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6.5.2003 | Von:
Hermann Clement

Die Wirtschaftsstruktur Russlands

Die energie- und rohstoffwirtschaftlich geprägte Struktur ändert sich nur langsam

Nur geringe strukturelle Anpassung während der Transformationskrise

Gesamtwirtschaftlich ergab sich in den letzten Jahren eine Anpassung an marktwirtschaftliche Muster. Gemessen an der Bruttowertschöpfung in laufenden Preisen sank der Anteil der Industrie von 39,2 Prozent in 1993 auf 30 Prozent in 2001, derjenige der Landwirtschaft von 8,5 Prozent auf 7 Prozent, während die Anteile des Bauwesens von 7,4 auf 8 Prozent und der Dienstleistungen von 44,9 auf 55 Prozent anstiegen.[1] Diese Entwicklung ist allerdings durch Preiseffekte überzeichnet. Angaben in konstanten Preisen unterstreichen dies. Danach ist der Anteil der Industrie von 34,4 Prozent 1991 auf 31,7 Prozent 2000 zurückgegangen, aber gleichzeitig haben auch die Dienstleistungen offensichtlich Anteile verloren.[2]

Die Schwerindustrielastigkeit der russischen Industrie hat sich bis 1998 noch dramatisch verstärkt. Der Produktionsanteil der Energie- und Brennstoffwirtschaft, Metallurgie sowie chemischen und petrochemischen Industrie stieg von 1993 bis 1998 um elf Prozentpunkte auf 53,6 Prozent. Verlierer war die Verarbeitende Industrie (Maschinenbau, die Holz-, Baumaterial- und Leichtindustrie sowie die Nahrungsmittelindustrie). Ihr Anteil sank um 11,4 Prozentpunkte auf 42,4 Prozent, wobei der Maschinenbau und die Leichtindustrie in besonderem Maße davon betroffen waren. Nur die Nahrungsmittelindustrie konnte ihre Position leicht verbessern.

Da gleichzeitig die russische Industrie bis 1998 auf nur noch 46 Prozent ihres Ausgangsvolumens von 1990 schrumpfte, verzeichneten aber auch alle schwerindustriellen Zweige einen - wenn auch zumeist geringeren - Produktionsrückgang. Dramatisch waren, wie die Anteilsverluste bereits vermuten lassen, die Produktionseinbrüche vor allem bei der Leichtindustrie und dem Maschinenbau, die 1998 nur noch 12 bzw. 37 Prozent des ehemaligen Produktionsvolumens erreichten.[3]

Verantwortlich dafür waren vor allem externe Schocks wie der Zusammenbruch der stark protektionistischen Wirtschaftsräume des RGW und derSowjetunion sowie die Liberalisierung der Importe, welche die Schwächen der russischen Wirtschaft gnadenlos offen legten. Die zunehmende Überbewertung des Rubels verminderte die Konkurrenzfähigkeit der russischen Verarbeitenden Industrie sowohl im Export als auch auf dem Binnenmarkt bis 1998 weiter. Dagegen blieben die Märkte für Energie und Rohstoffe weitgehend erhalten. Die Preisbildung erfolgt für diese Produkte auf den internationalen Märkten; die russischen Anbieter konnten sich aufgrund der vorhandenen Infrastruktur (Rohrleitungen) hier ihre Marktanteile sichern.

Verstärkt wurde der Struktureffekt durch den dramatischen Einbruch der Realeinkommen, Gewinneinbrüche und die Probleme des Staatshaushalts (Defizite, Nichtauszahlung von Löhnen und Renten). Die Folge waren erhebliche Nachfrageausfälle sowohl beim privaten Konsum als auch bei den Investitionen.

Zudem sind statistische Verzerrungen zu berücksichtigen. Viele Beobachter gehen davon aus, dass die gesamtwirtschaftliche Leistung nicht so stark gesunken ist, wie dies in den offiziellen Zahlen zum Ausdruck kommt. Vor allem wird zu Recht davon ausgegangen, dass in den verarbeitenden Bereichen und bei den Konsumgütern ein überproportional hoher Anteil der Produktion in die Schattenwirtschaft abgewandert ist, wodurch die statistisch erfasste Produktionsstruktur zugunsten der Schwerindustrie verzerrt ist.[4] Es sprechen aber alle Indizien dafür, dass die Statistik die strukturelle Entwicklung in der russischen Wirtschaft in der Tendenz richtig widerspiegelt.

Für die starke Verzögerung der strukturellen Anpassung sind vor allem spezielle russische Transformationsphänomene verantwortlich:

- Die unechte bzw. lange Zeit unterbliebene Privatisierung.

- Der indirekt vielfach fortbestehende staatliche Einfluss auf die Produktionsentscheidungen der Betriebe.

