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6.5.2003 | Von:
Hermann Clement

Die Wirtschaftsstruktur Russlands

Außenhandelsstruktur weiterhin unbefriedigend

Trotz vieler Versuche dies zu ändern, ist Russlands Exportstruktur weiterhin extrem energie- und rohstofflastig. Preis- und wettbewerbsbedingt hat sich dies in den letzten Jahren noch verstärkt. Daran wird sich auch kurzfristig wenig ändern. Trotzdem kann Russland aufgrund seiner starken industriellen Basis nicht zu den Entwicklungsländern gezählt werden, für die derart einseitige Exportstrukturen üblich sind. Mit der Transformation waren zwei für die Handelsbilanz entscheidende Entwicklungen verbunden. Zum einen wurde mit der beträchtlichen Handelsliberalisierung der Binnenmarkt der verstärkten ausländischen, insbesondere auch der westlichen Konkurrenz ausgesetzt. Zum anderen gingen aufgrund des Wegfalls des präferierten Handels mit den ehemaligen Mitgliedern des RGW und den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken "leichte" Märkte verloren. Die Preise und damit auch der Wechselkurs nahmen zunehmend Einfluss auf die Gestaltung der Handelsströme.

Bei den russischen Exporten (vgl. Tab. 8) dominieren weiterhin die Bergbauprodukte und Produkte der ersten Verarbeitungsstufe, wobei Erdöl und Erdgas die wichtigsten Exportgüter sind. Ihr Anteil an den Gesamtexporten ist zwar leicht von 45 Prozent 1994 auf 43 Prozent 1998 gesunken, im Wesentlichen beruhte dieser Rückgang aber auf dem Verfall der Energiepreise 1998.[17] Mit steigenden Energiepreisen ist der Anteil bis 2001 wieder um zwölf Prozentpunkte auf über die Hälfte gestiegen. Einschließlich Holz und Holzprodukten sowie Metallen erreichen allein Energie und Rohstoffe weit über drei Viertel der russischen Exporte. Verarbeitete Produkte, insbesondere Maschinen und Ausrüstungen, haben seit 1990 deutlich an Bedeutung verloren. Die russische Industrie war nicht konkurrenzfähig genug, um sich nach dem Wegfall der protektionistischen Mauern auf ihren angestammten Märkten des ehemaligen RGW und der anderen GUS-Staaten zu behaupten. Die konsumnäheren und im Allgemeinen mit einer höheren Wertschöpfung ausgestatteten Güter haben ebenfalls weiter Anteile verloren.

Russland gelang es nicht, sich verstärkt in die intraindustrielle Arbeitsteilung einzubringen. Die Importstruktur weicht stark von der Exportstruktur ab. Maschinen und Ausrüstungen, Nahrungsmittel und Chemische Produkte stellen die Hauptmasse der Importe, wobei sich auch diese Struktur nur langsam verändert. Nach 1998 hat die russische Industrie wieder an Konkurrenzfähigkeit auf dem eigenen Markt gewonnen, sodass die Import-anteile von Nahrungsmitteln und Maschinen sowie Ausrüstungen leicht abgenommen haben.

Trotz jahrzehntelanger Klage, dass Russland nicht länger das Rohstoffanhängsel Europas und des Westens bleiben dürfe, und trotz der Ankündigung entsprechender wirtschaftspolitischer Maßnahmen hat sich an der Außenhandelsstruktur bisher kaum etwas geändert. Die Leistungsfähigkeit der russischen Industrie hat sich nicht so stark erhöht, dass verarbeitete Produkte einen wesentlichen Teil des Außenhandels übernehmen könnten. Verstärkte Exporterfolge werden in diesem Bereich in letzter Zeit fast ausschließlich bei Rüstungsgütern gemeldet. Diese konnten den Rückgang des Anteils der Maschinen und Ausrüstungen jedoch nicht verhindern. Allerdings ist festzuhalten, dass auch die Erfolge des Brennstoffsektors fast ausschließlich auf Preiseffekte zurückzuführen sind und die Anteile der anderen Bereiche dadurch rechnerisch sinken.

Die positive Seite der wertmäßigen Steigerung der Brennstoff- und Metallexporte war, dass Russland einen enormen Handelsbilanzüberschuss von 60 Mrd. US-Dollar in 2000 und etwa 50 Mrd. in 2001 und 2002 erzielen konnte. Die Leistungsbilanzüberschüsse stiegen trotz der hohen Belastung durch die Bedienung der Auslandsschulden, und es konnten Währungsreserven von 52 Mrd. US-Dollar bis Ende Februar 2003 aufgebaut werden.

Auf der Importseite zeigten dagegen die Abwertungseffekte deutliche Wirkung. Die Importe sind von 1997 auf 1999 um etwa 45 Prozent gesunken. Insbesondere die Einfuhren von verarbeiteten und landwirtschaftlichen Produkten gingen stark zurück. Dies betraf vor allem Weißzucker, Fleischkonserven und Alkoholika.[18] Die heimische Produktion erhielt dadurch wesentliche Impulse; das Wachstum der Nahrungs- und Konsumgüterindustrie nach 1999 ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen.[19] Inzwischen geht durch die reale Aufwertung ein Teil dieses Vorteils wieder verloren, sodass die Importe von 1998 bis 2001 wieder um 13,4 Mrd. US-Dollar oder mehr als ein Drittel zugenommen haben.


Fußnoten

17.
Bis 1997 war die Quote auf 47,85 Prozent angestiegen.
18.
Vgl. Vnesnjaja torgovlja (Außenhandel), (2000) 2, S. 50ff.
19.
Vgl. u.a. Abwertung hilft der Lederindustrie, in: Nachrichten für den Außenhandel, Nr. 139, 21. Juli 2000.

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