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6.5.2003 | Von:
Hermann Clement

Die Wirtschaftsstruktur Russlands

Regionale Strukturen

Marktwirtschaftliche Bedingungen und eine marktgerechtere Bewertung der Güter und Dienstleistungen, die mit der Transformation und der Preisfreigabe in vielen Bereichen einsetzte, können nicht ohne erhebliche Konsequenzen für die Regionalstruktur der Produktionsstandorte bleiben. Zu erwarten ist, dass die ferner gelegenen Regionen stärkere Produktionseinbußen erleiden als die zentralen Regionen, da sich ihre Produktion aufgrund der gestiegenen Transportkosten zu den Hauptverbrauchsgebieten und an die Grenze für den Export sowie wegen des Wegfalls sonstiger Subventionen in den meisten Fällen im Verhältnis zu den zentralen Standorten verteuert.

Die in Tabelle 3 zusammengestellten absoluten und Pro-Kopf-Anteile für das Bruttoregionalprodukt bestätigen diese Tendenz.[7]

Angesichts des hohen Anteils der Roh- und Grundstoffindustrie an der wirtschaftlichen Leistung, der strukturellen Veränderung zugunsten der Dienstleistungen, der massiven Preisverschiebung und des Abbaus der zentralen Umverteilung der Ressourcen innerhalb der Volkswirtschaft erfolgt auch eine deutliche regionale Umstrukturierung der russischen Wirtschaft. Die Veränderung der Regionalstruktur während der Transformation lässt sich bisher jedoch nur in Ansätzen nachvollziehen. Vergleichbare Zahlen liegen erst seit 1994 vor. Wie die Wirtschaftsentwicklung zeigte, war zu diesem Zeitpunkt bereits ein erheblicher Teil der transformatorischen Anpassung erfolgt. Die Entwicklung von 1994 bis 1997 kann aber als Indikator für die vorherrschende Tendenz herangezogen werden. Zudem liegen bisher regionale Strukturdaten auch nur bis 1999 vor, so dass sich die regionale Verschiebung, die seit dem Übergang zu einem Wachstumspfad eingetreten ist, nur ansatzweise erkennen lässt.

Sowohl in der Abgrenzung von vor 1999 als auch in der Abgrenzung der Regionen ab 1999, die weniger aussagekräftig ist, wird deutlich, dass die wirtschaftliche Dynamik sich auf die zentralen und nordwestlichen Gebiete der Föderation verlagert. Nur noch die Rohstoffgebiete in Sibirien und dem Fernen Osten können ihre Position mit leichten Verlusten halten. Die übrigen Gebiete hatten alle bedeutende Verluste hinzunehmen. Die weiterhin dominierende Rolle der Rohstoffgewinnung und insbesondere der Förderung von Kohlewasserstoffen, Bunt- und Edelmetallen sowie Diamanten spiegelt sich in diesen Werten wider. Diese Bereiche hatten sich zunächst, wie oben gezeigt, in der ersten Transformationsphase relativ günstig entwickelt. Nur in den zentralen und teilweise in den nordwestlichen Gebieten konnte der Ausfall großer Teile der verarbeitenden industriellen und der landwirtschaftlichen Produktion durch die Entwicklung des Dienstleistungssektors und eine günstigere Position der Verarbeitenden Industrie ausgeglichen werden.

Diese Entwicklung setzte sich offensichtlich auch nach 1999 fort. Während der Zentrale, Nordwestliche und Südliche Föderale Bezirk in diesen Jahren überdurchschnittliche Zuwachsraten erreichten, fiel insbesondere der Fernöstliche Bezirk deutlich zurück (vgl. Tab. 4 und 5).[8]

Die regionale Industriestruktur stützt die These vom dominierenden Einfluss der Rohstoff- und Energiewirtschaft auf die strukturelle und damit auch regionale Wirtschaftsentwicklung zu Beginn des Transformationsprozesses. Besonders deutlich wird dies für Westsibirien und die Wolgaregion. Dort haben nur die Gebiete, in denen Erdöl und Erdgas gefördert werden, ihre Anteile am BIP erhöhen können. Im Wolgagebiet sind dies die Republik Tatarstan und das Astrachaner Oblast', in Westsibirien das Tjumener Oblast' sowie die Erdölverarbeitungsstandorte im Tomsker und Omsker Oblast'. Dabei geben die Jahre 1998 und 1999 die Entwicklung eher noch zu moderat wieder, weil die Energiepreise auf dem Weltmarkt einen Tiefpunkt erreicht hatten.[9] Ebenso gewann der Krasnojarsker Krai in Ostsibirien, in dem die Buntmetallurgie drei Viertel der Industrieproduktion ausmacht, Anteile hinzu. Auf der anderen Seite verloren in Westsibirien die traditionellen Kohlenbergbauregionen und die Maschinenbaugebiete wie der Kemerovoer und Novosibirsker Oblast' erheblich an Leistungsfähigkeit im Verhältnis zu der russischen Gesamtwirtschaft. Im Wolgagebiet gilt dies auch für so bedeutende Verarbeitungsstandorte wie den Samara Oblast'.

