APUZ Dossier Bild

6.5.2003 | Von:
Hermann Clement

Die Wirtschaftsstruktur Russlands

Investitionsprozess verstärkt Energie- und Rohstofflastigkeit

Mit der Transformation setzte ein radikaler Investitionseinbruch ein. Die realen Gesamtinvestitionen in den Kapitalstock sanken gegenüber 1990 auf einen Tiefstand von 31 Prozent 1998 und erholten sich bis 2001 wieder auf 41 Prozent.[13]

Strukturell zeigen auch die Investitionen die bereits bei der Produktion zu beobachtende Verschiebung (vgl. Tab. 6).

Während der ersten Transformationsphase hatten sowohl die Industrie - und dort auch die rohstoffgewinnenden Zweige - als auch die Landwirtschaft erhebliche überproportionale Investitionsrückgänge zu verkraften. Ihr Anteil an den Gesamtinvestitionen nahm stark ab. Zunahmen verzeichneten in dieser Phase vor allem das Bau-, Transport- und Nachrichtenwesen. Neben den strukturellen Verschiebungen ist für diese Entwicklung in erheblichem Umfang auch der noch nicht funktionierende Kapitalmarkt verantwortlich. Nur die Bereiche, die ausreichend Gewinne erzielten, vom Staat bevorzugt mit Investitionsmitteln versorgt wurden oder denen überproportional viel ausländisches Kapital zufloss, konnten sich relativ gut halten. Die zunehmend privatisierten verarbeitenden Industriebereiche, die vor allem auf die Selbstfinanzierung angewiesen waren, hatten dagegen wenig Chancen, bei der sinkenden Wirtschaftsleistung ihre Investitionen auszudehnen.

Mit dem einsetzenden Wachstum änderte sich dies. Die florierenden Zweige der Energie- und Rohstoffwirtschaft investierten überproportional, was insbesondere für den Bereich der Gewinnung von Erdöl und Edgas und die Buntmetallurgie zutrifft. Ihr Anteil an den Gesamtinvestitionen ist bis 2001 erheblich angestiegen. Deutlich gewonnen hat weiter das Transportwesen, wo das Rohrleitungsnetz für den Transport von Erdöl und Edgas eine bedeutende Rolle spielt.

Diese sektorale Verschiebung der Investitionen schlug sich auch entsprechend der Verteilung dieser Branchen in der Regionalstruktur der Investitionen nieder (vgl. Tab. 7).

Auch die Anteile der Großregionen an den Zuführungen zum Kapitalstock, die seit 1992 insgesamt dramatisch abgenommen haben, bestätigen die grundsätzliche Tendenz zur regionalen Umstrukturierung. Mit Ausnahme der Zentralregion haben nur die Gebiete mit Erdöl- und Gasgewinnung ihren Anteil beim Zufluss in den Kapitalstock steigern können. Dies zeigt, dass sich die Investitionen verstärkt in die zentralen Gebiete Russlands bis hin in die Nordwestregion verlagern. Dagegen verlieren die peripheren Räume, selbst wenn sie über Rohstoffe - außer Kohlenwasserstoffe - verfügen, immer mehr an Bedeutung.[14]

Die sich verändernde regionale Struktur wird insbesondere auch an der Wanderungsbewegung der Bevölkerung deutlich. Während der natürliche Bevölkerungszuwachs in den peripheren Gebieten immer noch höher ist als in den zentralen Gebieten, verlieren diese durch Wanderungsbewegungen seit 1990 so viele Personen, dass sich die Tendenz bei der Bevölkerungszunahme in den letzten Jahren umkehrte.[15] Die Gesamtbevölkerung entwickelt sich in den zentralen Gebieten, trotz des z. T. erheblichen negativeren natürlichen Zuwachses, relativ günstiger als in den peripheren Gebieten, weil die Zuwanderung vor allem aus den nordöstlichen sibirischen Regionen und anderen nördlichen und östlichen peripheren Gebieten zunimmt.[16]


Fußnoten

13.
Vgl. Goskomstat Rossii, Rossija v cifrach (Russland in Zahlen) 2002, Moskau 2002, S. 320.
14.
Vgl. H. Clement u.a. (Anm. 10), S. 38ff.
15.
Vgl. ebd., S. 14ff., und Timothy Heleniak, Out-Migration and Depopulation of the Russian North during the 1990s, in: Post-Soviet Geography and Economics, (1999) 3, S. 155 - 205.
16.
Vgl. Goskomstat Rossii, Rossijskij statisticeskij ezegodnik (Russisches Statistisches Jahrbuch) 2001, Moskau 2001, S. 83ff. und 105ff.

Außenpolitik

Russland und die Europäische Union

Die russische Systemtransformation ist vorerst gescheitert und eine Wertegemeinschaft scheint gegenwärtig kaum möglich. Insgesamt befinden sich die Beziehungen zwischen der EU und Russland spätestens seit der sogenannten Ukraine-Krise auf einem Tiefpunkt. Andreas Heinemann-Grüder skizziert die Entwicklungen.

Mehr lesen