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2.6.2003 | Von:
Gunter Holzweißig

Der 17. Juni 1953 und die Medien

"Tauwetter"-Episode

In den ersten Tagen und Wochen nach dem Volksaufstand fand in den DDR-Medien vor dem Hintergrund des Machtkampfes im SED-Politbüro ein absurdes Schauspiel statt. Es spielte sich auf drei Ebenen ab: Zum einen publizierte man eine Fülle von teilweise manipulierten Ergebenheitsadressen an die Partei, unterzeichnet von prominenten Künstlern und Wissenschaftlern sowie von Arbeitskollektiven. Zum anderen strickte man hartnäckig an der Legende, westliche "Agentenzentralen" hätten Schlägertrupps gezielt nach Ost-Berlin geschickt, um den Aufstand auszulösen. Zahlreiche Presseberichte über verhaftete und verurteilte "westberliner Provokateure" sollten dies belegen. Da man sie jedoch für die Demonstrationen in den Bezirksstädten schlecht verantwortlich machen konnte, griffen die Medien - wie im Fall der von den Aufständischen aus dem Gefängnis in Halle befreiten angeblichen "SS-Kommandeuse" Erna Dorn[22] - vorzugsweise auf verhaftete mutmaßliche oder tatsächliche ehemalige NSDAP-Mitglieder zurück, um die Mär vom "faschistischen Putsch" glaubhaft zu machen. Drittens inszenierte man eine "Fehlerdiskussion" mit bemerkenswerten, aber prinzipiell folgenlosen Selbstkritiken von Medienmachern und -verantwortlichen, die den realisierten guten Vorsätzen im "Medienfrühling" um die Jahreswende 1989/90 verblüffend ähnelten.

Der Schriftsteller Erich Loest, der noch am 21. Juni im "Neuen Deutschland" einen flammenden Artikel gegen den West-Berliner "Abschaum" veröffentlicht hatte, der die "Arbeiter des demokratischen Sektors vor den Kriegskarren ihrer Hintermänner zu spannen" versucht habe, wandte sich wenige Tage später leidenschaftlich, wenn auch parteilich gegen die Beschönigungen und Verharmlosungen in der Berichterstattung der Parteipresse.[23] Das Negative sei verschwiegen und das Positive aufgebauscht worden. Über die kurzen, dem 17. Juni vorausgehenden Proteststreiks und deren Ursachen habe man nichts lesen können. Getäuscht worden seien nicht "unsere Feinde", sondern die "fortschrittlichen Kräfte innerhalb unserer Republik". Die Redakteure hätten sich "kilometerweit von den Realitäten entfernt" und ein "gleich lächerliches wie tief beklagenswertes Bild" geboten - "sie saßen im Elfenbeinturm und schwangen die rote Fahne". Bald nach der Veröffentlichung dieser Medienschelte fiel Loest in Ungnade. Er verlor den Vorsitz des Leipziger Schriftstellerverbands, und 1957 erfolgte sein Parteiausschluss und die Verurteilung zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe - ein Schicksal, das er später mit Wolfgang Harich teilen sollte, der unter dem Datum des 15. September 1953 detaillierte personelle und strukturelle "Vorschläge zur Verbesserung der Presse" verfasste, die bezeichnenderweise im MfS-Archiv landeten.[24]

Solche unmittelbaren Folgen hatten zwei selbstkritische, aufeinander abgestimmte Rundfunkkommentare von Herbert Geßner und Karl-Eduard von Schnitzler vom 8. und 12. Juli 1953 nicht.[25] Schließlich hielten beide sich in ihrer Wortwahl durchaus an die Beschlüsse der ZK-Sitzung vom 21. Juni sowie an die scharfe Kritik des zuständigen ZK-Sekretärs Hermann Axen über die Schönfärberei in der Presse und im Rundfunk.[26] Geßner reagierte schuldbewusst: "Man hat uns vor allem Schönfärberei vorgeworfen. Und ich sage: Ja wir haben schöngefärbt. Wir haben zum Beispiel seit geraumer Zeit nur solche Hörerstimmen wiedergegeben, die mit allem, was in der DDR geschah, einverstanden waren. In Wirklichkeit waren Massen von Werktätigen mit einer Reihe von Maßnahmen und vor allem Methoden nicht einverstanden. Wir haben von fehlerhaften Maßnahmen behauptet, sie würden von allen mit großer Zustimmung aufgenommen. Das traf nicht zu. Das muß und wird man schleunigst ändern." Von Schnitzler knüpfte an den Kommentar seines Kollegen an und bekannte: "Auch unser Rundfunk hat seit geraumer Zeit Fehler gemacht. ((...)) Es waren Fehler, die ihre Quellen nicht nur in den Fehlern haben, die unsere Regierung nunmehr mit ihrem Neuen Kurs korrigiert. Sondern wir haben diese Fehler durch Schönfärberei, durch funkische Unbeholfenheit oft noch vergrößert ((...))." Er versprach eine weitgehende Programmreform, die den Unterhaltungscharakter des Hörfunks durch mehr Musik- und weniger belehrende Wortanteile stärker berücksichtigen werde.

