsis und Mißtrauen waren am ersten Tag verzeihlich. Sie waren es nicht mehr am 5. Tag, als das westdeutsche Nachrichtenmagazin 'Der Spiegel' detaillierte Beweise zu liefern vorgab, nach denen die Demonstranten des 16. von den Sowjets organisiert und erst später von Westberliner Stoßtrupps in eine 'falsche Richtung' (nämlich zum 'Haus der Ministerien' in der Leipziger Straße und damit zur Revolution) gedrängt worden seien: eine Darstellung, die sich peinlich genau in die Linie fügte, die nach dem 17. Juni von der inoffiziellen sowjetdeutschen Nachrichten- und Gerüchtepolitik eingeschlagen wurde. (Die große Leserschaft des 'Spiegel', die sich vor allem aus halbintellektuellen Kreisen rekrutiert, konnte das nicht wissen.) Noch Wochen und Monate nach dem Aufstand begegnete man in Westdeutschland oft genug der 'Spiegel'-Version, zumal das Blatt zwar den verantwortlichen Korrespondenten entließ, jedoch die Veröffentlichung eines Dementis nicht für nötig erachtete." Stefan Brant unter Mitarbeit von Klaus Bölling, Der Aufstand. Vorgeschichte, Geschichte und Deutung des 17. Juni 1953, Stuttgart 1954, S. 110.
9.
Vgl. dazu Helmut Müller-Enbergs, Der Fall Rudolf Herrnstadt. Tauwetterpolitik vor dem 17. Juni, Berlin 1991, S. 195f.
10.
Vgl. dazu Rudolf Herrnstadt, Das Herrnstadt-Dokument. Das Politbüro der SED und die Geschichte des 17. Juni 1953. Hrsg., eingeleitet und bearbeitet von Nadja Stulz-Herrnstadt, Reinbek 1990, S. 144ff.
11.
Vgl. Christian Ostermann, "Die Ostdeutschen an einen langwierigen Kampf gewöhnen". Die Vereinigten Staaten und der Aufstand vom 17. Juni 1953, in: Deutschland Archiv, 30 (1997) 3, S. 350 - 368, hier: S. 351.
12.
Die folgenden Angaben beruhen auf dem Vortragsmanuskript Peter von Rüdens vom 5. Dezember 2002 "Der 17. Juni 1953 in aktuellen Sendungen der ARD und des DDR-Fernsehens". Der Vortrag wurde auf einem Symposium gehalten, das in Hamburg von der Historischen Kommission der ARD und dem Hans-Bredow-Institut über historische Daten der deutsch-deutschen Fernsehgeschichte veranstaltet wurde. Ein Tagungsband ist geplant.
13.
Für den Wortlaut des Interviews, das auch von anderen westdeutschen Hörfunksendern übernommen wurde, vgl. Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953. Denkschrift über den Juni-Aufstand in der sowjetischen Besatzungszone und in Ostberlin, hrsg. vom Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen, Bonn 1953 (Faksimilierter Nachdruck des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen, Bonn o. J.), S. 44f.