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28.5.2003 | Von:
Manfred G. Schmidt

Ausgaben für Bildung im internationalen Vergleich

II. Fundamente der niedrigen öffentlichen Bildungsausgaben in Deutschland

Wie bei der Analyse aller Staatsausgaben lohnt sich auch bei den Bildungsausgaben neben der Sondierung ihrer sektoralen Quellen die Erkundung ihrer gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Fundamente.

Ein Teil der Fundamente der vergleichsweise niedrigen öffentlichen Bildungsausgabenquote in Deutschland ist in der relativen Größe der Bevölkerung im Ausbildungsalter und in der Bildungsbeteiligung zu suchen.

a) Der erste Befund betrifft die Hauptadressaten des Bildungswesens. Alle bildungswichtigen Altersgruppen sind in Deutschland, so die Zahlen vom Ende des 20. Jahrhunderts, unterdurchschnittlich besetzt - gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil: Die Hauptadressatengruppen der Bildungspolitik liegen bis zu 25 Prozent unter dem Durchschnitt der OECD-Länder.[17] Insoweit ist die Nachfrage nach Bildungsfinanzierung in Deutschland geringer als dort, wo die Altersgruppen im Ausbildungsalter einen größeren Bevölkerungsanteil stellen, beispielsweise in Nordamerika oder in Frankreich. Die tiefere Ursache ist die weit fortgeschrittene Alterung der deutschen Gesellschaft - die Gesellschaften der USA und Kanadas etwa sind viel jünger. Und damit ist - neben den privaten Bildungsausgaben und der industriegesellschaftlichen Ausrichtung - ein dritter Faktor benannt, der die niedrigen öffentlichen Bildungsausgaben in Deutschland erklärt: die unterdurchschnittliche Größe der Altersgruppen im Ausbildungsalter - und damit auch das wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch unterdurchschnittliche Gewicht der Adressaten der Bildungspolitik.

b) Hinzu kommt der Effekt der Bildungsbeteiligung im tertiären Sektor des Bildungswesens, also im Fachhochschulwesen und in den Universitäten: Trotz Bildungsexpansion ist die Bildungsbeteiligung im tertiären Sektor in Deutschland immer noch von nur mäßiger Höhe.[18] Auch das entlastet die öffentlichen Bildungsfinanzen und trägt zur Erklärung ihres relativ niedrigen Niveaus bei.

Aber warum hinkt die Bildungsbeteiligung im tertiären Bereich in Deutschland anderen Ländern hinterher? Wiederum sind viele Ursachen im Spiel, und nur die drei wichtigsten sollen hier erwähnt werden. Mitverantwortlich für die zurückhaltende tertiäre Bildungsbeteiligung ist die Überfüllung der Universitäten. Das schreckt ab. Mitverantwortlich sind auch die hohe Arbeitslosigkeit und die Insider-Outsider-Spaltung am Arbeitsmarkt. Die Arbeitsplatzbesitzer sind in Deutschland arbeitsrechtlich ziemlich gut geschützt, die Erwerbsquote (also der Anteil aller Erwerbspersonen an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter) ist nur von mittlerer Höhe - und Arbeitssuchende haben das Nachsehen. Auch das mindert die Bildungsbeteiligung im Tertiärsektor. Hinzu kommt die - oben schon erwähnte - große Bedeutung der beruflichen Bildung.[19] Durch Berufsausbildung in den Betrieben und den Berufsschulen wird ein erheblicher Teil der deutschen Jugendlichen im Alter von 15 Jahren in einen Ausbildungsgang gelenkt, der eine Lehrstelle mit schulischer Ausbildung in der Berufsschule verknüpft. Nach Beendigung der Schulpflicht verlassen diese Jugendlichen die Vollzeitschule. Im Unterschied zu Deutschland und den wenigen anderen Staaten mit einem ähnlichen Berufsbildungssystem, wie die Schweiz, Österreich, die Niederlande, haben die Jugendlichen in anderen Ländern nicht die Wahl einer beruflichen Ausbildung nach deutschem Muster. Sie strömen nach dem Ende der Schulpflicht entweder direkt in die Betriebe oder - in stärkerem Maße als in Deutschland - in die weiterführenden Schulen und Universitäten.


Fußnoten

17.
Vgl. OECD, Education at a Glance, 2001 edition (Anm. 1), S. 37.
18.
Vgl. OECD, Education at a Glance, 2001 edition (Anm. 1), S. 77, 148 - 156 und 159.
19.
Vgl. Arnold J. Heidenheimer, Bildungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland, Japan und der Schweiz: Innenpolitische' Staatsaufgaben im Wandel, in: Dieter Grimm (Hrsg.), Staatsaufgaben, Frankfurt/M. 1996, S. 585 - 611, hier S. 588; ferner OECD, Education at a Glance, 2001 edition (Anm. 1), S. 143.