- Die weiterhin administrativ extrem niedrig gehaltenen Energiepreise. Sie erlaubten eine betriebswirtschaftlich konkurrenzfähige Produktion von energieintensiven Produkten, wie z.B. Metallen, die damit auch ihren Markt im Ausland halten und sogar erweitern konnten. Damit setzte sich aber auch die Verschwendung von Energie zu Lasten der Energiebetriebe und des Staates sowie der Umwelt fort, und die gesamtwirtschaftliche Produktivität nahm nicht in dem gewünschten Maße zu.

- Die lange Zeit fortgesetzten offenen und später versteckten Subventionen für die schwerindustriellen Betriebe verstärkten diesen Effekt. Es handelt sich bei ihnen zumeist um gigantische Werke, von denen ganze Städte und Regionen abhängig sind und deren Entflechtung bzw. Konkurs vielfach mit politischen Mitteln verhindert wird.

- Demgegenüber gerieten die Zweige der Verarbeitenden Industrie in die oben aufgezeigte Zange abnehmender Nachfrage auf den Binnen- wie Außenmärkten und verstärkter Importkonkurrenz, wobei westliche Produkte zudem von einem Imagevorteil profitierten.

- Dies wurde durch die zunehmende Einkommensdifferenzierung noch verstärkt. Einer kleinen, aber zunehmend kaufkräftigen Gruppe steht die Masse der Bevölkerung gegenüber, deren Einkommen äußerst niedrig sind. Die Nahrungsmittelindustrie konnte daher trotz erheblicher Importe ihre Position insbesondere im Niedrigpreissegment weitgehend halten.

- Der überproportionale Einbruch der Investitionen (und des militärischen Bedarfs) in Russland (das Investitionsniveau betrug 1998 gerade noch 17 Prozent des Standes von 1990[5]) schlug sich in der radikal gesunkenen Nachfrage nieder. Zudem wurde auf dem ehemals geschützten RGW-Markt, wie auch auf dem Binnenmarkt, die Konkurrenz ausländischer Anbieter wesentlich stärker. Dem hatten die russischen Industriebetriebe keine konkurrenzfähigen Produkte entgegenzusetzen; sie waren daher auch nicht in der Lage, neue Märkte in größerem Umfang zu erobern. Erst in letzter Zeit macht die Rüstungsindustrie entsprechende Fortschritte.

Russland ist es bis 1998 also nicht gelungen, eine wesentliche Veränderung seiner Produktionsstruktur insbesondere im industriellen Bereich zu erreichen. Die Dominanz der Schwerindustrie ist weiterhin erdrückend, wenn auch seit der Rubelkrise 1998 eine leichte Verbesserung erkennbar ist. Einerseits haben die hohen Exporte an Energieträgern und Metallen Russland bei der Herstellung des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts und der Lösung des Schuldenproblems enorm geholfen. Andererseits wird ein längerfristiges, relativ hohes Wachstum ohne Umstrukturierung und wesentliche Steigerung des Anteils der Verarbeitenden Industrie bei erheblicher Zunahme ihrer Konkurrenzfähigkeit nicht möglich sein.

Rubelabwertung stärkte die heimische Wirtschaft

Erst die dramatische Rubelabwertung vom August 1998 verschaffte der verarbeitenden Industrie wieder die nötige Luft zum Wachsen. Die Transformationskrise wurde endgültig überwunden. Die Wirtschaft hatte auf einen Wachstumspfad zurückgefunden, und der Anteil der Schwerindustrie sank wieder auf 50,5 Prozent, die verarbeitenden Bereiche, insbesondere der Maschinenbau, erholten sich auf 45,5 Prozent.

Entscheidend war die mit der Rubelkrise eingetretene massive nominelle und reale Abwertung des Rubels.[6] Die russische Wirtschaft erhielt dadurch erhebliche Konkurrenzvorteile, die sich vornehmlich auf dem Binnenmarkt auswirkten und damit das Wachstum stärkten. Die Importe sanken zwischen 1997 und 1999 um fast 45 Prozent (vgl. Tab. 2). Der heimischen Industrie gelang es, Märkte im Inland zurückzuerobern, was insbesondere im Bereich der Konsumgüter und Nahrungsmittel deutlich wurde.

