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28.5.2003 | Von:
Manfred G. Schmidt

Ausgaben für Bildung im internationalen Vergleich

I. Quellen der Bildungsausgaben in Deutschland

Wer nach den Gründen dieses Missverhältnisses sucht, muss viele Faktoren prüfen. Gesellschaftlich-wirtschaftliche Bedarfslagen und Ressourcen sind zentrale Faktoren, besagt eine Theorie; Machtressourcen gesellschaftlicher Gruppen, wie das Druckpotenzial von Verbänden, sind wichtig, eine zweite. Ihr sekundiert eine dritte Theorie, der zufolge die politische Richtung der Regierungsparteien die Höhe der Bildungsausgaben prägt: Linksparteien spendierten meist mehr für Bildung, Mitteparteien und liberale Regierungsparteien weniger. Politische Institutionen hingegen sieht eine vierte als zentralen Faktor, internationale Konstellationen eine fünfte und historische Erblasten, z.B. die Vernachlässigung des Bildungswesens im Nationalsozialismus, eine sechste Schule der Erklärung.[6] Hinzu kommen Effekte der Arbeitsteilung von Staat und Markt bei der Finanzierung der Bildung. In Skandinavien ist Bildung fast ausschließlich Sache des Staates. Aber in anderen Ländern spielen auch private Bildungsausgaben mitunter eine große Rolle, also Aufwendungen für Bildung und Ausbildung, die von privaten Haushalten, Stiftungen oder privaten Unternehmen finanziert werden.

Die privaten Bildungsausgaben sind von Land zu Land unterschiedlich hoch. Am höchsten ist ihr Anteil am Wirtschaftsprodukt in Südkorea, nämlich 2,7 Prozent (1999).[7] Dort gelten, wie in allen anderen wachstumsstarken Ländern Ostasiens, Bildungsausgaben, auch private, als zukunftsweisende Investitionen in das Humankapital. Beträchtliches Gewicht haben die privaten Bildungsausgaben zudem in den USA (1,6 Prozent), Australien (1,4 Prozent), Kanada (1,3 Prozent) und Japan (1,1 Prozent), also in den Staaten, die Nachzügler der Sozialpolitik sind, dafür aber mehr in die Bildung investierten.

Wichtig sind die privaten Bildungsausgaben allerdings auch - und das ist auf den ersten Blick überraschend - in der Bundesrepublik Deutschland, die doch gemeinhin als ein Land gilt, in dem der Staat der Hauptzuständige für Soziales, aber auch für Ausbildung ist. Doch bei den privaten Bildungsausgaben hält Deutschland mit einem Anteil am Sozialprodukt von 1,2 Prozent den fünften Rangplatz im Vergleich der Industriestaaten im Jahre 1999. Mehr als die Hälfte der privaten Bildungsausgaben hier zu Lande entfällt auf die betriebliche Ausbildung im Rahmen der dualen Bildung, die in Zusammenarbeit von Staat und Wirtschaft, insbesondere von Berufsschulen und Betrieben, erbracht wird. Auf dem zweiten und dem dritten Platz der privaten Bildungsausgaben folgen die Aufwendungen für betriebliche Weiterbildung in den Unternehmen der Privatwirtschaft und die private Finanzierung der vorschulischen Erziehung.

Fügt man die privaten Bildungsausgaben den öffentlichen hinzu, erscheint die Bildungsfinanzierung der Bundesrepublik in etwas milderem Lichte. Denn öffentliche und private Bildungsausgaben summieren sich - nach Berücksichtigung von Rundungsfehlern - immerhin zu 5,6 Prozent des Wirtschaftsproduktes.[8] Die überdurchschnittliche private Bildungsfinanzierung lindert demnach die Malaise der niedrigen öffentlichen Bildungsausgaben. Das legt eine erste Antwort auf die Frage nahe, warum die staatliche Bildungsfinanzierung in Deutschland nur eine mäßige Höhe erreicht: Die Politik kann dabei auf einen beachtlichen Beitrag der privaten Bildungsinvestitionen setzen. Weitere Ursachen der niedrigen öffentlichen Bildungsinvestitionen in Deutschland treten bei der Erkundung der sektoralen Zusammensetzung der Bildungsausgaben zu Tage: Der Primarbereich und der untere Sekundarbereich des Bildungswesens in Deutschland werden unterdurchschnittlich finanziert - gemessen an der öffentlichen und auch an der privaten Bildungsausgabenquote für diese Sektoren.[9] Der obere Sekundarbereich hingegen wird finanziell überdurchschnittlich gut ausgestattet.[10] Der Tertiärbereich schließlich ist durch öffentliche Finanzmittel durchschnittlich ausgestattet, hinsichtlich der privaten Bildungsausgaben aber beträchtlich unterfinanziert.[11]