Betrachtet man die Zuwachsraten der industriellen Entwicklung insgesamt anhand der offiziellen Statistik, die nur die Groß- und Mittelbetriebe umfasst, so wird der zu erwartende Bedeutungsverlust der peripheren Gebiete im Verhältnis zu den Zentren allerdings noch nicht in dem zu erwartenden Umfang bestätigt.[10]

Erst seit 1998 bewegt sich die regionale Entwicklung in die erwartete Richtung. Zum einen ist dies auf die oben angeführte starke Stellung der Basisindustrien in der Anfangsphase der Transformation zurückzuführen, zum anderen ist die tatsächliche Entwicklung bei diesen Industriedaten erheblich zu Lasten der Kernregionen verzerrt. In der russischen Industrie spielt sich während der Transformation nicht nur eine branchenmäßige Umstrukturierung ab, sondern auch eine dramatische Veränderung der Größenstrukturen. Dies zeigt sich deutlich daran, dass von 1995 bis 1998 die Produktion der Mittel- und Großbetriebe um 15 Prozent zurückging, die aller Betriebe aber nur um 7 Prozent. Die Produktion der Kleinbetriebe, deren Anteil an der Gesamtproduktion 1998 21,4 Prozent erreichte, ist im gleichen Zeitraum demnach um etwa 42 Prozent gestiegen.[11] Da die Klein- und Mittelbetriebe aber vorwiegend in den zentralen Gebieten entstehen und sich entwickeln,[12] ist die Produktion in diesen Regionen im Verhältnis zu den peripheren Räumen erheblich günstiger verlaufen, als sich dies in der Industriestatistik niederschlägt. Die von der Transformation neu gesetzten Rahmenbedingungen führen somit zu dem erwarteten Ergebnis, dass die peripheren Räume an Gewicht verlieren. Diese Tendenz ist nach vorliegenden Indizien auch durch den erheblichen Anstieg der Energiepreise auf dem Weltmarkt seit 1999 nicht mehr umgekehrt worden.

Es wird also bereits in Ansätzen eine deutliche Neubewertung des russischen Wirtschaftsraums erkennbar. Die peripheren Räume (insbesondere die nördlichen Gebiete Ostsibiriens und des Fernen Ostens) verlieren an Wirtschaftskraft im Verhältnis zu den zentralen Gebieten, zu denen aufgrund der verkehrstechnischen Anbindung auch der nordwestliche, zur Ostsee hin orientierte Raum zählt. Mit dem seit 1998 vorhandenen Wachstum der russischen Wirtschaft verstärkte sich diese Entwicklung noch.


Fußnoten

7.
Ab den Werten für 1999 werden die regionalen Werte in der russischen Statistik nach den neuen Großregionen ausgewiesen, die z. T. erheblich von den alten Regionen abweichen. Dies gilt vor allem für die Uralregion, die nun auch den nördlichen Teil Westsibiriens umfasst. Zu der Abgrenzung siehe z.B. Goskomstat Rossii, Regiony Rossii, oficial' noe izdanie 2001 (Statist. Komitee Russlands, Regionen Russlands, offizielle Ausgabe), Moskau 2001, S. 14.
8.
Vgl. Goskomstat, Rossijskij statisticeskij ezegodnik (Russ. Statistisches Jahrbuch), 1999, S. 345f.
9.
Vgl. RWE, Weltenergiereport 2002, Energietransport: Schlüssel zu einer sicheren Versorgung, Essen 2002.
10.
Vgl. hierzu Hermann Clement/Michael Knogler/Sighelm Thede, Russische und ukrainische Regionen im Transformationsprozess, Arbeiten aus dem Osteuropa-Institut München (Working Papers), Nr. 219/1, September 1999, S. 30ff.
11.
Zur Berechnung siehe H. Clement u.a. (ebd.), S. 31, Fn. 32.
12.
Allein 44,5 Prozent aller Kleinbetriebe entfielen 1999 auf den Handel und das Gaststättengewerbe. Der Anteil der Kleinbetriebe an den Industriebetrieben erreichte 1999 15,7 Prozent; allein 45,6 Prozent aller Kleinbetriebe entfielen dabei auf die Nordwest- und die Zentralregion mit den Städten Moskau und St. Petersburg, vgl. Goskomstat Rossii, Rossijskij statisticeskij ezegodnik (Russ. Statistisches Jahrbuch), 1999, Moskau 1999, S. 280f.

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