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28.5.2003 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

In Deutschland verfügen zehn Prozent der Bevölkerung weder über einen Hauptschulabschluss noch über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Dieser Tatbestand wird als "Bildungsarmut" bezeichnet. Die Betroffenen haben auf dem Arbeitsmarkt nur geringe Chancen.

Die Ergebnisse der internationalen Schülerleistungsstudien TIMSS und PISA sowie zuletzt IGLU haben verdeutlicht, dass die Bildungschancen in Deutschland keineswegs gleich sind: Zehn Prozent der Bevölkerung verfügen weder über einen Hauptschulabschluss noch über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Dieser Tatbestand, bislang eher schamhaft umschrieben, wird neuerdings als "Bildungsarmut" bezeichnet. Wer davon betroffen ist, hat auf dem ohnehin verengten Arbeitsmarkt nur geringe Chancen. So wird aus Bildungsarmut soziale Armut. Und wer arm ist, hat von vornherein schlechtere Startbedingungen: Bildungsarmut ist vererbbar. Wer darüber hinaus nicht in Deutschland geboren oder das Kind von nicht in Deutschland geborenen Eltern ist, schneidet in unserem Bildungssystem noch schlechter ab.

Das dreigliedrige deutsche Schulsystem ist nicht in der Lage, soziale Ungleichheit zu kompensieren. Nach Gerda Holz hat Aufwachsen in Armut bei uns lebenslange Folgen, die ohne Erhöhung der finanziellen Aufwendungen des Staates nicht aufgefangen werden. Die Autorin plädiert in ihrem Essay dafür, die Ressourcen der Eltern zu stärken, institutionelle Rahmenbedingungen zu verbessern und das Bewusstsein zu fördern, dass alle für das Aufwachsen von Kindern verantwortlich sind.

Andere Staaten geben mehr für Bildung aus als Deutschland; selbst in Polen und Portugal sowie neuerdings auch in Mexiko sind die entsprechenden Anteile höher. Manfred G. Schmidt fragt nach den Gründen für den niedrigen Anteil der öffentlichen Bildungsausgaben am deutschen Sozialprodukt. Seine Antworten basieren auf Zwischenergebnissen einer Studie über Deutschlands Bildungsausgaben im internationalen Vergleich.

Deutschland gibt nicht nur weniger Geld für Bildung aus als andere Staaten, Bildung wird hier auch (noch) nicht als Bestandteil der Sozialpolitik betrachtet. Jutta Allmendinger und Stephan Leibfried schlagen vor, Bildung und Sozialpolitik als zwei Seiten einer Medaille zu sehen und Daten über die Verteilung von Bildungsressourcen in den jährlichen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung aufzunehmen. Ein ausgeprägter Föderalismus und eine übermächtige Sozialpolitik machten es jedoch schwer, Bildungsarmut öffentlich zuthematisieren und notwendige Reformen durchzusetzen.

Unter den Bedingungen eines immer stärkeren Konkurrenzdrucks auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt hat die soziale Marginalisierung von Jugendlichen ohne Schulabschluss zugenommen. Es stellt sich die Frage, welche Ausbildungs- und Arbeitsmarktchancen sie heute überhaupt noch haben. Das pessimistische Ergebnis von Heike Solga besagt, dass diese Jugendlichen nicht nur sukzessive verdrängt, sondern zunehmend von vornherein aussortiert werden. Das gilt erst recht für Migrantenkinder, die in unserem Bildungssystem noch schlechter abschneiden als gleichaltrige Deutsche. Cornelia Kristen beleuchtet einige Aspekte dieser ungleichen Bildungsbeteiligung und deren Ursachen. Ethnische Unterschiede ergeben sich u.a. daraus, dass Migrantenkinder in mehrfacher Hinsicht nachteiligen Ausgangsbedingungen unterworfen sind.

Seit TIMSS und PISA wird in Deutschland über Ursachen für die im internationalen Vergleich schlechten Leistungen deutscher SchülerInnen diskutiert. Eine wissenschaftliche Analyse hat jedoch - so Ludger Wößmann - bislang kaum stattgefunden. Dabei ließe sich der Einfluss solcher Faktoren wie familiärer Hintergrund, finanzielle Ausstattung von Schulen und institutionelle Ausgestaltung des Schulsystems auf die Leistungen von SchülerInnen durchaus nachweisen.