Die in der Folge einsetzende zunehmende Beschäftigung und die wieder beträchtlich steigenden Reallöhne unterstützten die Binnennachfrage weiter. Ähnliches gilt für die 1999 anspringende Investitionskonjunktur, die allerdings in letzter Zeit ernst zu nehmende Schwächen zeigt. Mit der günstigeren Entwicklung der Landwirtschaft und der durch die Währungskrise ausgelösten vermehrten Produktion ausländischer Anbieter vor Ort wurde vor allem die Nahrungsmittelindustrie gestärkt. In den Anteilswerten kommt dies aufgrund der insgesamt wieder wachsenden Industrieproduktion allerdings noch nicht so deutlich zum Ausdruck. Dagegen ist für die Leichtindustrie der Markt weitgehend weggebrochen; sie hat sich zwar ebenfalls erholt, konnte aber weniger stark von der Abwertung profitieren. Die höheren Bedürfnisse werden von westlichen Luxusfirmen über Importe bedient, das Niedrigpreissegment in hohem Maße durch Billigimporte aus Ländern wie der Türkei und China.

Mit der Energiepreissteigerung verbundene Einkommenstransfers stärken die russische Wirtschaft

Viele Beobachter sahen in den gestiegenen Weltenergiepreisen den dominierenden Faktor für die verbesserte Situation der russischen Wirtschaft nach 1998. Die Preissteigerungen führten zweifellos zu hohen sog. Windfall-Profiten, die der Staat über Exportzölle und Steuern sowie Devisenumtauschzwang zur Stabilisierung des Landes einsetzte: Das Staatshaushaltsdefizit wich einem Überschuss, die Handelsbilanz wurde hochgradig aktiv, Devisenreserven konnten in beträchtlichem Umfang aufgebaut werden. Direkt hatten sie aber keine Auswirkung auf das Wachstum. Die realen Exporte sanken. Ein Teil des Geldes ist auch nicht kaufkraftwirksam geworden, da es in die Bedienung von Auslandsschulden floss bzw. über die Kapitalflucht das Land wieder verließ. Der Rest hat allerdings nachfragestimulierend gewirkt, indem die Firmen mehr investieren konnten und der Staat in der Lage war, die rückständigen Löhne und Renten zu bezahlen.

Den meisten verantwortlichen russischen Politikern wird zunehmend klar, dass ohne eine weitere konsequente Transformation die notwendigen strukturellen Veränderungen nicht erreichbar sein werden. Vieles ist in den letzten Jahren bereits in Gang gesetzt worden. Abgesehen von einer wieder deutlich zu steigernden Investitionsrate sind vor allem in fünf Bereichen weitere Fortschritte notwendig.

Erstens: Die durch die Rubelabwertung gewonnene Wettbewerbsposition darf nicht durch eine weitere reale Aufwertung wieder geschwächt werden.

Zweitens: Der Marktzugang für kleine Unternehmen muss weiter erheblich entbürokratisiert werden. Diese Betriebe sind ein wesentliches Element für die Verbesserung der Produktionsstruktur.

Drittens: Das Bankwesen muss so weit umstrukturiert und gestärkt werden, dass es bereit und in der Lage ist, Kredite an die kleineren und mittlerenBetriebe zu akzeptablen Bedingungen zu gewähren.

Viertens: Der Marktzugang für ausländische Investoren im Bereich der Verarbeitenden Industrie muss weiter erleichtert werden. Dafür muss sich das gesamte Investitionsklima verbessern.

Fünftens: Es müssen die Energiepreise zumindest für den gewerblichen Sektor den internationalen Preisen angepasst werden. Die extrem niedrigen internen Energiepreise fördern die Energieverschwendung und damit die energieintensiven rohstoffwirtschaftlichen Zweige. Die Angleichung der Energiepreise ist zudem eine zentrale Forderung für die Aufnahme Russlands in die WTO und im Annäherungsprozess an die EU.


Fußnoten

1.
Vgl. SNG Stat Sodruzestvo nezavisimych gosudarstv v 1994 gody, stat. ezegodnik (GUS - Statistisches Komitee, Statistisches Jahrbuch), Moskau 1995, S. 23, und ebd., Moskau 2002, S. 19.
2.
Vgl. Bundesanzeiger für Außenwirtschaft (bfai) (Hrsg.), Osteuropa im Integrationsprozess, Transformation und Wirtschaftslage in Ostmitteleuropa und der GUS 2001/02, Sammelband 2002, Köln 2002, S. IX.
3.
Vgl. Goskomstat Rossii, Rossija v cifrach, oficial'noe izdanie, 1999, (Statist. Komitee Russlands, Russland in Zahlen, offizielle Ausgabe), Moskau 1999, S. 175.
4.
Zur Berechung der tatsächlichen Transformationskrise wurde daher als Indikator auch der Elektroenergieverbrauch herangezogen.
5.
Vgl. ECE, Economic Survey of Europe, Brüssel 2002, Nr. 2, S. 163.
6.
Der Rubelkurs sank von 5,960 Rubel je US-Dollar Ende 1997 auf 20,650 Rubel Ende 1998.

Außenpolitik

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