Schon im September 1953 sollte diese "Büßerstimmung" verflogen sein und die Parteipresse "wieder ein kämpferisches Gesicht" zeigen - so Fred Oelßner, Politbüromitglied und als Nachfolger Hermann Axens unter anderem für die Medien verantwortlicher ZK-Sekretär.[27] Oelßner plädierte zwar für mehr Unterhaltung und Entspannung in den Medien, aber dabei dürfe "keinen Augenblick die grundlegende Aufgabe unserer Presse vernachlässigt werden, die darin besteht, die Massen von der Richtigkeit der Politik der Partei zu überzeugen und für die aktive Unterstützung dieser Politik zu gewinnen".[28] Vom Hörfunk verlangte Oelßner, "den RIAS durch die besseren Sendungen unseres Rundfunks aus dem Felde zu schlagen".[29]

Tatsächlich entwickelte der Hörfunk in der Folgezeit eine größere Programmvielfalt, und das Angebot der Printmedien erweiterte man durch gefragte Publikumszeitschriften wie den "Eulenspiegel", "Das Magazin" oder die "Wochenpost" (als "Zeitungskind des 17. Juni"[30]), während einige plump propagandistisch aufgezogene Wochenzeitungen eingestellt wurden. Für kurze Zeit erlebten die DDR-Medien "Tauwetter-" und Experimentierphasen, die jedoch nicht ohne Konflikte mit der Parteiführung verliefen und letztlich nichts an der fortwährenden Gängelung und Disziplinierung durch die SED-Agitationsbürokratie änderten.[31]


Fußnoten

22.
Im Falle der zum Tode verurteilten und hingerichteten Erna Dorn gab es außer ihren eigenen, vermutlich erpressten Aussagen keinerlei Beweise für ihre Vergangenheit als KZ-Aufseherin oder ihre aktive Teilnahme am Streik. Das Urteil wurde 1994 vom Landgericht Halle für rechtswidrig erklärt und aufgehoben. Vgl. dazu: Hans-Peter Löhn, Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille! Der Volksaufstand am 17. Juni 1953 in Halle an der Saale, Bremen 2003, S. 96 - 103.
23.
Erich Loest, Elfenbeinturm und rote Fahne, in: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, Nr. 27 vom 4. 7. 1953, S. 548f. Vgl. dazu auch ders., Durch die Erde ein Riß. Ein Lebenslauf, Leipzig 1981/90, S. 215ff.
24.
Veröff. in: Siegfried Prokop, Ich bin zu früh geboren. Auf den Spuren Wolfgang Harichs, Berlin 1997, S. 224ff.
25.
Für den Wortlaut der beiden Kommentare vgl. Gerhard Walther, Der Rundfunk in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, Bonn-Berlin 1961, S. 205ff. und S. 210ff. Herbert Geßners meinungsfreudige, jedoch auch widersprüchliche Kommentare verschafften ihm zwar eine gewisse Popularität beim Publikum, sie führten aber zugleich dazu, dass er ins Visier des MfS geriet. Vgl. dazu Helga Wende-Thiele, Tödliche Zivilcourage. Herbert Geßner - Ein bayerischer Idealist im roten Berliner Rundfunk, in: Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat, 13 (2003), S. 101 - 109.
26.
Vgl. G. Walther (Anm. 25), S. 71f.
27.
Fred Oelßner, Über die Verbesserung der Arbeit der Presse und des Rundfunks. Referat auf der 16. Tagung des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, 17. bis 19. September 1953, Berlin (Ost) 1953, S. 4.
28.
Ebd., S. 16f.
29.
Ebd., S. 44.
30.
Klaus Polkehn, Das war die Wochenpost. Geschichte und Geschichten einer Zeitung, Berlin 1997, S. 12ff.
31.
Vgl. Gunter Holzweißig, Die schärfste Waffe der Partei. Eine Mediengeschichte der DDR, Köln 2002, S. 93ff.