Die Mittelverteilung im deutschen Bildungswesen bevorzugt den oberen Sekundarbereich[12] und zudem die berufliche Bildung,[13] die finanziell erheblich aufwändiger als die Ausbildung in der gesamten Hochschullandschaft ist.[14] Diese Zahlen deuten auf ein typisches Muster der deutschen Bildungspolitik hin: Einer ihrer Finanzierungsschwerpunkte und ihre relative Stärke liegt in der Ausbildung für mittlere bis höhere Berufspositionen einer Industriegesellschaft und der zugehörigen Staatsverwaltung. Schwächen zeigt die Bildungsfinanzierung hier zu Lande vor allem unterhalb wie oberhalb dieses Niveaus: bei der Bildung und Qualifizierung von Zugewanderten,[15] bei der Ausbildung der besonders begabten Schüler und bei der Vorbereitung für hoch qualifizierte Positionen in der Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft. Deutschlands Bildungsfinanzierung schwächelt also ausgerechnet dort, wo es um die Wirtschaftssektoren des 21. Jahrhunderts und um Spitzenförderung geht, während sie für die Wirtschaftssektoren, die im 20. Jahrhundert Ton und Takt angaben, und für die Ausbildung der breiten Masse, einschließlich der Facharbeiterschaft sowie der mittleren und gehobenen Angestellten- und Beamtenschaft, hinlänglich gerüstet ist.

Noch ein weiterer Befund zu den sektoralen Quellen der öffentlichen Bildungsfinanzen ist berichtenswert: die Entlohnung der Lehrkräfte. Im Unterschied zur mittelmäßigen Finanzausstattung des Bildungswesens insgesamt ist die Entlohnung der hauptangestellten Lehrkräfte in Deutschland - der internationale Vergleich zeigt es - gut bis ausgezeichnet. Nach Lohn und Gehalt zu urteilen, lehrt es sich in Deutschlands Schulen komfortabel - besser nur in der Schweiz und in Japan. Das kann man an den Lehrergehältern im Primarbereich und im Sekundarbereich ablesen, die im OECD-Länder-Vergleich vordere Positionen einnehmen.[16] Deutschlands Bildungsfinanzierung setzt demnach Prioritäten nicht nur bei der industriewirtschaftlichen Ausrichtung, sondern auch bei den Gehältern des Lehrpersonals im Schulbereich und obendrein bei der weit reichenden arbeits- und sozialrechtlichen Absicherung der hauptamtlichen Lehrkräfte. Erkauft wird dies durch knappere Personalausstattung - im Unterschied zu Staaten wie Großbritannien, die mehr in die bessere Personalausstattung des Bildungswesens investieren - und mit oftmals ungünstigerer Zahlenrelation zwischen Schülern oder Studierenden und Lehrenden.


Fußnoten

6.
Vgl. hierzu ausführlich Manfred G. Schmidt (Hrsg.), Wohlfahrtsstaatliche Politik. Institutionen, politischer Prozess und Leistungsprofil, Opladen 2001.
7.
Vgl. OECD, Education at a Glance, 2002 edition (Anm. 1), S. 170.
8.
Vgl. ebd., S. 170.
9.
Vgl. OECD, Education at a Glance, 2001 edition (Anm. 1), S. 81. Die Werte liegen - 1998 - bis zu 20 Prozent unter dem OECD-Durchschnitt (Berechnungsbasis ebd., S. 81). Ähnlich ist die Lage 1999, vgl. OECD, Education at a Glance, 2002 edition (Anm. 1), S. 171.
10.
Vgl. OECD, Education at a Glance, 2001 edition (Anm. 1), S. 82.
11.
Vgl. ebd., S. 81f., und OECD, Education at a Glance, 2002 edition (Anm. 1), S. 171.
12.
Vgl. auch H.-W. Hetmeier/M. Weiß (Anm. 1), S. 49f.
13.
Mit 33,4 Mrd. 1998, vgl. ebd., S. 41 und leicht abweichend S. 45.
14.
Vgl. ebd., S. 41. Nicht berücksichtigt sind die - rund 15Mrd. umfassenden - Mittel für Forschung und Entwicklung der Hochschulen.
15.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu den Beitrag von Cornelia Kristen in dieser Ausgabe.
16.
Vgl. OECD, Education at a Glance, 2001 edition (Anm. 1), S. 25, und OECD Education at a Glance, 2002 edition (Anm. 1), S. 339.